Professur für Entrepreneurship (Juli 2015)

"Unternehmertum ist ein Handwerk!"

Christian Scheiner ist neuer Professor für Entrepreneurship an der Uni Lübeck. Er will Studierenden das Grundgerüst für die Unternehmensgründung mitgeben - denn Gründersein kann man lernen, ist seine Auffassung. Um mehr junge Menschen zur unternehmerischen Tätigkeit zu motivieren, sei nicht zuletzt eine größere gesellschaftliche Wertschätzung für den Unternehmerberuf wünschenswert.
Wirtschaft: Herr Professor Scheiner, kann man Unternehmertum lernen?
Christian Scheiner: Betrachtet man die Ergebnisse der Forschung in den vergangenen 30 Jahren, kann man relativ schnell sagen, dass es "den" Unternehmertypus nicht gibt. Die Ergebnisse der sogenannten Persönlichkeitsmerkmalsforschung zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Unternehmenserfolg und der Persönlichkeit des Gründers gibt. Man wird also nicht als Unternehmer geboren. Unternehmertum ist vielmehr ein Handwerk, das man erlernen kann. Erlernen heißt jedoch nicht, dass man nach einem Studium ein kompletter Unternehmer ist. Denn wie in jedem Handwerk gehört zur Erlangung der Meisterreife auch die hart erarbeitete Erfahrung aus der Tätigkeit. Trotzdem vermittelt das Studium ein gutes Grundgerüst, die Ausstattung mit den notwendigen Techniken und erste eigene Erfahrungen, die eine solide Basis für die unternehmerische Tätigkeit darstellen.
Wirtschaft: Was zeichnet einen guten Unternehmer aus?
Scheiner: Für mich persönlich zeichnet einen guten Unternehmer aus, dass er in der Lage ist, eine Geschäftsmöglichkeit erfolgreich umzusetzen. Was dann Erfolg für die einzelne Person bedeutet, ist wiederum etwas Individuelles. Zumindest sollte man aber von der eigenen unternehmerischen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt finanzieren können. Außerdem ist eine Orientierung am Leitbild des ehrbaren Kaufmanns etwas, das einen guten Unternehmer ausmacht: sich der Verantwortung für das eigene Unternehmen, für die Mitarbeiter, für die Gesellschaft und für die Umwelt bewusst sein und sein Handeln so ausrichten, dass der wirtschaftliche Erfolg auch im Einklang mit den Interessen der Gesellschaft steht.
Wirtschaft: Was sind die häufigsten Fehler, die Unternehmensgründer begehen?
Scheiner: Betrachtet man die Gründe, die mit dem Scheitern von Unternehmen in Verbindung gebracht werden, würde ich sagen, dass oft die fehlende notwendige Sorgfalt bei der Planung und Umsetzung das zentrale Problem darstellt.
Wirtschaft: Sind die Deutschen eher gründungsfaul?
Scheiner: Es gibt natürlich immer wieder Studien, die ein derartiges Bild suggerieren. Doch muss man, wie bei allen Statistiken, die Zahlen immer genauer anschauen und darauf achten, was die Grundlage einer Statistik ist. Ein Beispiel: In der Entrepreneurship-Forschung unterscheidet man verschiedene Arten von Unternehmern. Eine Form sind die sogenannten Necessity-Entrepreneure, die aus der absoluten Notwendigkeit die Selbstständigkeit wählen. Für diese Personen stellt die Selbstständigkeit aufgrund fehlender Alternativen die einzige Möglichkeit dar, ein Einkommen zu erzielen. Dieses ist jedoch oft so niedrig, dass eventuell gerade das Existenzminimum gesichert wird. Vergleicht man Deutschland also mit einem Land, in dem viele in eine solche Selbstständigkeit getrieben werden, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Deutsche gründungsfaul wären. Wenn man also die reine Zahl nimmt, sagt das für mich noch nichts zwingend aus. In Deutschland gibt es natürlich noch Potenzial nach oben, was das Gründungsverhalten darstellt, nur sollte man das Bild nicht zu schwarz zeichnen.
Wirtschaft: Wie kann man zum Gründen motivieren?
Scheiner: Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich Personen in der Lage fühlen, erfolgreich unternehmerisch tätig zu sein und die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern. Zudem ist es wichtig, dass man Unternehmertum als attraktive und erstrebenswerte berufliche Alternative wahrnimmt. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass das Unternehmertum leider nicht die Wertschätzung in der öffentlichen Darstellung erfährt, die es aus meiner Sicht erfahren sollte. Eine positivere Darstellung des Unternehmertums würde einen großen Beitrag dazu leisten.
Wirtschaft: Wie ist das Umfeld für Gründer in Lübeck?
Scheiner: Ich persönlich beurteile die Chancen hier in Lübeck sehr gut. Gründungswillige Personen können auf eine Vielzahl unterschiedlicher Organisationen zugehen, die ihnen professionelle Hilfe, Unterstützung und Rahmenbedingungen bieten. In meiner kurzen Zeit hier hat mich das Leistungsangebot der IHK und des Technikzentrums Lübeck beispielsweise stark beeindruckt.
Wirtschaft: Wie werden Sie mit der Wirtschaft und Unternehmen zusammenarbeiten?
Scheiner: Das Spektrum der Zusammenarbeit kann von Praxisvorträgen bis hin zu konkreten Aufgabenstellungen reichen, die die Studierenden in Übungen bearbeiten können. Daneben hoffe ich, dass wir die Unternehmen für unsere (Forschungs-)Projekte interessieren und gewinnen können.
Wirtschaft: Haben Sie selbst ein Unternehmen gegründet oder hatten Sie je vor, das zu machen?
Scheiner: Ja, ich bin momentan in eine Gründung eingebunden, die ich im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstütze. Daneben bin ich immer auf der Suche nach gehaltvollen Geschäftsmöglichkeiten und könnte mir deshalb vorstellen, auch künftig stärker unternehmerisch tätig zu sein. Ich muss aber auch betonen, dass die Professur nicht nur einen Beruf für mich darstellt, sondern eine wirkliche Berufung ist und deshalb unangefochten an erster Stelle steht.
Zur Person
Professor Dr. Christian Scheiner, Jahrgang 1978, hat dieses Jahr die Stiftungsprofessur für Entrepreneurship am Institut für Entrepreneurship und Business Development der Universität zu Lübeck übernommen, die von der IHK zu Lübeck, der Possehl-Stiftung und dem Technikzentrum Lübeck getragen wird. Er promovierte und habilitierte sich an der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich des Innovations- und Technologiemanagements von Unternehmen, er forscht insbesondere an der Schnittstelle von Betriebswirtschaftslehre, Informatik und Psychologie. Ziel seiner Lehre ist es, Studierende auf unternehmerische Tätigkeiten vorzubereiten.
Nathalie Klüver
Veröffentlicht am 13. Juli 2015