Unternehmertum (Juni 2016)

Ehrbarkeit ist ein Erfolgsfaktor

Der Ehrbare Kaufmann ist aktueller denn je. Über dieses ewig junge Thema hat sich das IHK-Magazin mit Professor Dr. Joachim Schwalbach ausgetauscht. Der Wertekanon ist für Unternehmer wie Hochschulen gleichermaßen von Interesse.

Wirtschaft: Wie bewerten Sie den Begriff "Ehrbarer Kaufmann"? Passt er noch in die Zeit?
Joachim Schwalbach: Ehrbarkeit ist ein zeitloser Begriff und insbesondere im Wirtschaftsleben ein Erfolgsfaktor. Unehrbare Kaufleute werden in einer Marktwirtschaft aus dem Markt gedrängt und haben wirtschaftlich keine Zukunft. Insofern passt der Begriff "Ehrbarer Kaufmann" - beziehungsweise geschlechtsneutraler ausgedrückt "Ehrbare Kaufleute" - sehr gut auch in die heutige Zeit.
Wirtschaft: Ist das nur etwas für den Mittelständler? Oder: Gäbe es beispielsweise die VW-Krise nicht, wenn die Philosophie des Ehrbaren Kaufmanns auch für internationale Konzerne Geltung hätte?
Schwalbach: Unternehmenskrisen, die durch Fehlverhalten von Führungskräften ausgelöst wurden, sind meist ein Beleg dafür, dass der Verhaltenskodex in diesen Unternehmen entweder nicht beachtet oder gering geschätzt wurde. In großen Unternehmen kann aufgrund der Komplexität der Strukturen Fehlverhalten länger unentdeckt bleiben. In mittelständischen Unternehmen wird Fehlverhalten in der Regel schneller aufgedeckt beziehungsweise aufgrund größerer Transparenz der Tätigkeit erst gar nicht generiert. 
Wirtschaft: Die IHKs bemühen sich, den Ehrbaren Kaufmann hochzuhalten und immer wieder in Zusammenarbeit mit dem Ehrenamt mit Leben zu füllen. Was ist darüber hinaus aus Ihrer Sicht möglich? 
Schwalbach: Die IHKs müssten wesentlich offensiver positive Beispiele von Ehrbaren Kaufleuten herausstellen. Dadurch könnte ein Gegengewicht zu den Medien entstehen, die vorwiegend über negative Beispiele unehrbaren Geschäftsverhaltens berichten. Aktives Hervorheben von Positiv-Beispielen könnte das stark lädierte öffentliche Vertrauen in die Wirtschaft und deren Repräsentanten wiederherstellen. Gefragt sind natürlich auch die Unternehmen und insbesondere der Mittelstand selbst, ihr ehrbares Geschäftsgebaren intensiver zu kommunizieren. Der eklatante Widerspruch - weltweit erfolgreiche deutsche Wirtschaft einerseits, eigensüchtige und geldgierige Wirtschaftsführer andererseits – kann und darf sich nicht in der öffentlichen Meinung festsetzen.
Wirtschaft: Kann ein Wertekanon ganz konkret die Geschäfte eines Unternehmens befördern?
Schwalbach: Unbedingt! Ein Wertekanon wie das Leitbild Ehrbarer Kaufleute ist für den Unternehmenserfolg nach innen und nach außen unabdingbar. Der Kanon müsste in jedem Vertrag - etwa Arbeits- und Kaufvertrag - enthalten sein. Dadurch würde jedem Mitarbeiter und jedem Geschäftspartner signalisiert, dass die Geschäfte nach ehrbaren Prinzipien betrieben werden und das Unternehmen an seinen Prinzipien gemessen werden kann. Das dadurch gewonnene Vertrauen befördert den langfristigen Unternehmenserfolg mehr, als landläufig angenommen wird.
Wirtschaft: Wie kommt ein Hochschullehrer eigentlich dazu, sich für dieses Thema zu engagieren?
Schwalbach: Insbesondere Hochschullehrer der Betriebswirtschaftslehre tragen gegenüber ihren Studierenden und künftigem Managementnachwuchs eine große Verantwortung, sie fachlich und werteorientiert auszubilden. Dabei ist der fachliche Teil leichter zu bewältigen als der werteorientierte. In nach wie vor etwa 90 Prozent der Curricula der BWL in deutschen Hochschulen ist, etwas verkürzt ausgedrückt, die einzige Werteorientierung die Gewinnmaximierung. Werte wie die im Leitbild Ehrbarer Kaufleute niedergelegten, also etwa Verantwortung für das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Gesellschaft zu übernehmen, kommen im Ausbildungskanon zumeist nicht vor. Um dieser einseitigen Ausbildung entgegenzuwirken, wurden in meinem Ausbildungsprogramm im Studiengang Internationales Management fachliche und werteorientierte Themen eng miteinander verknüpft. Dabei dürfen Themen wie das Leitbild Ehrbarer Kaufleute, Corporate Governance, werteorientierte Unternehmensführung und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ( CSR) nicht fehlen.
Wirtschaft: Warum befassen sich so wenige Hochschulen in Deutschland mit Wirtschaftsethik?
Schwalbach: Die Situation ist folgende: Bestehende und zumeist gut gemeinte, teils als Stiftungslehrstühle neu eingerichtete Professuren für Wirtschaftsethik waren und sind nicht die Lösung für eine verantwortungsvolle BWL-Ausbildung. Wenn es beispielsweise unter 30 Professoren in einer Wirtschaftsfakultät nur einen Wirtschaftsethiker gibt, dann werden 29 Professoren ihr business as usual betreiben, also fachorientiert ohne breite Werteorientierung ausbilden. Die Fakultät schmückt sich zwar mit einem Ethikexperten, exkulpiert dadurch aber die anderen Professoren von dieser Aufgabe.
Wirtschaft: Was ist zu tun?
Schwalbach: Die Lösung kann nur sein, die Curricula so zu überarbeiten, dass Wirtschaftsabsolventen ihre künftige Aufgabe im Dienste des Unternehmens und der Gesellschaft ausüben können. Im Übrigen ist ein derartiges Curriculum aus meiner Erfahrung für Studierende und Lehrende weitaus attraktiver und zufriedenstellender. Darüber hinaus, so meine These, wird ein werteorientiert ausgebildeter Managementnachwuchs wesentlich erfolgreicher die täglichen Herausforderungen im Wirtschaftsleben bewältigen, was wiederum positiv für die Unternehmen sowie die Gesellschaft ist.
Interview: Michael Legband
Veröffentlicht am 3. Juni 2016