Kreative Ausbildung (Mai 2014)

Lerninseln und Azubi-Filialen

Sie sollen lernen, selbstständig zu arbeiten, an ihre Grenzen kommen und im Team nach Lösungen suchen. Drei Beispiele, wie Unternehmen in Schleswig-Holstein junge Leute mit spannenden Ausbildungsprojekten motivieren.
Deutschland droht der Fachkräftemangel. Umso wichtiger ist es daher, kreative Ideen zu entwickeln, um die Berufsausbildung für junge Leute attraktiv zu machen. Genau darauf zielt das Projekt "Spurwechsel" des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG) ab. Die 2008 gestartete Ausbildungsinitiative schickt die Azubis im dritten Lehrjahr in den "Spurwechsel". Sie arbeiten dort wie in einer kleinen Firma gemeinsam und eigenverantwortlich an realen Projekten und Aufträgen. "Die Lerninsel besteht aus einem Büro und einer Werkstatt, wo zurzeit fünf Azubis arbeiten", sagt Betreuer Jörg Burmester vom HZG.
Das Team, das alle sechs Monate wechselt, setzt sich aus verschiedenen Ausbildungsberufen zusammen. Die Azubis sollen selbstständig arbeiten, Teamerfahrung sammeln sowie lernen, Projekte zu leiten und zu bearbeiten - von der Auftragsannahme über die Planung bis zur Fertigung. "Das bringt sie auch mal an ihre Grenzen und zwingt sie, nach Lösungen zu suchen", erläutert Burmester. Jeder trägt einen Teil der Gesamtverantwortung. Anja Badura war beispielsweise an der Planung und Entwicklung eines wasserstoffbetriebenen Fahrzeugs beteiligt. "Ein sehr beeindruckendes Projekt!", sagt die Auszubildende im Rückblick.
Verantwortung
"Wir hatten vor vier Jahren die Idee, dass Auszubildende eine Filiale eine Woche lang selbstständig führen", erzählt Ralph Schmidt, bei der Hypovereinsbank in Schleswig-Holstein für das Projekt "Azubi-Filiale" verantwortlich. Jedes Jahr dürfen 15 Azubis aus ganz Schleswig-Holstein daran teilnehmen. Nach Süderbrarup, Neumünster, Rendsburg und Lübeck ist dieses Jahr die Filiale in Husum dran. Die Azubis haben jeweils ein halbes Jahr Zeit, das Konzept zu planen und zu organisieren, um dann eine Filiale eine Woche lang komplett alleine zu führen - von der Privatkundenbetreuung über Service bis zur Filialleitung. Ein Kundenbetreuer ist nur dann dabei, wenn gesetzliche Rahmenbedingungen einzuhalten sind. "Es ist unglaublich, wie viel die jungen Leute in dieser Zeit lernen", so Schmidt. "Ich fand toll, dass die ganze Verantwortung in den Händen der Auszubildenden liegt", fügt der inzwischen ausgelernte Bankkaufmann Hanifi-Nesimi Demir hinzu.
In Kiel haben 44 Azubis bei der CITTI- Handelsgesellschaft anlässlich des verkaufsoffenen Sonntags Ende März ein "Frühlingsfest der Lebensfreude" initiiert und organisiert. Besucher können sich beispielsweise an selbst kreierten Cocktails laben oder die leckeren Mini- Menüs kosten, die die Auszubildenden selbst zubereitet haben. "Wir arbeiten mit Kollegen zusammen, die wir sonst nicht kennengelernt hätten, und bekommen auch Kontakt zu anderen Firmen", sagt Dean Martin Niemöller. Der 20-Jährige absolviert seit August 2013 eine Ausbildung zum Kaufmann für Groß- und Außenhandel. "Ich finde es toll, dass wir die Chance bekommen, über den Tellerrand hinauszublicken - und wir wachsen dabei regelrecht über uns hinaus", fügt er stolz hinzu. Dass die Azubis die Verantwortung für den Tag übernehmen, ist Ziel des Projekts. "Sie sollen kommunizieren und organisieren lernen", sagt Dirk Otto von der Marktleitung. Kaufleute, Betriebswirte, Informatiker, Köche und Fleischer arbeiten dabei berufsgruppenübergreifend in den Arbeitsgruppen zusammen.
Nicole de Jong
Veröffentlicht am 6. Mai 2014