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Der Matjes macht's: eine Glückstädter Erfolgsgeschichte
Wer durch Glückstadt an den giebelständigen Backsteinhäusern vorbeiflaniert, über das Kopfsteinpflaster rund um den Marktplatz schlendert und schließlich Richtung Hafen geht, kommt an ihm nicht vorbei. Kein Denkmal aus Stein, kein bronzener Held. Sondern der silbrig schimmernde Glückstädter Matjes.
Vier Tage im Jahr rockt der Matjes Glückstadt: Konzerte, Flohmarkt und Spiele für Groß und Klein verwandeln das Städtchen an der Elbe in ein lebendiges Festivalgelände, das Gäste aus Nah und Fern anzieht.
Zwischen Kühlraum und Küstenkind
Es gibt leichtere Wege, Karriere zu machen, als einen Fischbetrieb zu führen. Kerrin Callsen hat sich trotzdem dafür entschieden. „Bei uns geht der Fisch durch mindestens vier Paar Hände“, sagt sie. Dass sie einmal Teil des vierköpfigen Geschäftsführerinnenteams sein würde, hätte die sportbegeisterte Glückstädterin früher nicht gedacht.
Mit 16 jobbt sie im Restaurant von Firmengründer Henning Plotz. Matjes gehört dort selbstverständlich auf die Karte. Für sie ist der Fisch nie irgendein Produkt gewesen, sondern Teil der Stadt, in der sie aufgewachsen ist. „Wenn man in Glückstadt groß wird, versteht man schnell, was der Matjes hier bedeutet“, sagt sie.
Wenn man in Glückstadt groß wird, versteht man schnell, was der Matjes hier bedeutet.Kerrin Callsen
Gerade deshalb reizte sie die Aufgabe. Nicht irgendein Fischgeschäft, sondern ein Betrieb, der für ein regional geschütztes Produkt steht und ein Stück Identität bewahrt. „Mich hat gereizt, dass hier echtes Handwerk dahintersteckt – und Verantwortung für die Stadt.“
Das Geheimnis liegt im Aufwand
Sechs Tage reift der Fisch mindestens. Die Fässer werden täglich bewegt, gewendet und gerollt, damit sich das Salz gleichmäßig verteilt. Die Mittelgräte wird nicht herausgeschnitten, sondern gezogen. Präzisionsarbeit, die Erfahrung verlangt.
„Das Besondere liegt im Aufwand“, sagt Kerrin Callsen. In der Industrie dauert dieser Prozess oft kaum länger als eine Stunde. Hier braucht er Zeit. Und Sorgfalt.
Der Hering muss exakt passen: mindestens vier Jahre alt, mit einem bestimmten Fettgehalt, gefangen in einem engen Zeitfenster von nur wenigen Wochen im Jahr. Verarbeitet wird er ausschließlich in Glückstadt. Was hier entsteht, ist kein Massenprodukt, sondern ein Handwerksprodukt mit geschützter Herkunft. Plotz ist Produzent, Bewahrer und Bühne zugleich.
Wie ein Hering eine Stadt bewegt
Matjes ist in Glückstadt mehr als ein Lebensmittel. Er ist Magnet. Vier Tage im Juni steht die Stadt Kopf. Bühnen, Konzerte, Hafenprogramm. Tausende Besucher kommen zur Matjeswoche. „Wer Glückstadt kennt, kennt auch den Matjes“, sagt Callsen.
Doch der Effekt endet nicht mit dem letzten Konzert. Busgruppen besuchen das Ladengeschäft von Plotz, hören Vorträge, erleben Show-Filetieren, probieren sich durch die Produktpalette. Touristen kommen wegen des Matjes – und bleiben für Restaurants, Cafés und Geschäfte. Der Fisch wird zur Wertschöpfung für die ganze Stadt.
Auch überregional ist das Produkt präsent: im Einzelhandel, im Online-Shop, in Fernsehsendungen. „Vor Corona hatten wir sechs bis acht TV-Produktionen im Jahr“, sagt Callsen.
So trägt ein kleiner Silberling nicht nur die Identität einer Stadt, sondern auch ihre wirtschaftliche Strahlkraft.
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Ingo Joachim Dahlhoff