Ausbildung während Corona (April 2021)

In der Krise wachsen

Die Unternehmen stellt Corona vor noch nie da gewesene Herausforderungen. Doch wie erleben eigentlich junge Menschen ihren Berufseinstieg während einer globalen Pandemie? Und was stellen Ausbildungsbetriebe auf die Beine, um unter erschwerten Bedingungen weiterhin qualitativ hochwertig auszubilden? Das IHK-Magazin hat mit Azubis und Ausbildern gesprochen.
Als Kim Becker ihre Ausbildung im Sommer 2020 startete, war das Hotel praktisch durchgängig ausgebucht, Gäste aus allen Bundesländern kamen ins Resort direkt am Nordseestrand. “Jede Hand wurde gebraucht, wir waren sofort fester Bestandteil des Teams, das war wirklich schön”, so die angehende Hotelfachfrau. Für ihre Ausbildung im Upstalsboom Wellness Resort Südstrand ist Becker nach dem Abi von Kassel auf die Insel Föhr gezogen. Nach drei Monaten kam im November dann der Lockdown. Seitdem steht das Haus still - jedenfalls nach außen hin. “Wir halten das Hotel auf Vordermann, etwa mit Instandhaltungs- und Gartenarbeiten. Wir haben einen Alltag, das ist wichtig”, so Becker.
“Unsere Azubis sind die Einzigen, die nicht in Kurzarbeit sind und den Betrieb am Laufen halten”, bestätigt Hoteldirektor und Ausbildungsleiter Hauke Petersen. Auch als die Pandemie im Frühjahr 2020 begann, war für ihn klar, weiter auszubilden - trotz aller Einschränkungen. Petersen ist überzeugt, dass der Corona-Azubi- Jahrgang besondere Qualitäten haben wird. “Unser Hotel ist noch in der Eröffnungsphase und mitten in einer Pandemie. Die Azubis müssen schnell neue Aufgaben übernehmen, diszipliniert und hochgradig flexibel sein. Wer das durchhält, kann auch etwas. Unsere Azubis wachsen in diesen Tagen über sich hinaus.”
Da Housekeeping und Frühstücksservice aktuell ausfallen, lernen die jungen Leute zum Beispiel den Umgang mit der Haustechnik und übernehmen das Reservierungsbüro - ein Job, der häufig Fingerspitzengefühl benötigt, wenn Gäste ungehalten auf coronabedingte Stornierungen reagieren. Daneben erhalten die Azubis während des Lockdowns virtuelle Schulungen - etwa Barista-Kurse oder Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. “Dennoch sind viele Azubis müde von der Theorie, sie sind heiß darauf, endlich wieder loszulegen und fehlende Praxiserfahrungen aufzuholen”, sagt Petersen. Das Erfolgsgeheimnis einer guten Ausbildung sei, die Azubis auf Augenhöhe mitzunehmen. “Aber sie müssen auch lernen, mit den Freiheiten und der Verantwortung umzugehen”, so der Hoteldirektor. Kim Becker sieht in der Krise ebenfalls eine Chance: “Ich habe viele Einblicke ins Hotel erhalten, die sonst nicht möglich gewesen wären. Aber ich freue mich, wenn mit den Gästen endlich wieder Leben ins Haus kommt.”
Eigene Lösungswege 
„Nicht auszubilden, wäre definitiv ein falsches Signal“, sagt Kim-Kristin Haß, die die duale Ausbildung beim Gebäudemanagement Schleswig- Holstein (GMSH) in Kiel leitet, über die aktuelle Situation. Bei der öffentlichen Einrichtung ist die Zahl der Bewerbungen seit der Pandemie deutlich gestiegen. Auch wenn es keine Zweifel gegeben habe, weiterhin auszubilden, sei vor allem der Start im August 2020 eine besondere Herausforderung gewesen. Die Einführungstage zu organisieren war ein Kraftakt mit vielen offenen Fragen.
“Statt des Bowlings haben wir ad hoc eine digitale Schnitzeljagd durch Kiel auf die Beine gestellt und das Onboarden in unsere Kantine verlegt - alles mit Abstand, Einzeltischen und Pizza im Karton statt Buffet”, so Haß. Im Nachhinein habe alles gut geklappt, vor allem, weil die Einführungstage von zwei auf drei Tage ausgeweitet worden seien. Und auch der Ausbildungsalltag unter Corona sei ein anderer. Dank digitaler Tools sei die Ausbildung weiterhin auf hohem Niveau möglich, wenn auch mit einigen Herausforderungen verbunden. “Ausbildung lebt eigentlich davon, den Azubis über die Schulter zu schauen und sie vor Ort zu betreuen. Mit Videocalls, dem Teilen des Bildschirms und etwas Kreativität können wir das aber gut auffangen”, so Haß.
Amy Lewien startete 2020 ihre Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Besonders der Umgang mit Gewerbeimmobilien wie Polizeistationen oder Finanzämtern reizt sie an der Ausbildung bei der GMSH. Die digitale Vermittlung der Inhalte klappe gut, sagt sie. Nur den persönlichen Austausch mit den anderen Azubis vermisse sie. “Am meisten fehlen mir zudem die regelmäßigen Außentermine, also die Liegenschaften vor Ort zu sehen und bei den Gesprächen mit den Vermietern live dabei zu sein”, so Lewien. Gleichzeitig sieht sie in der Krise aber auch eine Chance: “Statt bei Fragen gleich zum Telefon zu greifen, überlegt man einmal mehr und erarbeitet eher eigene Lösungswege. Und auch das Arbeiten im Homeoffice ist eine gute Möglichkeit, Selbstständigkeit zu lernen.”
Chancen geschaffen 
“Kein Azubi soll bei uns wegen der aktuellen Situation zu kurz kommen”, sagt Carolin Leinert, Ausbilderin in der Produktion bei den Schwartauer Werken GmbH & Co. KGaA. Als sich die Pandemie abzeichnete, hat der führende Hersteller von Konfitüren und Müsliriegeln umgehend Maßnahmen ergriffen, um das Niveau der Ausbildung zu halten. “Wir haben diverse Alltagssituationen hinterfragt und geschaut, was wir ändern können”, sagt Leinert. So biete das Unternehmen seinen Azubis etwa freiwillige Corona-Tests nach Berufsschultagen an. Und auch dank einer firmeneigenen Corona-Hotline und einer Gesundheitsabfrage am Eingang für alle Mitarbeitenden könne die Ausbildung für die angehenden Fachkräfte für Lebensmitteltechnik ohne Einschränkungen weitergehen. Nur Aktionstage wie das jährliche Azubi-Frühstück, Ausflüge und Betriebsbesuche bei anderen Unternehmen müssten aktuell ausfallen. “Wir versuchen, den sozialen Austausch zwischen den Azubis mit Teambuilding- Aktionen durch Tools wie Microsoft Teams aufrechtzuerhalten - auch wenn das natürlich kein vollwertiger Ersatz ist”, betont Leinert.
Neu ist auch, Bewerbungsgespräche über Teams zu führen - etwa für den Ausbildungsstart 2021. “Für viele ist es das allererste Vorstellunggespräch, da ist es sehr wichtig, erst einmal eine positive Atmosphäre zu schaffen und die Angst vor der Technik zu nehmen.” Den verstärkten Einsatz von digitalen Tools erlebt Franziska Zedler von einer ganz anderen Seite. Sie startete 2020 ihre Ausbildung in der IT-Abteilung der Schwartauer Werke. “Am Anfang habe ich Hardware im Unternehmen angeschlossen, heute bin ich stärker im hauseigenen Supportteam gefragt und bearbeite die Anfragen digital”, sagt Zedler und ergänzt: “Corona hat für die IT eigentlich mehr Arbeit und Chancen geschaffen als genommen.”
Die Aufgaben gefallen ihr gut, genauso wie das selbstverantwortliche Arbeiten im Homeoffice und das Übernehmen eigener Projekte. Zuvor hatte Zedler kurz auf Lehramt studiert, aber schnell gemerkt, dass sie lieber direkt ins Berufsleben starten möchte. Der Berufseinstieg mit Maske und Abstand sei allerdings etwas anders gewesen als gedacht. “Andererseits sind wir Azubis damit ins Unternehmen eingestiegen, wir kennen die Schwartauer Werke ohne Corona eigentlich gar nicht.”
Benjamin Tietjen
Veröffentlicht am 30. April 2021