Geflüchtete im Betrieb (Mai 2018)

"Integration ist eine Investition"

Rezept gegen den Fachkräftemangel? Definitiv, sagt Martin Enkelmann, Geschäftsführer der Activ Marine GmbH. Das 50 Mitarbeiter starke Flensburger Unternehmen setzt beim Fachkräftenachwuchs auch auf Azubis mit Fluchthintergrund. 
Sie setzen auf Geflüchtete. Warum?
Martin Enkelmann: Wir sind ein wachsendes Unternehmen und brauchen gute Mitarbeiter. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren keine geeigneten Auszubildenden gefunden. Das mag auch daran liegen, dass unsere Arbeiten einen relativ hohen Spezialisierungsgrad haben. Wir erstellen etwa Schutzoberflächen aus Metall, aber auch den Brand- und Schallschutz für Industrieanlagen und auf Schiffen. Unser strategischer Fokus liegt auf dem Schutz von Bauwerken und dem technischen Umweltschutz. Wie vielfältig und interessant diese Arbeiten sind, erschließt sich Jugendlichen oft nicht auf den ersten Blick. Viele nehmen den gewerblichen Bereich leider auch als unattraktiv wahr - eine Ausbildung wird als "uncool" angesehen. Daran sind aus meiner Sicht die Politik und die Schulen nicht ganz unschuldig. Aber auch viele Unternehmen haben es sich etwas zu bequem gemacht.
Wie viele Geflüchtete arbeiten bei Ihnen und was sind Ihre Beweggründe?
Enkelmann: Acht Geflüchtete machen eine Ausbildung oder EQ. Wir tun das, um die Zukunft unseres Unternehmens zu sichern, und möchten ganz bewusst nicht in die "sozialromantische" Ecke gestellt werden. Es muss passen, egal ob der Azubi Deutscher ist oder einen Fluchthintergrund hat. Daher testen wir potenzielle Azubis in einem strukturierten Praktikum auf Arbeitswillen, technisches Geschick und soziale Kompetenz und haben damit gute Erfahrungen gemacht - bisher hatten wir noch keinen Ausbildungsabbruch.
Wie funktioniert es aus kultureller Sicht?
Enkelmann: Wir haben einen klaren Unternehmenskodex: Rassismus ist schlicht nicht erlaubt. Wer sich daran nicht hält, muss gehen - egal wie gut er ist. Auch die Ausübung der Religion ist reine Privatsache. Das wird bereits vor Vertragsbeginn kommuniziert. Wir haben es aber auch relativ einfach, da bereits Mitarbeiter unterschiedlichster Nationalitäten bei uns arbeiten und somit Vorbilder sind.
Unternehmen beklagen den Bürokratieaufwand bei der Einstellung Geflüchteter. Ihre Erfahrungen?
Enkelmann: Den Bürokratieaufwand halte ich noch für beherrschbar. Ich vermisse aber klarere Strukturen und Perspektiven. Wer darf unter welchen Bedingungen bleiben? Aus meiner Sicht müssen wir eine schärfere Abgrenzung herstellen: zwischen Flüchtlingen mit einem hohen Integrationswillen und solchen, die sich nicht engagieren. Wir brauchen ein Einwanderungsmodell, das neben humanitären Gesichtspunkten auch die Bedürfnisse von Unternehmen, Geflüchteten und der Gesellschaft berücksichtigt. Was die bürokratischen Hürden angeht, so haben wir in Flensburg ein gutes Netzwerk mit den Kammern, der Arbeitsagentur, dem Einwanderungsbüro und den Schulen aufgebaut. Die Institutionen arbeiten sehr gut zusammen und generieren gute Lösungen.
Wie gehen Sie mit der Hürde Sprachkompetenz um?
Enkelmann: Die Sprache ist wichtig, aber am Ende interessiert es das Stück Edelstahl nicht, ob der Azubi den deutschen Satzbau perfekt beherrscht. Die Frage ist also, ob man sich dem stellt: Wenn es sein muss, wird eine Arbeitsanweisung in eine Fremdsprache übersetzt. Natürlich ist die Arbeitssprache Deutsch und muss gelernt werden. Dafür haben unsere Azubis Zeit und nutzen diese auch. Wir haben unter anderem einen Lehramtsstudenten, der die Geflüchteten unterrichtet. Solche Strukturen müssen wachsen und man muss bereit sein, hier zu investieren. Das ist Integration. Und wir verstehen Integration als Investition in unsere Zukunft. 
Interview: Andrea Scheffler
Veröffentlicht am 4. Mai 2018