Interview: Inka Kielhorn (Mai 2017)

"Die Devise lautet ausprobieren!"

Leistung und Behinderung schließen sich nicht aus - dieses Bewusstsein setzt sich immer mehr durch. Das Bugenhagen Berufsbildungswerk Timmendorfer Strand unterstützt junge Menschen mit Beeinträchtigungen dabei, im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Leiterin Inka Kielhorn berichtet, was sich in Gesellschaft und Unternehmen verändert, wie ihre Einrichtung hilft und welche Möglichkeiten Betriebe haben.
Wirtschaft: Inklusion in der beruflichen Ausbildung, dass Menschen mit Handicap zu einem Berufsabschluss kommen - was bedeutet das heute?
Inka Kielhorn: Der Begriff Inklusion hat den der Integration abgelöst, der zwischen „draußen“ und "drinnen" unterscheidet. Inklusion meint die vollumfängliche Zugehörigkeit, ist das Gegenteil von Ausgrenzung. Jeder Mensch - egal ob mit oder ohne Handicap - soll gleichberechtigt und selbstbestimmt "mit dabei" sein. Das beinhaltet vor allem auch den gleichrangigen Zugang zu Schule, Berufsausbildung und Arbeitswelt. Es gilt, die Ausbildungsstrukturen, -konzepte und -methoden dem einzelnen Menschen mit Behinderung anzupassen, ohne auf Leistung zu verzichten. Erster und wichtigster Schritt ist jedoch, dass wir alle Barrieren im Kopf abbauen und Offenheit sowie Toleranz leben.
Wirtschaft: Sehen Sie insgesamt einen Wandel in Gesellschaft und Unternehmen in Bezug darauf, wie der Beitrag behinderter Menschen gesehen wird?
Kielhorn: Nicht erst seit 2009, als Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und sich zur Umsetzung von Inklusion bekannt hat, ist ein Paradigmenwechsel zu spüren. Ich bin seit 20 Jahren in der beruflichen Qualifizierung, Ausbildung und Integration junger Menschen mit Handicap tätig und habe über all die Jahre Menschen getroffen, die das Potenzial behinderter Menschen erkannt und wenn möglich auch "genutzt" haben, und dies ohne Berührungsangst, mit gesundem Menschenverstand und großem Engagement. Das Thema Ausbildung von Menschen mit Behinderung ist in den letzten Jahren, in Zeiten von Inklusion und Fachkräftemangel, jedoch sicher populärer geworden. Allerdings nehmen nach einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) von 2016 die zuständigen Stellen allenfalls leicht positive Veränderungen in Bezug auf die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und die Eingliederungschancen von Menschen mit Behinderung wahr.
Wirtschaft: Was leistet das Bugenhagen Berufsbildungswerk?
Kielhorn: Wir bilden die jungen Menschen mit Handicap in über 50 anerkannten Berufen aus, im Auftrag der Agentur für Arbeit. Unsere speziell geschulten Meister übernehmen die fachliche Ausbildung und arbeiten dabei ganz eng im Rahmen betrieblicher Praktika oder längerer Ausbildungsphasen mit einer Vielzahl von Unternehmen zusammen. Unsere Fachdienste - etwa Sozialarbeiter, Psychologen, Förderlehrer, medizinisches Personal - begleiten die Ausbildung und unterstützen in schwierigen Situationen. Alle sind zudem dafür verantwortlich, dass die ausgebildeten Nachwuchskräfte einen Job finden. Wir helfen bei ihrer Suche und nutzen dabei unser Netzwerk. Wir verstehen uns als Inklusionsbereiter. Durch unseren zeitlich begrenzten Support können Menschen mit Handicap ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit stärken, um schließlich beruflich auf eigenen Beinen zu stehen.
Wir erleben gerade Mitarbeiter kleiner und mittlerer Firmen als äußerst engagiert.
Wirtschaft: Ist die Ausbildung von Menschen mit Handicap nicht eher etwas für große Unternehmen?
Kielhorn: Glücklicherweise hängt die Ausbildungskompetenz bezüglich gehandicapter Menschen nicht von der Größe eines Betriebs ab. Wir erleben gerade Mitarbeiter kleiner und mittlerer Firmen als äußerst engagiert und kreativ, wenn es darum geht, junge behinderte Leute in ihrem Team zu integrieren, ihnen Ausbildungsinhalte zu vermitteln und sie schließlich auch bei sich zu beschäftigen. Hier greift eine grundsätzliche Bereitschaft und Offenheit. Oft geschieht der erste Kontakt mit unseren Jugendlichen auf unsere Anfrage hin oder in Zeiten des Fachkräftemangels aus der Not heraus. Man merkt dann schnell, wer sich ernsthaft mit den jungen Menschen mit Handicap auseinandersetzen will und bereit ist, sich einzulassen. Aber wir kennen auch Unternehmen, die ohne unsere Begleitung Menschen mit Einschränkungen erfolgreich ausbilden. Das BIBB hat 2016 festgestellt, dass etwa 14 Prozent aller Ausbildungsbetriebe seit 2012 "in der einen oder anderen Form" Menschen mit Behinderung ausbilden.
Wirtschaft: Was raten Sie Unternehmen, die gerne inklusiv ausbilden würden?
Kielhorn: Die Kammern haben sich sehr mit der Thematik auseinandergesetzt und Wissen erworben. Es empfiehlt sich, sich bei der zuständigen IHK nach möglichen Rahmenbedingungen, Voraussetzungen oder Unterstützungsmöglichkeiten zu erkundigen. Auch die örtlichen Arbeitsagenturen geben hierzu Auskunft. Natürlich bieten auch wir uns als Partner an. Über uns können Unternehmen erste Erfahrungen in Form von Praktika machen. Wir informieren zudem über Ursachen und Auswirkungen von Behinderungen und beraten bei der Arbeitsplatzgestaltung sowie bei der Auswahl geeigneter Lehrmethoden. Schließlich führen wir Seminare durch. Sie dienen in erster Linie der rehabilitationspädagogischen Ausbildung unseres Personals, können aber auch von Externen besucht werden. Aber als Erstes gilt natürlich die Devise: ausprobieren!
Zur Person
Inka Kielhorn, Jahrgang 1970, leitet seit 2005 das Bugenhagen Berufsbildungswerk Timmendorfer Strand (BBW). Die Diplom- Betriebswirtin der Sozialwirtschaft und Lehrerin ist zuständig für 240 Mitarbeiter und rund 500 Jugendliche in Berufsvorbereitung und Ausbildung, die an den Standorten Timmendorfer Strand und Lübeck- Blankensee tätig sind.
Wirtschaft: Gibt es Voraussetzungen, die Unternehmen oder Ausbilder erfüllen müssen?
Kielhorn: Bis auf die positive Grundeinstellung der betrieblichen Verantwortlichen gibt es zunächst keine besonderen Voraussetzungen. Handelt es sich um Azubis mit körperlichen oder Sinneseinschränkungen, muss die Infrastruktur entsprechend gestaltet und Hilfsmittel müssen gewährleistet sein. Bei anderen Behinderungen, etwa Lernoder psychischen Behinderungen, sind andere Dinge zu beachten. So erfordert die Ausbildung von jungen Menschen mit Lernbehinderung in sogenannten Fachpraktikerberufen eine rehapädagogische Zusatzausbildung. Entscheidend ist jedoch der Einzelfall. Es gibt bestimmte Arten von Behinderungen und unterschiedliche Ausprägungen, die Betriebe vor sehr große Herausforderungen stellen. Ohne professionelle Unterstützung ist dann die Ausbildungsorganisation und -durchführung nur sehr schwer oder gar nicht zu leisten.
Interview: Klemens Vogel
Veröffentlicht am 5. Mai 2017