Lieferketten brechen zusammen, Preise steigen und hunderte Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die IHK zu Kiel konfrontierte die Gäste mit einem inszenierten Krisenszenario und ließ sie in Echtzeit abstimmen, wie sie auf den Schock reagieren würden.
Eine deutliche Mehrheit des Publikums entschied sich gegen nationale Autarkie und für den Aufbau gemeinsamer europäischer Kapazitäten – trotz höherer Kosten. Damit macht die IHK zu Kiel deutlich: Ohnmacht gegenüber globalen Abhängigkeiten hilft nicht weiter, Unternehmen und Politik müssen trotz Unsicherheit entscheidungsfähig bleiben.
Resilienz ist Standortpolitik
Beim Jahresempfang plädierte IHK-Präsident Knud Hansen für ein beherztes Umdenken: "Wirtschaftliche Resilienz ist kein abstraktes Zukunftsthema, sondern eine akute Standortfrage für Schleswig-Holstein. Die einseitige Fixierung auf Effizienz der vergangenen Jahrzehnte stößt an ihre Grenzen. Heute müssen wir einer notwendigen Sicherheits-Prämie ins Auge blicken. Das lang dominierende Just-in-Time-Prinzip macht Unternehmen besonders verwundbar."
Eine Wende zu diversifizierten Lieferketten sei unumgänglich. Schleswig-Holstein habe als "Labor für Resilienz" beste Voraussetzungen.
"Mit mehr als 250 Prozent erneuerbarem Strom, einer starken Kreislaufwirtschaft und digitaler Souveränität durch geschützte IT-Infrastrukturen bauen wir krisenfeste Wertschöpfung auf. Resilienz entsteht durch kluge Risikoverteilung, nicht durch Rückzug aus globalen Märkten."
- IHK-Präsident Knud Hansen
Politik und Wirtschaft: Zusammenarbeit im Fokus
Im Strategietalk mit Ministerpräsident Daniel Günther betonte Hansen, dass dieser Weg nur im Schulterschluss gelinge. Politik und Verwaltung seien gefordert, strukturelle Voraussetzungen zu schaffen: leistungsfähige Infrastruktur, verlässliche Energieversorgung und schnellere Genehmigungsverfahren. Im Gegenzug zieht die IHK die Unternehmen in die Pflicht, selbst aktiv in widerstandsfähige Lieferketten und Risikostreuung zu investieren.
"Resilienz entscheidet zunehmend auch über Wettbewerbsfähigkeit. Sicherheit und wirtschaftliche Dynamik sind kein Widerspruch – im Gegenteil: Sicherheit ist Grundlage für unternehmerisches Vertrauen. Schleswig-Holstein hat sich frühzeitig auf den Weg gemacht, gemeinsam mit Wirtschaft und Kommunen die Krisenfestigkeit unseres Landes zu stärken. [...] Wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, wird Resilienz zum echten Standortvorteil für Schleswig-Holstein."
- Ministerpräsident Daniel Günther
Wissenschaftliche Perspektive
Warum der Kurswechsel hin zu mehr Resilienz keine Option, sondern eine ökonomische Notwendigkeit ist, ordnete Prof. Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, in seiner Keynote ein. Er belegte, dass Resilienz entscheidend ist, um Wohlstand und Arbeitsplätze langfristig zu sichern.
Schleswig-Holstein ist für das kommende Jahrzehnt gut aufgestellt. Viele weltwirtschaftliche Verwerfungen treffen das Land weniger stark als klassische Industrieregionen, zugleich bildet die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie einen wichtigen Standortanker. Hinzu kommen große Chancen bei Energieinfrastruktur und Rechenzentren. Entscheidend ist, diese Potenziale konsequent zu nutzen:
Es braucht mehr Tempo bei Genehmigungen und Investitionen, gezielte Innovationsförderung und einen spürbaren Bürokratieabbau. Ebenso notwendig sind Veränderungsbereitschaft in Politik und Gesellschaft sowie eine klare europäische Perspektive. So kann Schleswig-Holstein seine Stärken in dauerhaftes Wachstum und gute Arbeitsplätze übersetzen.
- Prof. Dr. Moritz Schularick
Expertenpanel: Labore der Resilienz
Gestaltungsspielräume gegen die Ohnmacht In einer anschließenden Expertenrunde wurden konkrete Hebel für Schleswig-Holstein diskutiert. Die Botschaft: Wirtschaft ist Teil der Lösung.
Dr. Alexander Rochlitz (Rochlitz Consulting): Positionierte die Kreislaufwirtschaft als "Versicherungspolice" für Rohstoffe wie Stahl und seltene Erden. Regionale Wertschöpfung und Energie-Autonomie durch "Waste2Energy" senken die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten.
Ralph Seifert (dataR GmbH): Betonte die Bedeutung digitaler Autonomie. Regionale Rechenzentren fungieren als Schutzschild gegen globale geopolitische Verwerfungen und sichern die Handlungsfähigkeit vor Ort.
Jörg Orlemann (IHK zu Kiel): Resilienz braucht Koordination. Er erläuterte die Rolle der IHK in der Taskforce "Zivile Verteidigung" des Landes und wie staatliche Vorsorge eng mit unternehmerischer Eigenverantwortung verzahnt wird.
Praktische Hilfe: IHK-Krisenleitfaden
Damit die Unternehmen die geforderte Wende sofort einleiten können, belässt es die IHK nicht bei politischen Forderungen. Wir stellen den neuen IHK-Krisenvorsorgeplan zur Verfügung – ein praktisches Werkzeug, mit dem Betriebe ihre eigene Resilienz prüfen und gezielt stärken können. "Wir liefern nicht nur die Analyse, sondern auch das Handwerkszeug für den Ernstfall", so Hansen.