Unternehmensförderung

„Wir arbeiten hart an der Situation“

Herr Woitendorf, wie blicken Sie auf die anstehende Saison? Erwarten Sie angesichts der aktuellen Lockerungen ein gutes Frühjahrs-, insbesondere auch Oster- und Sommergeschäft für die Tourismusbetriebe?
Mit gemischten Gefühlen. Positiv ist, dass wir im Vergleich zu 2020 und 2021 dank des Bund-​Länder-​Beschlusses vom 16. Februar zu diesem Zeitpunkt mehr Klarheit zu Regeln zur Bekämpfung der Pandemie und – was noch wichtiger ist – viele Bereiche geöffnet haben. Das Ostergeschäft ist im letzten Jahr bekanntlich ganz ins Wasser gefallen. In diesem Jahr haben die Menschen mehr Planungssicherheit und sind in Bezug auf den Sommer durchaus positiv gestimmt, zumal aktuelle Studien davon ausgehen, dass Deutschland als Reiseland und insbesondere MV weiterhin im Trend liegen. Sorge bereitet allerdings stärker denn je der Fachkräftemangel. Wenn die Pandemie eines gezeigt hat, dann ist es die Störanfälligkeit der Dienstleistungsbranche Tourismus in diesem Kontext. Es ist davon auszugehen, dass insgesamt mehr als zehn Prozent der Arbeitskräfte ihr Glück in anderen Bereichen gesucht haben. Das ist alarmierend und kann nicht von heute auf morgen und nur durch eine Vielzahl gebündelter Einzelmaßnahmen aus der Welt geschafft werden.
Haben die Coronahilfen des Bundes den Betroffenen geholfen? Wo gibt es Ihrer Ansicht nach Verbesserungsbedarf?
Wirtschaftshilfen waren und sind überlebenswichtig in dieser Pandemie. Überbrückungshilfen, Kurzarbeitergeld sowie Modernisierungsprogramm und Neustarthilfen haben viele Betriebe genutzt, um Verluste auszugleichen beziehungsweise Mitarbeiter halten zu können. Die Schwierigkeiten bei der Antragstellung, der zeitnahen Auszahlung oder bei Fragen des Geltungsbereichs sind im Großen und Ganzen behoben; das System läuft weitgehend.
Der Umstand, dass Mitarbeiter in MV Meerblick beim Bettenmachen und Servieren haben, ist lange nicht mehr Anreiz genug, sich für diese Branche zu entscheiden.
Wichtig ist, auch diejenigen im Blick zu behalten, auf die die Programme nicht zugeschnitten sind, die aber auch einen Bedarf haben. Zudem wäre es ein finanzieller Anschub von öffentlicher Seite beim Thema Arbeitskräftesicherung und -rückgewinnung außerordentlich sinnvoll. Der Umstand, dass Mitarbeiter in MV Meerblick beim Bettenmachen und Servieren haben, ist lange nicht mehr Anreiz genug, sich für diese Branche zu entscheiden.
Wie unterstützt der Tourismusverband Unternehmen?
Wir haben von Beginn an auf transparente und intensive Kommunikation und eine Reihe konzeptioneller Ansätze gesetzt. Wir haben mit einem eigens aufgesetzten und mit dem Deutschen Tourismuspreis ausgezeichneten Krisenmanagement als Ansprechpartner der Branche und Sprachrohr Richtung Politik gewirkt. Wir haben Schutzstandards für alle touristischen Segmente vom Hotel bis zum Campingplatz entwickelt sowie Forderungspapiere entworfen, das heißt unseren Gestaltungsspielraum bei der Einflussnahme zusammen mit Partnern ausgeschöpft. Nicht zuletzt haben wir das Siegel „Mehr Sicherheit im Urlaubsland MV“ entwickelt, das inzwischen mehr als 1.000 Unternehmen führen. Auch jetzt arbeiten wir immer hart an der Situation, zum Beispiel mit vorgeschlagenen Osterregeln oder einem Forderungspapier, das auf die notwendige Planungssicherheit bei den Unternehmen für den Herbst abzielt, da leider davon auszugehen ist, dass die Pandemie dann nicht überwunden sein wird.
Die Tourismuswirtschaft beklagt schon seit langem einen massiven Fachkräftemangel. Wie drastisch ist die Situation aktuell?
Jedes dritte Beherbergungsunternehmen (33,5 Prozent) hat laut einer aktuellen Branchenumfrage durch die pandemiebedingten Einschränkungen Beschäftigte verloren, und zwar durchschnittlich 27 Prozent. Der Mitarbeiterschwund geht bei rund jedem vierten Beherbergungsunternehmen sowie bei rund 40 Prozent der Freizeitanbieter leider auch mit einer Reduzierung des Angebotes einher. So gaben die Befragten an, dass in der Gastronomie vor allem an der Stellschraube Öffnungszeiten gedreht wird. Zudem haben manche Restaurants das À-​la-​carte-​Geschäft eingestellt, während im Beherbergungsbereich Arbeitskraft und Zeit gespart werden, indem zum Beispiel Betten nicht mehr vorab bezogen und Zimmer-​Service seltener oder nur auf ausdrücklichem Wunsch angeboten wird. Die Situation ist also nichts anderes als drastisch und zieht die unmittelbare Befassung damit nach sich. Der Tourismusverband hat für die beschäftigungsintensive Branche Tourismus einen separaten Masterplan Beschäftigung vorgeschlagen, in dem institutionenübergreifend kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Entfaltung gebracht werden könnten.
Der Fachkräftemangel ist in vielen Branchen vor allem auch ein Nachwuchsmangel. Wie geht der TMV dieses Thema an?
Wir müssen den Anspruch haben, attraktiv für den Nachwuchs aus MV als auch aus anderen Ländern und Regionen zu sein. Das hat mit Unternehmenskultur genauso zu tun wie mit Willkommenskultur und der Fähigkeit zur sozialen Integration. Zudem spielen neben der Arbeit die Lebensumstände eine große Rolle. Wer sich heute für einen Ort zum Arbeiten entscheidet, stellt hohe Anforderungen an die Wohn- und Lebensqualität. Hier ist kurz gesprochen viel durch viele zu tun.
Wir brauchen zeitgemäße und attraktive Berufsbilder und die entsprechenden Ausbildungsstätten.
Zudem brauchen wir zeitgemäße und attraktive Berufsbilder und die entsprechenden Ausbildungsstätten – von Studienfächern an Universitäten und Hochschulen über abgesicherte Berufsschulen bis hin zur Idee einer Tourismusakademie als Public-​Private-​Partnership-​Modell, wie sie vom Tourismusverband seit geraumer Zeit vorgeschlagen und gefordert wird.
Nicht alle Zweige der Tourismuswirtschaft hatten große Verluste zu beklagen. Das Campinggeschäft boomt. Wird dieser Trend Ihrer Meinung nach anhalten? Hält die bestehende Infrastruktur mit Campingplätzen und einzelnen Parkplätzen für Wohnwagen und -mobile das überhaupt aus?
Ja, dieser Trend wird meiner Meinung nach anhalten, was sich ja auch bei den vielen Neuzulassungen von Campingmobilen zeigt. Das Campingland MV bietet hier eine vergleichsweise gute Infrastruktur mit mehr als 200 Plätzen, die alle am Meer oder an Seen liegen.
Um der hohen Nachfrage in den Sommermonaten zu begegnen, hat beispielsweise der Campingverband MV in Kooperation mit dem Campingplatz Drewoldke auf der Insel Rügen das Leitsystem www.campfindo.de entwickelt, das tagesaktuell freie Plätze anzeigt. Zudem beobachten wir, dass einige Plätze ihr Angebot zugunsten der Wohnwagen erweitern. Die Diskussion darüber hat allerdings auch eine gesamtplanerische und eine politische Dimension.
2021 hat der TMV die Tourismusakzeptanz bei Einheimischen ermittelt. Neben viel positiver Resonanz kritisierten viele, dass große Touristenströme ein zu hohes Verkehrsaufkommen und Umweltbelastung mit sich bringen. Wie arbeiten Sie mit Akteuren zusammen, um diese Punkte zu verbessern?
Diese Entwicklung haben wir auch im Bundesvergleich frühzeitig erkannt und angepackt und entwickeln im Rahmen eines Projektes Ansätze für mehr Akzeptanz und Verständnis. Diese setzen Diskurs und auch Kontroversen voraus: Welchen und wie viel Tourismus wollen und brauchen wir? Über die Plattform wirsindurlaubsland.de rufen wir zum Dialog über die Thematik auf. Der Austausch ist von zentraler Bedeutung, denn erst wenn klar ist, an welchen Stellen der Schuh drückt, können Lösungsansätze gefunden werden.
 Verkehrsprobleme können vor dem Hintergrund langwieriger Planungen nicht kurzfristig korrigiert werden.
Aber wir fangen auch schon an, denn bekanntlich kommt man auch mit kleinen Schritten ans Ziel. So machen wir Gäste beispielsweise auf nachhaltige Angebote aufmerksam, wozu auch die Anreise zählt, und arbeiten im Rahmen unseres Digitalisierungsprojektes an Instrumenten für Besucherlenkung. Denn es ist klar, Verkehrsprobleme können vor dem Hintergrund langwieriger Planungen nicht kurzfristig korrigiert werden.
Viele befürchten eine nochmalige Verschlechterung im nächsten Winter. Was wünschen Sie sich diesbezüglich von der Politik?
Wir arbeiten derzeit wie erwähnt an einem breit abgestimmten Forderungspapier, das wir der Politik in Kürze vorlegen wollen. Denn auch, wenn wir uns jetzt mit dem Sommergeschäft beschäftigen, steht der Herbst schon vor der Tür. Auch hier brauchen alle Bereiche im Falle einer anhaltenden Pandemie größtmögliche Planungssicherheit. Nach zwei Jahren Corona-​Erfahrung sollte man sich durchaus den Blick nach vorn trauen und einen klaren Ausblick auf Regeln geben. In der Situation korrigieren kann man gegebenenfalls immer. Das Agieren sollte aber Priorität haben.

Interview: Christina Milbrandt