Berufliche Ausbildung während der Corona-Pandemie

Muss ich als Azubi in den Ausbildungsbetrieb, wenn die Berufsschule geschlossen hat und was passiert mit den Lerninhalten?

Grundsätzlich ja. Allerdings entfällt bei einer Schulschließung nicht die Pflicht zum Erlernen der theoretischen Ausbildungsinhalte. Der Betrieb sollte die ausgefallene Berufsschulzeit dazu nutzen, seinen Azubis Gelegenheit zu geben, sich mit Hilfe von Lehrbüchern, Arbeitsblättern, Lernplattformen, Cloud-Lösungen oder anderen Medien den anstehenden Lernstoff anzueignen bzw. sich auf die schriftlichen Prüfungen vorzubereiten.
Der Ausbildungsbetrieb muss den Azubis dafür zudem Zeit zur Verfügung stellen, da die Betriebe den Azubis die berufliche Handlungsfähigkeit vermitteln müssen. Dazu gehören die nach der Ausbildungsordnung für die einzelnen Berufe erforderlichen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Die zu vermittelnden „Kenntnisse“ beziehen sich dabei auf die Theorie. Die Vermittlung der theoretischen Ausbildungsinhalte wird den Betrieben in der Regel durch die Berufsschule weitestgehend abgenommen.
Fällt die Berufsschule aus, müssen die Betriebe den für die Berufsausbildung wesentlichen theoretischen Lehrstoff selbst vermitteln oder sich einen Bildungsträger suchen, der dies für sie übernimmt.
Der Betrieb muss deshalb den Azubis zur Aneignung der theoretischen Inhalte des Ausbildungsberufes die Zeit zur Verfügung stellen, welche die Azubis normalerweise für berufsrelevante Fächer in der Berufsschule verbracht hätten.
Ideal ist es, wenn der Betrieb es ermöglichen kann, dass die von den Schulen/Lehrern bereitgestellten Lerninhalte in für das Lernen geeigneten betrieblichen Räumen bearbeitet werden können. Dann kann der betriebliche Ausbilder bei auftretenden Fragen diese beantworten oder den Azubis Hilfestellungen und Hinweise geben. Ist das im Betrieb nicht möglich, muss der Betrieb den Azubis die Zeit hierfür im „Homeoffice" zur Verfügung stellen.
Es muss ihm die Zeit zur Verfügung gestellt werden, die für die Aneignung des wesentlichen Lehrstoffs in der Schule auch erforderlich gewesen wäre. Der Betrieb kann also die Zeit für die allgemein bildenden Schulfächer abziehen (z. B. Religion oder Sport).

Dürfen Auszubildende von der Ausbildung fernbleiben oder freigestellt werden?

Grundsätzlich dürfen Azubis die Arbeit nicht verweigern, weil die Ansteckungsgefahr bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin erhöht sein könnte. Im Einzelfall kann der Arbeitgeber bei einer konkreten Gefährdung aufgrund seiner Fürsorgepflicht verpflichtet sein, Azubis von der Arbeit freizustellen oder Teile der Ausbildung (zum Beispiel das Führen des Ausbildungsnachweises) zu Hause zu erlauben.
Die Freistellung von Azubis ist in § 15 des Berufsbildungsgesetzes bzw. § 9 des Jugendarbeitsschutzgesetzes geregelt. Sie ist auf die Berufsschule bzw. die Teilnahme an Ausbildungsmaßnahmen außerhalb der Ausbildungsstätte und die Teilnahme an Prüfungen beschränkt. Andere Freistellungsgründe gibt es nicht.
Dies bedeutet, dass eine „Freistellung" infolge von Arbeitsmangel ausscheidet. Grund ist, dass Azubis nach dem Ausbildungsvertrag nicht ihre Arbeitskraft schulden, sondern ihre Bereitschaft, die berufliche Handlungsfähigkeit zu erlernen.
Werden Auszubildende also wegen Arbeitsmangels oder aufgrund behördlicher Verbote freigestellt, muss dennoch die Ausbildungsvergütung in voller Höhe weiter bezahlt werden. Außerdem entstehen dadurch Fehlzeiten in der Ausbildung, die bei längerer Dauer auch dazu führen können, dass Auszubildende nicht zur Abschlussprüfung zugelassen werden können.
In der aktuellen Situation hat die Freistellung von Auszubildenden auch häufig finanzielle Gründe. Als Alternative dazu bietet sich für Betriebe und Auszubildende die Teilzeitausbildung nach § 7a Berufsbildungsgesetz an. Damit  kann die tägliche oder die wöchentliche Ausbildungszeit um bis zu 50 Prozent im gegenseitigen Einvernehmen verkürzt werden. Vertragsänderungen können über das IHK-Online Portal erfolgen.

WICHTIG:  Allerdings verlängert sich dadurch auch die Ausbildungszeit entsprechend der vereinbarten Verkürzung.

Die Vertragsänderung in eine Teilzeitausbildung hat gegenüber der Freistellung also sowohl für Ausbildungsbetriebe als auch für Auszubildende entscheidende Vorteile:
  • Die Ausbildungsvergütung muss dann auch nur noch in Höhe der entsprechenden prozentualen Kürzung der Ausbildungszeit ausgezahlt werden.
  • Azubis entstehen durch die Verlängerung der Gesamtdauer der Ausbildung entsprechend der Verkürzung der täglichen oder wöchentlichen Ausbildungszeit keine Fehlzeiten; ihre Zulassung zur Abschlussprüfung ist dadurch nicht in Gefahr.

Kann für Auszubildende Kurzarbeit angeordnet werden?

Auszubildenden gegenüber kann in der Regel keine Kurzarbeit angeordnet werden. Der Ausbildungsbetrieb ist dazu verpflichtet, alle Mittel auszuschöpfen, um die Ausbildung weiter zu gewährleisten. Hierbei hat er beispielsweise folgende Möglichkeiten:
  • Umstellung des Ausbildungsplans durch Vorziehen anderer Lerninhalte
  • Versetzung in eine andere Abteilung
  • Rückversetzung in die Lehrwerkstatt
  • Durchführung von Projektarbeiten
  • Nutzung diverser Lernplattformen
  • Durchführung besonderer Ausbildungsveranstaltungen (Durchführung von Projektarbeiten, Nutzung von Lernplattformen, Ausarbeitungen von Handouts/Anleitungen (z. B. für Office-Anwendungen, Handling von speziellen Warengruppen etc.)
Erst wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kann Kurzarbeit auch für Azubis in Frage kommen. Diese Option ist allerdings eingeschränkt zu handhaben. Wenn die Unterbrechung der Ausbildung unvermeidlich ist – das dürfte bei einer Corona-bedingten Schließung der Fall sein – können auch Auszubildende in Kurzarbeit einbezogen werden.
Sollte Auszubildenden gegenüber Kurzarbeit angeordnet werden, haben sie Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen (§ 19 Abs. 1 Nr. 2 BBiG). Abweichend von der gesetzlichen Mindestdauer können Ausbildungs- und Tarifverträge längere Fristen vorsehen. Erst danach kann über die verantwortliche Agentur für Arbeit Kurzarbeitergeld beansprucht werden. Der Antrag kann bereits im Voraus, vor Ablauf der sechs Wochen, bei Bundesagentur für Arbeit gestellt werden.
Weitere Informationen zur Kurzarbeit erhalten Sie bei der Bundesagentur für Arbeit.
Als eine Alternativlösung kommt in Betracht, das Ausbildungsverhältnis in eine Teilzeitberufsausbildung zu ändern. Dies bedarf jedoch einer gemeinsamen Entscheidung von Ausbildungsbetrieb und Auszubildendem. Bei Fragen hierzu wenden Sie sich bitte an Ihren IHK-Ausbildungsberater.

Kann für Ausbilderinnen und Ausbilder Kurzarbeit angeordnet werden?

Auch bei Ausbildern sollte Kurzarbeit nur in Ausnahmefällen angeordnet werden, da der Betrieb gewährleisten muss, dass der Ausbilder seiner Ausbildungspflicht gegenüber den Azubis nachkommt. Werden die Azubis mangelhaft oder gar nicht ausgebildet, kann ein Schadensersatzanspruch gegenüber dem Ausbildungsbetrieb entstehen.

Darf ein Betrieb, bei dem Kurzarbeit stattfindet, Ausbildungsverträge für das kommende Ausbildungsjahr schließen?

Ja, darf er. Da Auszubildende grundsätzlich von Kurzarbeit ausgeschlossen sind, dürfen sie eingestellt und ausgebildet werden, wenn die Ausbildungsstätte nach Art und Einrichtung für die Berufsausbildung und trotz Kurzarbeit geeignet ist (§ 27 Abs. 1 BBiG). Auch berührt die aus unternehmerischer Sicht notwendige Kurzarbeit einzelner Mitarbeiter eines Unternehmens nicht die persönliche Eignung und persönliche Integrität von Ausbildenden gem. § 29 BBiG.

Ist Homeoffice für Azubis möglich?

Grundsätzlich sollten Auszubildende nicht im Homeoffice arbeiten. Aus § 14 Abs.1 Nr.2 BBiG ergibt sich, dass der Ausbildende den Azubis selbst auszubilden hat oder einen Ausbilder oder eine Ausbilderin ausdrücklich damit zu beauftragen hat.

Der Ausbilder muss überwiegend in der Ausbildungsstätte anwesend sein, damit er den Azubis ordnungsgemäß anleiten und seine Arbeitsergebnisse kontrollieren kann. Dies ist in der Regel jedoch dann nicht möglich, wenn der Azubi im Homeoffice arbeitet. Aufgrund der derzeitigen Umstände ist es jedoch vertretbar, ausnahmsweise Homeoffice auch für Azubis zuzulassen, insbesondere dann, wenn der Ausbilder die Arbeitsergebnisse z.B. per E-Mail kontrollieren kann und als Ansprechpartner telefonisch und/oder per Videokonferenz zur Verfügung steht. Das mobile Arbeiten sollte aber nur für das Vertiefen von bereits erworbenen Ausbildungsinhalten angewendet werden und muss durch Ausbilder/-innen oder Ausbildungsbeauftragte kontrolliert werden. Der Ausbildungsnachweis sollte weiterhin geführt werden.

Können Auszubildende in den Urlaub geschickt werden?

Azubis können nicht pauschal in “Zwangsurlaub” geschickt werden. Urlaub muss der Azubi beantragen und Urlaub kann nicht gegen dessen Willen einfach angeordnet werden. Ähnliches gilt für den Abbau von Überstunden. Allerdings sind dringende betriebliche Belange hier mit zu berücksichtigen. Dies kann z.B. eine unvorhergesehene Krise sein, in der der Arbeitgeber durch Lieferengpässe, ausbleibende Kunden…, keine Beschäftigungsmöglichkeit hat. Auch in diesen Fällen muss ein Teil des Urlaubes in der Verfügung des Arbeitnehmers bzw. des Auszubildenden bleiben. Der Azubi selbst oder auch der Betriebsrat können eine Vereinbarung mit der Unternehmensleitung treffen. Hier zählt der Einzelfall.

Können Auszubildende gekündigt werden?

Kurzarbeit an sich kann keine Kündigung der Azubis durch den betroffenen Ausbildungsbetrieb rechtfertigen. Es sei denn der Ausbildungsbetrieb kommt für längere Zeit vollständig zum Erliegen. Entfällt dadurch die Ausbildungseignung des Betriebes, ist eine Kündigung der Azubis möglich, ohne dass ein Schadensersatzanspruch entsteht. Die Ausbilder sind aber dazu verpflichtet, sich mit der zuständigen Agentur für Arbeit rechtzeitig um einen anderen Ausbildungsbetrieb für den Azubi zu bemühen.

Worauf müssen Ausbildungsbetrieb und Auszubildende achten, wenn der Betrieb Insolvenz anmeldet?

Das Ausbildungsverhältnis besteht so lange fort, bis es von den Beteiligten einseitig oder durch Aufhebungsvertrag beendet wird. Falls der Betrieb also tatsächlich insolvent wird, müsste der Ausbildungsbetrieb kündigen, wenn ihm durch die Insolvenz die Fortsetzung der Ausbildung unmöglich wird. Auch der Azubi hätte in diesem Fall ein Kündigungsrecht.

Auf jeden Fall sollten betroffene Azubis sich schnellstmöglich bei der Arbeitsagentur und bei seiner zuständigen IHK melden. Unabhängig davon sollte sich jeder Azubi selbst um einen neuen Ausbildungsplatz bemühen, zum Beispiel über die IHK-Lehrstellenbörse.

Zudem fördert das Wirtschaftsministerium mit seinem Förderprogramm „Azubi transfer – Ausbildung fortsetzen“ Betriebe mit einer Prämie in Höhe von 1.200 Euro, wenn sie einen Auszubildenden nach Insolvenz des bisherigen Ausbildungsbetriebs während seiner Ausbildung übernehmen.

Der Betrieb wurde aufgrund der CoronaVO geschlossen. Wie soll nun ausgebildet werden?

Sollte der Betrieb komplett geschlossen und eine Umsetzung in eine andere Abteilung nicht möglich sein, können den Auszubildenden Ausbildungsinhalte für die Erarbeitung zu Hause gegeben werden. Allerdings darf dies keine ausbildungsfremde Tätigkeit sein. Auch zusätzliche Lernzeit für die Berufsschule ist eine Möglichkeit, die Zeit jetzt sinnvoll zu nutzen.

Wie wird mit den Fehlzeiten umgegangen, wenn Auszubildende vom Betrieb für längere bzw. auf unbestimmte Zeit nach Hause geschickt werden? Sind diese relevant für Abschlussprüfung?

Auch in diesem Fall handelt es sich um Fehlzeiten, die für die Zulassung zur Abschlussprüfung relevant sind (§ 43 Abs. 1 Nr. 1 Hs. 1 BBiG). Dabei ist es unerheblich, ob der Auszubildende diese zu vertreten hat.
Für die Zulassung zur Abschlussprüfung prüft die zuständige IHK die Abwesenheit in der Ausbildungszeit. Pandemiebedingte Fehlzeiten sind dabei gesondert zu betrachten. Voraussetzung für eine geringfügig einzustufende Fehlzeit ist, dass der Auszubildende trotz der Fehlzeiten den erforderlichen Leistungsstand besitzt, um das Ausbildungsziel zu erreichen. Generell sind bei der Beurteilung immer die Umstände des Einzelfalls zu betrachten. Dabei wird nicht unterschieden, ob Berufsschulzeit oder Ausbildungszeit im Betrieb ausfällt. Dies gilt auch bei Kurzarbeit.
Tipp:
Dokumentieren Sie genau, welche Ausbildungsinhalte versäumt wurden und holen Sie diese sobald wie möglich nach. Darüber ist ein Nachweis zu erbringen. Bei länger andauernden Ausfällen besteht die Möglichkeit einen Antrag auf Verlängerung der Ausbildungsdauer nach § 8 Abs. 2 BBiG bei der zuständigen IHK zu stellen.

Sind die Prüfungen im Jahr 2021 von der Corona-Pandemie betroffen?

Nach aktuellm Stand im Januar 2021 können die IHK-Prüfungen unter Einhaltung der entsprechenden Hygienevorschriften stattfinden. Genauere Informationen erhalten Sie rechtzeitig auf dieser Seite.

Wie werden Ausbildungsbetriebe finanziell unterstützt?

Kurzarbeitende Betriebe, die für mindestens vier Wochen Dauer ihre Auszubildenden in einem Partnerbetrieb ausbilden lassen, können ab sofort mit 1.000 Euro gefördert werden. Weitere Informationen zur Förderung finden Sie auf der Homepage des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg.

Zudem fördert das Wirtschaftsministerium mit seinem Förderprogramm „Azubi transfer – Ausbildung fortsetzen“ Betriebe mit einer Prämie in Höhe von 1.200 Euro, wenn sie einen Auszubildenden nach Insolvenz des bisherigen Ausbildungsbetriebs während seiner Ausbildung übernehmen.
Das Bundesprogramm „ Ausbildungsplätze sichern“ fördert kleine und mittlere Unternehmen und unterstützt sie finanziell, wenn sie trotz der aktuellen wirtschaftlichen Lage ausbilden..
Das Programm besteht aus zwei Förderrichtlinien:
Erste Förderrichtlinie (ab 1. August 2020):
  • Ausbildungsprämien in Höhe von 2.000 bzw. 3.000 Euro für Betriebe, die - obwohl sie die Corona-Krise stark getroffen hat - ihr Ausbildungsniveau halten bzw. erhöhen,
  • Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung, wenn der Ausbildungsbetrieb Auszubildende und Ausbilder nicht mit in Kurzarbeit schickt und
  • Übernahmeprämien an Betriebe, die Auszubildende von insolventen Betrieben übernehmen.
Zweite Förderrichtlinie (ab 3. November 2020):
  • Förderung der Auftrags- und Verbundausbildung
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