Unternehmensförderung

„Der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht“

Rund 80 Prozent finanzieller Verlust – diese schwer wiegende Bilanz muss das Veranstaltungsunternehmen Sound Projekt Veranstaltungstechnik aus Stralsund im zweiten Corona-​Winter ziehen. Durch die Anordnung der 2Gplus-​Regelung blieb laut Projekt- und Produktionsleiter Fabian Schwabe das Publikum fast komplett weg. „Der Aufwand ist auch für geimpfte Personen zu groß. Da sinkt die Lust daran, Veranstaltungen zu besuchen – aber auch  Veranstaltungen zu organisieren.“
Im Grunde sei diese Regelung nichts anderes als ein Quasi-​Lockdown für die Veranstaltungswirtschaft. Die Umsatzeinbußen jedenfalls ähneln sich zum Vorjahr und es wurden erneut 90 Prozent der Aufträge storniert.
Komplexer Wirtschaftszweig
Aber den Kopf in den Sand zu stecken, das kommt für Fabian Schwabe nicht in Frage. Seit Ende 2020 engagiert sich der Stralsunder in der AG Veranstaltungswirtschaft, die von der IHK-​Hauptgeschäftsführung begleitet wird. Rund 20 Unternehmer aus der Veranstaltungsbranche kommen regelmäßig zusammen, um gemeinsam mit Hauptgeschäftsführer Thorsten Ries und seinem Stellvertreter Peter Volkmann über die Situation der Branche zu beraten und Forderungen sowie Empfehlungen an die Landespolitik zu formulieren.
Mit dabei sind unter anderem die Rostocker Stadthalle, vertreten durch Geschäftsführerin Petra Burmeister, verschiedene Veranstaltungsagenturen, der Verband für Clubs- und Livespielstätten und viele weitere Engagierte, die mit ihrer Arbeit zum Gelingen einer Veranstaltung beitragen. „Die Veranstaltungsbranche ist unglaublich komplex. Da reden wir nicht nur über das Event an sich, sondern über die gesamten Peripheriezweige. Von Künstlern, über Loca­tions bis hin zu Hotels, Catering und Transportunternehmen. Leider hatten wir lange keine Lobby, aber das konnten wir jetzt ändern“, sagt Fabian Schwabe.
Querfinanzierung und bessere Planbarkeit
Aktuell beschäftigt sich die Arbeitsgruppe damit, welche finanziellen Hilfen für die Branche aktuell Sinn machen. „Bis auf die Überbrückungshilfen konnten weitere Unterstützungsprogramme für die Kultur- und Veranstaltungsbranche oft nur direkt von den Veranstaltern oder Locations an sich abgerufen werden, nicht aber von Peripheriedienstleistern. Jetzt reden wir viel darüber, dass Veranstaltungen an sich in der Durchführung unterstützt werden müssen, um auch diese Dienstleister, aber auch Künstler und Soloselbstständige direkt unterstützen zu können“, so Fabian Schwabe. Denn wenn beispielsweise ein Konzert mit einer begrenzten Teilnehmerzahl und weiteren Restriktionen stattfinde, sei das nicht wirtschaftlich für die Veranstalter. Mehr Security für die Kontrolle von Impf- oder Teststatus oder Equipment für das Sicherstellen einer Teststation vor Ort – solche Dinge können zum guten Gelingen einer Veranstaltung unter Corona-​Bedingungen beitragen, müssten aber auch querfinanziert werden, betont Fabian Schwabe. „So schaffen wir es auch, Kurzarbeit zu verringern und weniger staatliche Hilfen zu beziehen. Eine Win-​Win-​Situation. Für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.“
Über die erfolgreiche Durchführung von Veranstaltungen entscheidet in den kommenden Wochen und Monaten noch ein weiterer Faktor: die organisatorische Planbarkeit. Fabian Schwabe: „Das Problem ist, die Politik muss sehr schnell entscheiden. Auch wenn Veranstaltungsplanung beinhaltet, bestmöglich auf Zufälle und spontane Änderungen vorbereitet zu sein, ist das wöchentliche Hin und Her der Regelungen im Planungsprozess nur schwer abbildbar. Und die kurzfristigen Änderungen sind finanziell so aufwendig, dass Veranstaltungen abgesagt werden müssen oder erst gar nicht geplant werden.“
Aber auch die weitere Zukunft hat die AG im Blick. Wie soll die Branche aus der Krise geholt werden, sollte das Leben sich irgendwann wieder einigermaßen normalisieren? „Denn der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht“, sagt Fabian Schwabe. Gut 40 Prozent der Soloselbstständigen hätten sich bislang schon aus dem Veranstaltungswesen zurückgezogen. Unternehmen konnten seit zwei Jahren zwar temporär vor einer Insolvenz bewahrt werden, aber dafür ist eine riesige Investitionslücke entstanden, die im schnelllebigen Eventmarkt zu Problemen führe. Durch diese Faktoren sinken die möglichen Kapazitäten in der Durchführung von Veranstaltungen.
Konstruktive Zusammenarbeit mit der Landespolitik
All diese Punkte und mehr kommuniziert die AG direkt mit der Landespolitik, die bei vielen Treffen auch durch einen Vertreter mit am Tisch sitzt. Das sei immer konstruktiv, nie gehe es um Schuldzuweisungen, sagt Fabian Schwabe, der im Auftrag der AG mittlerweile auch einen Sitz in der Task Force Wirtschaft und Tourismus des Landes hat.
„Wir sind dankbar dafür, dass die IHK und auch die Landesregierung uns eine Plattform geben und uns zuhören. Nun ist zumindest allen klar, dass wir eine große wirtschaftliche Rolle spielen. Die Veranstaltungsbranche ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig in ganz Deutschland. So langsam wissen fast alle, was unsere Verluste bedeuten und dass weiterhin enormer Handlungsbedarf besteht.“
Vereinzelte Veranstaltungsunternehmen können ihre Defizite wohl wieder in den Sommermonaten etwas auffangen, doch Branchenzweige wie die Messewirtschaft oder auch Clubs und Livespielstätten haben ihre Saison im Winterhalbjahr und damit erneut die Chance auf einen selbstständigen Defizitausgleich pandemiebedingt verpasst.
„Hierfür benötigt es weiterhin auch finanzielle Hilfen, aber nicht erst wenn Veranstaltungen staatlich verwehrt werden, sondern auch, wenn die behördlichen Regelungen Kollegen und Kolleginnen zu einer unwirtschaftlichen Durchführung zwingen“, sagt Fabian Schwabe.
Gesellschaftliche Rolle
Für den Stralsunder und seine Mitstreiter geht es bei ihrem Engagement aber um viel mehr, denn die Veranstaltungsbranche nimmt eine wichtige gesamtgesellschaftliche Rolle ein, die auch eng mit dem Wohlbefinden der Bevölkerung zusammenhängt und zum Erhalt der Lebensqualität beiträgt. Damit man wieder dauerhaft diese Rolle einnehmen kann, hoffen die Mitglieder der AG auch darauf, dass sich noch mehr Menschen für eine Impfung entscheiden. „Denn ohne überfüllte Krankenhäuser können wir wieder guten Gewissens Veranstaltungen durchführen. Wir werden unserem Publikum und unseren Gästen weiterhin ein sicheres Erlebnis bieten.“