Unternehmer in Schleswig-Holstein (Juli 2015)

Mut zum Handeln

"Unternehmer? Wollte ich nie werden!", sagt Andreas Großmann, Geschäftsführer des Lübecker Software-Dienstleisters Plato AG. Er habe nur einen Weg gesucht, seine Ideen zu verwirklichen. Aber wie wird man Unternehmer? Gibt es "die Unternehmerpersönlichkeit"? Und was bedeutet Unternehmertum? Sechs Unternehmer aus Schleswig-Holstein berichten über Vorteile, Herausforderungen, ihre Philosophie und Mitarbeiterverantwortung.
Liebhaberei, Faszination oder "die eine Idee" - es gibt viele Gründe, sich selbstständig zu machen. Der Informatiker Großmann beispielsweise verkaufte seine erste Anwendung, basierend auf Techniken der künstlichen Intelligenz, bereits kurz nach seinem Studium für 85 Mark. Sein Unternehmerkollege Axel Sörensen aus Schleswig berichtet, dass ihn schon immer fasziniert habe, dass es "da oben" eine unerschöpfliche, extrem starke, kostenfreie Energiequelle gebe, die jeder anzapfen könne. Schon im Energietechnik-Studium hielt der 47-Jährige fossile Energielieferanten für "aussterbende Dinosaurier". Da die Branche in den 80er-Jahren nur aus Einmannbetrieben bestand, machte er sich mit der Solar-Technik Nord GmbH selbstständig. Wie Großmann und Sörensen gründete auch Timo Klass kurze Zeit nach seinem Studium, nachdem er zwei Jahre im Verlagswesen gearbeitet hatte: Zwölf Jahre später hat seine Agentur Hochzwei in Flensburg 45 Mitarbeiter. Für die 63-jährige Kielerin Regina Raubusch kam nach langjähriger Erfahrung in Führungspositionen im In- und Ausland von ihrer Position her nur die Selbstständigkeit infrage. Mit ihrem Beratungs- und Coachingunternehmen feiert sie 2016 ihr 20-jähriges Bestehen. Bei Juliane Neuß war es Liebhaberei: "Ich habe von meinem ersten Fahrrad schon in Erinnerung, dass es auf dem Kopf stand und ich geschraubt habe." 1993 entwickelte sie das mitwachsende Kinderrad, von dem rund 2.000 produziert wurden. "Das macht natürlich Mut zu mehr." Parallel zu ihrer Arbeit als Laborantin für Werkstoffkunde gründete sie vor 17 Jahren die Einfraufirma Junik in Glinde, wo sie mittlerweile hauptberuflich Spezialfahrräder, etwa 12-Zoll-Räder für kleinwüchsige Kleinkinder, konstruiert. "Die Idee, mich selbstständig zu machen, kam schon in der Schule", sagt hingegen die 34-jährige Ann Christin Hahn, Inhaberin von Lasermobil e. K. in Tornesch. Da sie die Gründung ihres Vaters miterlebte, kannte sie die Klassiker: "Die Bank, die Steuer - und dass es häufig anders kommt, als man es gerade braucht."
Entscheidungsfreiheit
"Ich kann mir nicht mehr vorstellen, einen Achtstundentag als Angestellte zu verbringen. Das halte ich für Zeitverschwendung, weil meine Fähigkeiten dann brachliegen", sagt Fahrradexpertin Neuß. Hauptnachteil sei, zu viel Zeit für zu wenig Geld zu opfern. Großmann meint, als Unternehmer sei der Identifikationsgrad wesentlich höher: "Jede Stelle hat von vornherein eine gewisse Fremdbeschreibung."
Es sei ein riesiger Vorteil, wenn einem niemand reinreden kann, sagt der Energieingenieur Sörensen: "Ich bin gerne Unternehmer, weil ich jeden Tag neu entscheiden kann, was ich tun möchte und wie ich es tun möchte." Kommunikationsfachmann Klass gibt zu bedenken: "Man hat zwar keinen direkten Chef, dafür aber ganz viele - und zwar seine Kunden." Dennoch habe er die Freiheit zu entscheiden, in welche Dinge er Zeit und Geld investierte.
Mit anderen Flensburger Unternehmen arbeitet Klass seit drei Jahren ehrenamtlich an einer Imagekampagne für die Stadt. Auch Sörensen ist ehrenamtlich Mitglied des Unternehmerzusammenschlusses "Schleswig Paten". Warum? "Weil es auch ein Zugehörigkeitsgefühl zur Region gibt." Jungunternehmerin Hahn hat über die Wirtschaftsjunioren den Verein "Mentor - die Leselernhelfer Kreis Pinneberg e. V." mitinitiiert und Personalberaterin Raubusch unterstützt beispielsweise junge Unternehmerinnen im Mentoringprogramm TWIN (TwoWomenWin). Großmann überlässt Hochschulen kostenlose Softwarelizenzen: "Man kann natürlich sagen, ich bin ein Gutmensch - ja, das auch, aber die Studierenden sind auch die nächste Generation, die unsere Produkte verwendet." Neuß ist der Meinung, dass Unternehmer die Fähigkeit haben, etwas zu verändern: Wer diese Erfahrung in der eigenen Firma mache, werde mutiger, auch in der Gesellschaft mitzuwirken.
Grundsätzlich müsse sich nicht jeder selbstständig machen, findet Raubusch: "Unternehmer sein heißt viel arbeiten, bevor man seine Früchte ernten kann." Es sei schon im Wort angelegt: selbst und ständig. "Man ist eigentlich 24/7-Unternehmer", sagt Klass. Sörensen stellte schon im Studium fest: "Bei Projektarbeiten gab es diejenigen, die sofort klare Vorstellungen und viele Ideen hatten. Andere arbeiteten lieber zu." Als Arbeitnehmer habe man natürlich jemanden, der Orientierung gibt, bestätigt Hahn. Das fehle ihr selbst als Unternehmerin manchmal. Beim Thema Mitarbeiter habe sie daher eine klare Überzeugung: "Wenn etwas hakt, liegt es oft am Unternehmer. Banales Beispiel: Wenn Mitarbeiter sich nicht trauen, Entscheidungen zu treffen, ist vielleicht der Rahmen nicht klar genug abgesteckt." Vor allem dürfe niemand für eine Entscheidung "angezählt" werden, die er im Sinne des Unternehmens trifft: "Wenn Einsatz und der Mut, Dinge zu regeln, bestraft werden, dann kommt schnell kein Einsatz mehr."
Hart kalkulieren
"Man sollte sich auch gut überlegen: Habe ich das Kaufmännische drauf? Oder bin ich nur beim Produkt gut? Dann wird’s nicht funktionieren", sagt Klass. Neuß verkalkulierte sich bei ihrer ersten Produktion, hatte 12.000 Euro Materialschulden: "Bei Liebhaberei setzt man aus purer Menschenfreude häufig die Zahlen nicht hoch genug an. Ab dem Moment habe ich ganz brutal durchkalkuliert." Nach vier Jahren war sie schuldenfrei.
Verantwortung, vor allem den eigenen Mitarbeitern gegenüber, ist für alle sechs Unternehmer ein großes Thema. Während der Dotcom-Blase 2001 und auch 2008 sei es sehr eng geworden, erzählt Großmann. Obwohl der Umsatz sich halbierte, wurde niemand entlassen. "Schnell handeln ist wichtig, aber nicht hysterisch - und hysterisch wäre, die Verantwortung zu vergessen: Wir sind 55 Leute, das sind 55 Familien." Auch wenn Plato mittlerweile eine AG sei, seien sie nicht zynisch geworden: "Wir bauen nichts, das nach zwei Jahren kaputt ist. Das ist natürlich gang und gäbe, aber albern. Wir sind schon am Erfolg orientiert - das bedeutet, dass wir Respekt gegenüber unseren Kunden und dadurch auch langjährige Partnerschaften haben."
Unternehmen in Schleswig-Holstein
Am 1. Januar 2015 waren in Schleswig-Holstein 176.614 IHK-zugehörige Unternehmen gemeldet, davon sind 55.003 im Handels-/Genossenschaftsregister eingetragen und 121.611 Kleingewerbetreibende. Im Zehnjahresvergleich hat sich die Zahl um 14 Prozent erhöht (2005: 154.845). Auf die Land- und Forstwirtschaft entfallen nur 1,1 Prozent der Unternehmen; 13,8 Prozent gehören dem produzierenden Gewerbe an, 26,9 dem Handel, 5,8 dem Gastgewerbe, 3,6 dem Verkehr und der Lagerei und 48,8 dem übrigen Dienstleistungssektor. Die schleswigholsteinische Wirtschaft ist stark mittelständisch geprägt: 91 Prozent der Unternehmen beschäftigen null bis neun Mitarbeiter, 7,4 Prozent zehn bis 49 Mitarbeiter, 1,3 Prozent 50 bis 249 Mitarbeiter und nur knapp 0,3 Prozent 250 und mehr Mitarbeiter. Damit besteht die Wirtschaft zu 99,7 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen, was über dem Bundesdurchschnitt liegt.
Andrea Scheffler
Veröffentlicht am 13. Juli 2015