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„Wir sind auf viel Unverständnis ­gestoßen“

Als im März 2020 der erste Corona-​Lockdown verkündet wurde, waren Jakob Freutel und Denny Kopplin mit ihrem Hotel-​und-​Restaurant-​Komplex „Lok“ in Tessin gerade mal ein Jahr im Geschäft. Existenzängste waren seitdem an der Tagesordnung, sagt Jakob Freutel. Immerhin, mittlerweile würden die Coronahilfen schneller fließen. Vor zwei Jahren habe es noch sehr lang gedauert.
Jakob Freutel und Denny Kopplin
Jakob Freutel und Denny Kopplin betreiben das "Lok" im umgebauten Bahnhof in Tessin. © Mathias Rövensthal
Seitdem hat sich die Lage für die Tessiner, die den alten Bahnhof mit Hilfe der Stadt umgebaut haben, nur in den Sommermonaten wirklich entspannt. Die letzten Monate sitzen ihnen noch in den Knochen. „2Gplus war ein Quasi-​Lockdown. Uns ist fast das gesamte Geschäft weggebrochen“, sagt Jakob Freutel. Um nicht ganz dichtmachen zu müssen, mussten sich die beiden Geschäftspartner einiges einfallen lassen.
„Wir hatten drei Ruhetage in der Woche. Wo gibt es das sonst? Aber anders ging es einfach nicht“, so Jakob Freutel. Natürlich hätten sie auch auf kreative Mittel wie einen Lieferservice zurückgegriffen, aber einen wirklichen Ausgleich habe dieser nicht bieten können.
In den Ballungsgebieten mag es einfacher gewesen sein, sagt Jakob Freutel, aber die Lage des „Lok“ sei sowieso schon eine Herausforderung. „Zu uns kommen die Leute nicht einfach durch Zufall. Wir müssen uns aktiv darum bemühen.“ Und darum hat man in Tessin einiges auf sich genommen. Denn wo andere Hoteliers die Gäste für den geforderten Nachweis ausdrücklich an die Testzentren verwiesen haben, hat das „Lok“-Personal das auch vor Ort vorgenommen. „Wir haben überall, wo es möglich war, auf 2Gplus hingewiesen. Aber dennoch gab es viele Gäste, vor allem aus anderen Bundesländern, wo die Regel nicht galt, die davon überrascht wurden. Die konnten wir ja nicht einfach wegschicken. Zumal es zu Beginn nicht mal ein Testzentrum in der Nähe gab.“

Umsatzrückgang von 45 Prozent

Ähnliches hat auch Frank Martens, Hoteldirektor im Warnemünder Hof, zu berichten. Viele Gäste, die nicht aus MV kamen, waren komplett überrascht und reagierten zudem nicht selten verärgert. „Da zu vermitteln, das war für unsere Mitarbeiter eine große Herausforderung“, so Martens. Für den richtigen Umgang mit der Situation seien alle extra geschult worden, außerdem habe es überall Aushänge gegeben. „Dennoch sind wir auf sehr viel Unverständnis gestoßen – auch wenn wir nicht diejenigen waren, die sich die Regeln ausgedacht haben“, fasst Frank Martens zusammen.
Generell sei durch die Ampelregelung in MV vieles aufwendiger geworden. „Wir mussten ja auch alle Mitarbeiter, die nicht vollständig geimpft sind, regelmäßig testen. Das war eine große zusätzliche personelle und finanzielle Belastung.“
Einen drastischen Umsatzrückgang verzeichnete der Warnemünder Hof in diesem Coronawinter laut Frank Martens allerdings nicht. „Die Nachfrage war in dieser Nebensaison tatsächlich ähnlich stark wie in Nicht-​Pandemiejahren.“
Es fehlte an der klaren Linie. Das schafft Unsicherheit, welche sich direkt auf die Branche auswirkt.

Eike Sadewater, Romantik Hotel Scheelehof in Stralsund

Anders erging es Eike Sadewater mit seinem Romantik Hotel Scheelehof in Stralsund. „Wir mussten seit Ende Oktober einen deutlichen Umsatzrückgang verzeichnen“, berichtet der Geschäftsführer. „Der Verlust betrug kumuliert für die Monate November 2021 bis Februar 2022 in meiner Unternehmensgruppe, bestehend aus fünf Hotels, fünf gastronomischen Einrichtungen und 26 Ferienwohnungen, etwa 45 Prozent.“
Den Hauptgrund dafür sieht Eike Sadewater in einer großen Unsicherheit am Reisemarkt. „Hier zeigte sich die unklare Linie in der Pandemiebekämpfung der Bundes- und Landesregierung als erschwerend.“ Eine große finanzielle Last sei auch durch die Absagen aller Weihnachtsfeiern sowie das Wegfallen von touristischen Übernachtungen durch die spontanen Absagen der Weihnachtsmärkte entstanden.
Gesundheitspolitische Entscheidungen überlasse er den Experten, betont Eike Sadewater. Eine einheitliche Linie habe er aber trotzdem vermisst: „Es fehlte an der klaren Linie. Das schafft Unsicherheit, welche sich direkt auf die Branche auswirkt.“

„Das Thema Personal kam zu kurz“

Damit spricht der Unternehmer den Punkt an, der aktuell wohl den meisten Hotellerie-​, aber auch Gastronomiebetrieben zu schaffen macht: die angespannte Personalsituation. „Das Thema kam leider in den gesamten zwei Jahren auch im politischen Raum aus meiner Sicht viel zu kurz“, so Sadewater. „Hier geht es nicht nur darum, wie wir Arbeitgeber bei unseren Arbeitnehmern finanzielle Defizite ausgleichen. Es geht vielmehr darum, den Mitarbeitern das Vertrauen zurückzugeben, genau in der richtigen Branche tätig zu sein.“ Er wünsche sich in dieser Sache gemeinsame Anstrengungen aller Verbände, der Politik sowie jedes einzelnen Unternehmers. Das unterstreicht auch Jakob Freutel. Besonders in Vorbereitung auf die Hauptsaison sei Personal dringend nötig. „Aber die Suche ist verdammt schwierig, da viele in andere Bereiche gegangen sind, um verlässliche Arbeit zu haben.“
Es geht vielmehr darum, den Mitarbeitern das Vertrauen zurückzugeben, genau in der richtigen Branche tätig zu sein.

Eike Sadewater, Romantik Hotel Scheelehof in Stralsund

Für den Stralsunder Eike Sadewater ist klar, was für eine Verbesserung nötig ist: ein klares Bekenntnis für den Wirtschaftszweig Nummer Eins. „Die Pandemie kann für uns alle auch eine Chance sein. Wenn wir jetzt erkennen, dass der Tourismusstandort Mecklenburg-​Vorpommern von Qualität geprägt ist.“
Christina Milbrandt