Interview: Oberst Hannes Wendroth (Mai 2014)

"Bleiben Sie uns gewogen!"

Die Bundeswehr hat große Bedeutung für die Wirtschaft an den Standorten. Sie investiert, ist Arbeitgeber und Ausbilder und kooperiert eng mit Unternehmen. Die Wirtschaft sprach mit Oberst Hannes Wendroth, Kommandeur des Landeskommandos Schleswig-Holstein, über Effekte für die Region, Berufsperspektiven und das veränderte Bild des Reservisten.
Wirtschaft: Herr Wendroth, wie viele Soldaten und Zivilbeschäftigte sind zurzeit noch an wie vielen Standorten in Schleswig-Holstein stationiert?
Hannes Wendroth: Das ändert sich gegenwärtig laufend. Wir nehmen ja gerade eine neue Struktur an, die auch mit dem Abbau von Dienstposten und der Schließung einiger Standorte verbunden ist. Wenn die neue Struktur steht, verfügt die Bundeswehr in Schleswig-Holstein über rund 15.300 zivile und militärische Dienstposten an insgesamt 27 Standorten. Das muss dann allerdings nicht der tagesaktuelle Umfang von tatsächlich vorhandenen Soldatinnen und Soldaten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sein. Zum einen sind immer wieder Verbände und Einheiten in Auslandeinsätzen gebunden; zum anderen gibt es in Schleswig-Holstein noch drei Schulen der Bundeswehr an den Standorten Mürwik, Appen und Heide sowie Plön. Die dort auszubildenden Lehrgangsteilnehmer addieren sich noch zu der genannten Zahl.
Oberst Hannes Wendroth, Jahrgang 1957, ist seit 2013 Kommandeur des Landeskommandos Schleswig-Holstein. Zuvor war der verheiratete Vater von vier Kindern Leiter des Fachbereichs Militärische Führung und Organisation an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Frühere Stationen seiner Laufbahn waren unter anderem das Bundesverteidigungsministerium und ein sechsmonatiger ISAF-Einsatz als deutscher Verbindungsoffizier im afghanischen Verteidigungsministerium.
Wirtschaft: Wenn vom Wirtschaftsfaktor Bundeswehr die Rede ist, geht es natürlich auch um Investitionen. Wie viel Geld landet im Jahr aus dem Bundeshaushalt bei der schleswig-holsteinischen Wirtschaft?
Wendroth: Sehr viel Geld. Aber die Frage ist so einfach nicht zu beantworten. Die Bundeswehr tankt ihre Fahrzeuge an Tankstellen im Land, kauft ihre Lebensmittel hier ein, beschafft Material für den täglichen Dienst in Geschäften am Dienstort, lässt ihre Autos in örtlichen Werkstätten warten und reparieren. Auch in die militärische Infrastruktur in Schleswig-Holstein investiert die Bundeswehr in großem Umfang. 2012 und 2013 waren das jeweils rund 30 Millionen Euro.
Wirtschaft: Die Bundeswehr bildet junge Menschen aus - und das nicht nur militärisch. Was können Sie zu den Ausbildungsaktivitäten des Militärs sagen? Welche Perspektiven bietet die Bundeswehr?
Wendroth: Die Möglichkeiten für eine Berufswahl und entsprechende Aufstiegschancen sind viel größer, als die ersten Assoziationen mit dem Begriff "Streitkräfte" vermuten lassen. Neben den vielen verschiedenen und sehr anspruchsvollen Laufbahnen im militärischen Bereich bietet die Bundeswehr auch eine Vielzahl an Ausbildungsmöglichkeiten in der zivilen Verwaltung, in technischen Berufen, beim Geoinformationsdienst und in der Rechtspflege. Allein in Schleswig-Holstein unterhält die Bundeswehr zurzeit vier Ausbildungswerkstätten. Ich kann nur empfehlen, beim Karrierecenter in Kiel individuelle Perspektiven auszuloten.
Wirtschaft: Bewerben sich ausreichend junge Frauen und Männer bei Ihnen?
Wendroth: Natürlich könnten es immer mehr sein. Aber die Streitkräfte behalten ihre Attraktivität. Allen Unkenrufen zum Trotz ist es möglich, nicht nur den Bedarf der Bundeswehr weitgehend zu decken, sondern unter verschiedenen Bewerbern auswählen zu können. Aber wie wir gerade schon erörtert haben, lohnt es sich angesichts der großen Auswahl an Berufsbildern, einen nachhaltigen Blick auf die Angebote der Streitkräfte zu werfen.
Wirtschaft: Neben den klassischen Ausbildungsberufen bieten Sie ja auch dem akademischen Nachwuchs eine Chance. Was hat die Bundeswehr da so zu bieten?
Wendroth: An den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München bildet die Bundeswehr ihren Offiziersnachwuchs akademisch in vielen verschiedenen Richtungen aus. Im zivilen Bereich unterhält die Bundeswehr in Mannheim den Fachbereich Bundeswehrverwaltung an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. Einer der vielen Vorteile des Studiums bei der Bundeswehr ist natürlich die mit der Verpflichtungszeit zusammenhängende finanzielle Absicherung.
Wirtschaft: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Unternehmen im Lande, etwa bei der Freistellung zu Reserveübungen?
Wendroth: Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen beziehungsweise ihren Verbänden und der Bundeswehr könnte besser nicht sein. Das durfte ich als Kommandeur des Landeskommandos Schleswig-Holstein bereits in beeindruckender Weise erleben! Mit Freude habe ich festgestellt, dass das veränderte Bild des Reservisten in den Unternehmen und Betrieben angenommen wurde. Wenn Frauen und Männer heute zu Reservedienstleistungen herangezogen werden, brauchen wir sie als Spezialisten in wichtigen Verwendungen, um in Stäben und Verbänden zu unterstützen. Reservisten dienen als Mittler in den Kreisverbindungskommandos bei den Katastrophenstäben der Kreise und kreisfreien Städte. Sie dienen in den Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräften, um Lücken zu füllen, die unter anderem durch Auslandseinsätze entstehen - oder sie gehen aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten selbst in Einsätze.
Für die Arbeitgeber reißt die Abwesenheit eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin nicht selten eine erhebliche Lücke. Wir versuchen daher, den Dienst in Uniform für beide Seiten gewinnbringend zu gestalten. So erhalten unsere beorderten Reservisten etwa Ausbildungsmodule zum Thema Brandschutz oder als Unfallhelfer, die eins zu eins auf den zivilen Bereich übertragbar sind. Das sind wichtige Schritte in die richtige Richtung.
Meine Bitte an die Arbeitgeber: Bleiben Sie uns gewogen! Ihr Beitrag für die Reservistenarbeit in Schleswig-Holstein reicht weit über die Landesgrenzen hinaus.
Interview Michael Legband
Veröffentlicht am 6. Mai 2014