Akademisierung (Mai 2015)

"Berufsorientierung neu denken"

Immer mehr Jugendliche ziehen ein Studium einer dualen Ausbildung vor. In Deutschland wurden laut DIHK 2014 rund 8,9 Prozent weniger Ausbildungsverträge unterschrieben als noch drei Jahre zuvor. Im Interview mit der Wirtschaft spricht Hans Stäcker, Schulrat der Stadt Flensburg, über mögliche Ursachen und Konsequenzen.
Wirtschaft: Wie bewerten Sie die duale Ausbildung in Deutschland?
Hans Stäcker: Die duale Berufsausbildung ist eine große Stärke des deutschen Bildungssystems und weltweit fast schon ein Alleinstellungsmerkmal. Parallel dazu scheinen die internationalen Schulvergleichsstudien aber gezeigt zu haben, dass die Bildungsabschlüsse in Deutschland nicht so hochwertig sind wie in anderen Staaten. In der Folge versucht man nun, für jeden Jugendlichen einen möglichst hohen Bildungsabschluss zu erreichen. Das finde ich per se auch richtig. Aber auch qualifizierte Fachkräfte, die eine duale Ausbildung gemacht haben, werden dringend gebraucht. Aufgabe der Schule muss es sein, deutlich zu machen, dass die duale Ausbildung in unserer Gesellschaft einerseits eine große Rolle spielt, um Fachkräfte zu generieren, wir andererseits aber auch "Häuptlinge" brauchen, die vielleicht eine Studium absolviert haben. Beides ist wichtig.
Wirtschaft: Wie ist heute aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen Jugendlichen, die sich für eine Ausbildung entscheiden, und jenen, die ein Studium bevorzugen?
Stäcker: Das ist oft stark abhängig von der Region. In ländlichen Gegenden wird die Möglichkeit einer Ausbildung oft stärker wahrgenommen und auch von den Eltern unterstützt als im städtischen Umfeld. Dort herrscht eher der Wunsch nach einem "höheren" Bildungsabschluss vor. Aber natürlich kann das auch von Elternhaus zu Elternhaus unterschiedlich sein. Generell stellen wir aber eine wachsende Tendenz zu einer längeren Schulbildung und dem Ziel eines späteren Studiums fest. Die Möglichkeiten, die sich mit einer dualen Ausbildung auftun, sind riesig. Leider werden sie aber immer mehr zu einer verkannten Chance.
Wirtschaft: Warum ziehen so viele Jugendliche ein Studium einer Ausbildung vor? Welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Stäcker: Ein Studium wird häufig als "höherwertig" angesehen - auch in den Elternhäusern. "Meine Kinder sollen es später besser haben als ich" - dieses Argument fällt immer wieder. Für viele Eltern öffnet ein höherer Bildungsabschluss eine Tür dafür. Dazu kommt eine ganz klare Tendenz zu den sogenannten White Collar Jobs. Die klassischen Handwerksberufe beispielsweise scheinen gar nicht mehr interessant zu sein. Viele Jugendliche gehen aber auch mit völlig falschen Vorstellungen in ein Studium und erwarten, danach sofort mindestens eine Position im mittleren Management zu bekommen. Die Tatsache, dass man sich mit einem Bachelor für eine Sachbearbeitertätigkeit qualifiziert, die sonst klassisch in der dualen Ausbildung ausgebildet wurde, ist in den Köpfen noch nicht angekommen.
Wirtschaft: Sind den Jugendlichen vielleicht die Aufstiegsund Weiterbildungschancen einer duale Ausbildung nicht bewusst?
Stäcker: Auf jeden Fall. Vielen ist etwa nicht klar, dass sie mit einer Gesellenprüfung einen mittleren Bildungsabschluss haben oder dass man während der Ausbildung noch seine Fachhochschulreife erreichen kann.
Wirtschaft: Inwieweit stellt diese Entwicklung ein Problem für die Wirtschaft dar?
Stäcker: Ich glaube, dass die Wirtschaft noch große Schwierigkeiten bekommen wird, weil irgendwann einfach die so dringend benötigten Fachkräfte nicht mehr da sind, die man selbst ausbildet und für sein Unternehmen ein Stück weit prägt. Ein anderes Problem ist aber auch, dass Unternehmen ein Augenmerk darauf haben müssen, was wir mit den Jugendlichen machen, die nicht die Akademisierung anstreben, weil sie einfach intellektuell schwach sind. Für diese jungen Menschen, die wir derzeit inklusiv an den Schulen unterrichten, haben wir bald keine Stellen und damit keine Perspektiven mehr, weil die Arbeitsplätze immer technischer und dadurch immer anspruchsvoller werden. Wir brauchen dringend Ausbildungsmöglichkeiten und Berufe für diese Gruppe. Es kann nicht das Ziel sein, dass all diese Menschen in betreuten Werkstätten untergebracht werden. Die Frage ist in diesem Zusammenhang auch: Können und wollen wir uns Sozialsysteme leisten, die diese Menschen ein Leben lang finanziell unterstützen? Und vor allem: Was machen wir mit der Generation danach, die schon ihre Eltern erlebt hat, die nur von Unterstützungsgeldern leben?
Wirtschaft: Welche Akteure sind gefragt, um die duale Ausbildung attraktiver zu machen?
Stäcker: Besonders gefordert sind neben den Schulen alle am Übergangsprozess beteiligten Personengruppen, wie Schulsozialarbeiter, Betriebe, Berufsschulen, Arbeitsagenturen und auch die Eltern, denen verdeutlicht werden muss, dass ein höherer Bildungsabschluss nicht zwingend mit einer höherwertigen Beschäftigung zusammenhängt.
Wirtschaft: Was kann konkret in den Schulen getan werden?
Stäcker: Wir müssen Berufsorientierung in den Schulen vielleicht noch einmal neu denken. Jugendliche brauchen eine Unterstützung, um die richtige Entscheidung für sich zu treffen. Diese Unterstützung kann aber nicht nur der Lehrer leisten. Wir müssen also andere Professionen in die Schulen holen und brauchen multiprofessionelle Teams, die gemeinsam mit den einzelnen Jugendlichen - vor allem denjenigen, die selbst noch keine Vorstellungen von ihrer Zukunft haben - überlegen, wohin ihr Weg führen kann. Sehr vielversprechend sind für mich auch Modelle wie das der Jugendberufsagenturen, für das es ja bereits erste Tendenzen in Schleswig-Holstein gibt.
Zur Person
Hans Stäcker, Jahrgang 1959, ist seit 2007 Schulrat der Stadt Flensburg. Darüber hinaus ist er Vorstandsmitglied des Schulräteverbands Schleswig-Holstein. Nach seinem Lehramtsstudium und einer Ausbildung zum Bankkaufmann war er unter anderem als Lehrer an Grundschulen sowie als Leiter der Grundschule Medelby und der Grund- und Hauptschule Tarp (beide Kreis Schleswig-Flensburg) tätig.
Interview: Andrea Henkel
Veröffentlicht am 5. Mai 2015