Standort

„Es braucht ein generelles Umdenken“

Wie muss eine Stadt der Zukunft sein? In Mode scheint die Antwort zu sein „smart“. Hm, was bedeutet eine smarte Stadt? Wir brauchen nur zum Rostocker Rathaus zu gehen, denn Rostock wurde am 08. September 2020 durch eine bundesweite Jury als Modellstadt "Smart Cities made in Germany" ausgewählt und erhält knapp acht Millionen Euro Bundesförderung für die Umsetzung des SMILE CITY Konzeptes. Insgesamt wird die Stadt bis 2025 ca. zwölf Millionen Euro für eine smarte Entwicklung investieren. Wir haben einmal bei Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen nachgehakt.

Smile City ist nicht dasselbe wir Smart City, oder doch?
Am Anfang steht ja erst einmal die Frage: Wie können wir gemeinsam glücklich leben? Und wie erreichen wir das? Bei unserer Idee einer Smile City Rostock haben wir eine menschenfreundliche Stadt vor Augen. Das ist quasi unsere Weiterentwicklung einer Smart City. Dabei stellen wir konsequent die Bedürfnisse der Rostockerinnen und Rostocker in den Vordergrund: bürgerorientiert und bürgernah, denn die Technologie soll kein Selbstzweck sein. Neben einer modernen und zukunftsorientierten Verwaltung, die für die Belange der Bürgerinnen und Bürger da ist, wollen wir die Stadtbevölkerung weiter einbeziehen und zum Mitmachen bewegen, wie zum Beispiel im August mit der „Folkemøde“ im IGA-Park, einem Bürgerdialog auf Augenhöhe mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft, kommunalen Unternehmen.
Die Bürgerinnen und Bürger wünschten sich bei der OB-Wahl 2019 Veränderung. Sicher lässt sich nicht alles von heute auf morgen verändern, doch während der vergangenen beiden Jahre wurden bereits Weichen für ein smartes Rostock gesetzt. Gibt es Beispiele, die zeigen, dass Rostock eine smart City wird?
Für die Zukunft wird das Problem des knappen Wohnraums immer größer, nicht nur in Rostock. Deshalb entwickeln wir zusammen mit unseren städtischen Partnern das Projekt „Box Air“, das es ermöglicht, Zwischennutzungen auf freien Flächen beispielsweise für studentische Wohn- und Kreativräume auszubauen und sich mit anderen auszutauschen und zu vernetzen.
Außerdem wollen wir klimafreundliche Lösungen für Mobilität weiter fördern, insbesondere den Rostocker ÖPNV. Dafür werden uns bis 2024 insgesamt 30 Millionen Euro an Fördermitteln des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) für die Region Rostock bereitstellt. Unser Schwerpunkt liegt hier auf verbesserten und digitalen Fahrgastinformationen sowie attraktiveren Tickets wie beispielsweise ein Mieterticket in Zusammenarbeit mit den örtlichen Wohnungsgesellschaften und ein verbundweit gültiges Semesterticket.
Im Bereich Klimaschutz haben wir im Mai dieses Jahres die größte Landstromanlage in Europa in Betrieb genommen. Durch sie können jetzt Kreuzfahrtschiffe mit klimaneutralem Grünstrom versorgt werden, während sie im Hafen liegen. Damit können wir die Treibhausgasemissionen deutlich reduzieren und ein weiteres Zeichen in Richtung Nachhaltigkeit setzen.
Was kann dazu beitragen, die Hanse- und Universitätsstadt Rostock nach der Coronapandemie zu einem attraktiven Magneten für alle Menschen zu machen?
Die Corona-Pandemie hat uns alle auf besondere Weise herausgefordert, mich eingeschlossen. Da saß man dann plötzlich in einem Krisenstab mit Gesundheitsamt, Klinikum, Polizei, Feuerwehr, und alle wollen Entscheidungen von dir. Das Wichtigste ist dann, einen kühlen Kopf zu behalten. Am Ende ist es aber so, dass kein Gesetz, keine Verordnung der Welt das Virus bekämpfen kann. Es kommt auf die Eigenverantwortung der Menschen an. Und das macht mich sehr stolz, dass so viele Rostockerinnen und Rostocker zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben.
Jetzt heißt es, weiter so. Und: Nicht nur von innen, auch von außen müssen die Menschen auf Rostock schauen und sagen, hier wollen wir leben. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass dieses positive Bild von Rostock über die Stadtgrenzen getragen wird. Denn es nützt ja nichts, wenn wir zahllose Radwege bauen, wenn sie am Ende keiner nutzt. Es braucht ein generelles Umdenken, damit wir gemeinsam eine Smile City daraus entstehen lassen.
Gibt es Städte, auch über die Landes- und Bundesgrenzen hinaus, die ein gutes Vorbild für Rostock sind? Wenn ja: Existieren Kooperationen?
Mein Amtskollege und Freund Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster, verfolgt in seiner Stadt einen ähnlichen Ansatz für umweltfreundliche Mobilität und ist damit bisher sehr erfolgreich gewesen. Ich konnte ihn im vergangenen Jahr besuchen und mir ein Bild vom Radwegenetz in Münster machen. Wir tauschten uns über die Konzepte der Stadtplanung aus und konnten so auch eigene Schwerpunkte setzen.
Als Hanse- und Universitätsstadt sind wir aber auch international in Netzwerken sehr aktiv wie der „Union of the Baltic Cities“ und waren zuletzt in Dänemark und Schweden zu Gast, um uns zu neuen Ideen für den Bereich Digitalisierung auszutauschen. Generell ist für mich immer wichtig, neugierig zu bleiben und Dinge auch mal anders zu denken. Wir können noch so viel von anderen lernen.

Interview: Sabine Zinzgraf