Interview: Ron Gerlach (November 2017)

"Dieser Weg hat kein Ende"

Immer wieder tauchen Modewörter in der Wirtschaft auf - und werden inflationär und häufig zusammenhanglos gebraucht. Nachhaltigkeit war in den vergangenen Jahren eins davon. Dabei ist der Ansatz elementar wichtig. Doch wie wird man ein nachhaltiges Unternehmen? Im Interview spricht Ron Gerlach, Geschäftsführer der Stena Line GmbH & Co. KG, über die ambitionierten Pläne der Fährgesellschaft.
​​​​​​​ Stena Line will die nachhaltigste Fährgesellschaft der Welt werden. Was hat den Anstoß zu diesem ehrgeizigen Projekt gegeben?
Ron Gerlach: Als Familienunternehmen mit 27.000 Abfahrten im Jahr auf 20 Routen in ganz Europa tragen wir eine besondere Verantwortung für nachhaltigen Betrieb - sowohl gegenüber nachfolgenden Generationen als auch gegenüber uns selbst. Um langfristig profitabel operieren zu können, ist eine bessere Umweltbilanz entscheidend.
Hand aufs Herz: Wie weit ist der Weg noch?
Gerlach: Der Weg hat kein Ende, nur Wegmarken. Eine davon ist etwa die Verbannung von Einwegverpackungen auf allen 35 Passagierfähren in diesem und im nächsten Jahr - eine weitere, unsere CO2-Emissionen bis 2030 um 35 Prozent zu senken. Es geht ja nicht nur um saubere Schifffahrt, sondern um unser gesamtes Wirkungsumfeld. Wir haben vier strategische Felder in unserer Nachhaltigkeitsstrategie identifiziert: saubere Energie, nachhaltiger Verbrauch, Leben unter Wasser und Gesundheit und Wohlergehen. Da wird uns die Arbeit so schnell nicht ausgehen.
Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Baustein auf dem Weg zur Nachhaltigkeit?
Gerlach: Wir benötigen einen Kulturwandel - in Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Angesichts der vielfachen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, müssen wir noch stärker als bisher daran arbeiten, veraltete Handlungsmuster zu überwinden und neue technische und digitale Möglichkeiten in unseren Alltag und unsere Abläufe zu integrieren. Verantwortung zu übernehmen und Innovation zuzulassen, mit Rücksicht auf Umwelt und Mitmenschen: Das ist die Basis, auf der wir bei Stena Line handeln wollen. Bedeutet Ihr Engagement für die Umwelt, dass Ihre Kunden höhere Preise zahlen müssen? Sind sie bereit dazu? Honorieren die Gäste Ihr Engagement?
Gerlach: Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als 300 große und kleine Maßnahmen umgesetzt, von Unterwasseranstrichen über Landstromanschlüsse bis zur Methanolfähre. Wenn wir jedes Mal die Rechnungsstellung anpassen würden, könnten wir gar keine Fähre mehr betreiben. Wir sehen immer häufiger, dass die Kunden mehr Anstrengungen in Sachen Nachhaltigkeit fordern. Das gilt für den Transporteur nach Großbritannien genauso wie für den Touristen auf dem Weg nach Schweden. Dieses Feedback macht es uns natürlich viel leichter, weitere Maßnahmen zu planen und umzusetzen.
Zur Person
Ron Gerlach, Jahrgang 1975, ist seit 2015 für das Geschäft der schwedischen Fährreederei Stena Line in Deutschland verantwortlich. Zuvor war der gelernte Schiffbauingenieur in verschiedenen Positionen innerhalb des Mutterkonzerns Stena AB tätig, so etwa als Direktor für Schiffsmanagement bei Northern Marine Ferries in Glasgow, Schottland.
Stena Line hat die Plastiktüten durch biologisch abbaubare Tragetaschen ersetzt. Wäre es nicht besser, direkt auf "Wegwerfartikel" zu verzichten und zum Beispiel Leinenbeutel anzubieten?
Gerlach: Die Umstellung wurde konzernweit betrieben, also auf 20 verschiedenen Routen mit individuellen Verkaufsprofilen und sehr unterschiedlichen Quellmärkten. Abgabepflichtige Tragetaschen sind daher vorerst keine Option. Dennoch haben wir aus meiner Sicht die beste Lösung gefunden: Wir haben ja nicht nur die Tüten ersetzt, sondern auch die Kaffeebecher. Aus einem einfachen Grund: Wir wollen Plastikmüll vermeiden, der selbst nach der Entsorgung noch jahrelang im Meer schwimmt. Unsere neuen Tüten sind aus Biodolomer, das schon nach 60 Tagen vollständig zersetzt werden kann. Bei einer Million Tüten pro Jahr ist das eine ganze Menge Müll, der vermieden wird.
Was geben Sie anderen Unternehmen mit auf den Weg, die ihr Unternehmen auch umweltfreundlicher gestalten möchten?
Gerlach: Es ist nicht an mir oder an Stena Line, anderen Unternehmen Ratschläge zu erteilen. Wir haben uns mit der Nachhaltigkeitsstrategie ehrgeizige Ziele gesetzt. Diese zu erreichen, fordert uns jeden Tag. Als familiengeführtes Unternehmen leben wir eine Kultur der persönlichen Wertschätzung der Mitarbeiter und Kollegen. Und der Erfindungsreichtum, der Enthusiasmus und der Ehrgeiz, die man an vielen Stellen bei Stena Line spürt, sind sicherlich eine Folge davon.
Über Stena Line
Die schwedische Fährreederei Stena Line wurde 1962 gegründet. Europaweit betreibt das Unternehmen 20 Routen mit 35 Schiffen und beschäftigt 5.000 Mitarbeiter. Pro Jahr transportiert Stena Line sieben Millionen Passagiere, 1,5 Millionen Autos und zwei Millionen Frachteinheiten. In diesem Jahr stellte die Reederei ihre Nachhaltigkeitsstrategie vor, die sich an vier Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen orientiert. Dazu gehören:

• die Verringerung der CO2-Emissionen pro Seemeile um 2,5 Prozent pro Jahr und um insgesamt 35 Prozent bis 2030
• die Verbannung von Einwegverpackungen und Plastiktüten im gesamten Unternehmen zwischen 2017 und 2018
• die Halbierung der Nutzung schädlicher Chemikalien bis 2020 und der komplette Verzicht bis 2030
• die weitere Verringerung der Arbeitsunfälle auf 1,2 Ausfalltage pro eine Million Arbeitsstunden
Interview: Kathrin Ivens
Veröffentlicht am 3. November 2017