Existenzgründung (Juli 2015)

Start-ups im "echten Norden"

Das eigene Unternehmen gründen, der eigene Chef sein: Diese Aussicht sorgt nach wie vor dafür, dass Bürgerinnen und Bürger in Schleswig-Holstein eine selbstständige Tätigkeit als attraktive Alternative zu einer möglichen Angestelltentätigkeit vorziehen - allerdings mit rückläufiger Tendenz. Eine Bestandsaufnahme.
In 2014 haben nach dem statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 27.426 Personen in Schleswig-Holstein ein Gewerbe angemeldet. Dem steht eine ähnliche hohe Anzahl von Gewerbeabmeldungen (27.402) gegenüber. Anders als in vorangegangenen Jahren, als die Zahl der Neuanmeldungen die Zahl der Abmeldungen teilweise deutlich überstieg, ist das Verhältnis von Gewerbeanmeldungen zu -abmeldungen mittlerweile ausgeglichen. "Dieser Zustand ist einerseits zu bedauern, andererseits sind die Werte ein Indiz dafür, dass Schleswig-Holstein - ähnlich anderen Bundesländern - einem Strukturwandel unterliegt. Veraltete Geschäftsmodelle werden weniger nachgefragt und die konsequente Entwicklung einer Geschäftsidee zu einem tragfähigen Geschäftsmodell wird notwendiger denn je", sagt Nils Thoralf Jarck, Federführer für Existenzgründung und Unternehmensförderung der IHK Schleswig-Holstein. "Hier bieten die Industrie- und Handelskammern an verschiedenen Standorten in Schleswig-Holstein Gründungsinteressierten zahlreiche Beratungs- und Informationsmöglichkeiten unter anderem zu den Themen Businessplanerstellung und Finanzierungshilfen an."
Schlüsselt man die Gewerbeanmeldungen nach Branchen auf, fällt ins Auge, dass Existenzgründungen im Handel am stärksten vertreten sind (5.143 Anmeldungen im Jahr 2014). Dazu zählen neben dem klassischen stationären Einzelhandel und dem Großhandel auch Onlineshops. Die zweitmeisten Gründungen verzeichnet der Bereich des Baugewerbes (3.295). Auf den folgenden Plätzen finden sich zahlreiche weitere Dienstleistungen.
Faible für Technik
Einige Beispiele zeigen, wie vielfältig und kreativ die Gründerlandschaft Schleswig-Holsteins ist: "Ich bin meinem Herzen gefolgt und arbeite heute sinnerfüllt mit Menschen, die ihre körperliche oder psychische Gesundheit mit Yoga verbessern wollen", berichtet etwa Stefanie Kinter, Inhaberin des YogaZentrums Travemünde. Sie hat ihren langjährigen Job im Online-Marketing in einem großen Konzern aufgegeben und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.
Die Lust am Unternehmertum und das Faible für technische Entwicklung begleitet die Brüder Simon und Jonas Kühling von klein auf. So gründeten sie noch zu Schulzeiten ihre erste Unternehmung. Seit 2013 produzieren sie erfolgreich den 3-D-Drucker RepRap Industrial in Serie und setzen dabei nach wie vor auf Open-Source-Prinzipien.
Annika und Ole Appeldorn haben im November 2014 ein Restaurant am Büsumer Hauptstrand mit deichaufliegender Meerterrasse übernommen und starten unter dem Namen "mien Büsumer Pesel" hoffnungsvoll in die Saison 2015. Im Vorfeld der Gründung hat sich das Ehepaar in der Geschäftsstelle Dithmarschen der IHK Flensburg beraten lassen.
Diese und viele andere Existenzgründer zeigen, dass sie bereit sind, sich bereits zum Start ihrer Gründung professionell aufzustellen, und die Herausforderungen angesichts einer sich dynamisch entwickelnden Wirtschaftsstruktur im "echten Norden" annehmen.
Kai Uwe Steding
Veröffentlicht am 13. Juli 2015