Wirtschaftslage: Letztes Aufflackern vor dem Winter

Regionaler Konjunkturbericht Herbst 2022


J: Jahresbeginn; F: Frühjahr; H: Herbst

Noch zeigt sich die regionale Konjunktur einigermaßen robust. „Die Unternehmen kommen aus einem guten Sommer und arbeiten bestehende Puffer und Aufträge ab. Die Politik verkennt jedoch den Ernst der Lage in der Wirtschaft. Denn gleichzeitig sind die Erwartungen der Firmen an die kommenden Monate so schlecht wie nie zuvor“, stellt IHK-Präsident Michael Matt mit Blick auf die Konjunkturumfrage im Herbst bei 280 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen aller Größen in der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim fest. „Aufgrund von Wirtschaftshemmnissen, Versorgungsengpässen und explodierenden Preisen in Kombination mit inflationsbedingt mangelnder Konsumlaune haben die Betriebe keinen Planungshorizont. Darüber hinaus fehlt aufgrund der exorbitanten Kostenbelastung bei Energie und Rohstoffen der finanzielle Spielraum für Investitionen“, so Matt weiter. „All das geht auf Kosten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und kann schlimmstenfalls zu Betriebsverlagerungen und Insolvenzen führen.“
Mit Ausnahme des Tourismus bewegt sich die Geschäftslage der Branchen aktuell im deutlich positiven Bereich. In der Bauwirtschaft lassen Auftragsreserven und kurzfristige Aufträge die Beurteilungen sogar leicht ansteigen. Auch wenn der Auftragsbestand in der Industrie leicht rückläufig ist, die Zahlen sind vergleichbar mit der Situation vor der Pandemie 2019. Bei einigen Rohstoffen wie etwa den Kunststoffen haben sich die Preise in den letzten Monaten etwas entspannt. Bereits jetzt schlagen vor allem die Erhöhungen der Energiepreise bei den Betrieben durch. Umsatzrückgänge melden vor allem Dienstleister, deren Auftraggeber aus der Industrie aufgrund der gegenwärtigen Planungsunsicherheit zurückhaltend bleiben.

Mehr Forderungsausfälle

Der Anteil der Unternehmen, die über Forderungsausfälle bei Kunden und Lieferanten berichten, hat sich gegenüber dem Frühjahr um 5 Punkte auf 25 Prozent erhöht. Deutlich gestiegen sind die Befürchtungen, dass die Preissteigerungen in den nächsten Monaten zu verstärkten Zahlungsausfällen führen werden. Erste Anzeichen dazu liefern auch die Angaben zum aktuellen Liquiditätsstatus, den immer mehr Unternehmen nur noch mit „befriedigend“ bewerten. „Nicht nur die steigenden Material- und Energiepreise, sondern auch die verzögerte Auslieferung von Waren, die wegen fehlender Teile nicht abgerechnet und ausgeliefert werden können, schmälern die Liquidität unserer Unternehmen“, stellt Matt fest. Der Zugang zu Fremdkapital hat sich nach Angaben der Befragten im Vergleich zu den Vorumfragen nicht verschlechtert, allerdings seien die Zinskosten gestiegen.

Auslandsgeschäft schwächelt

Im Export zeigt sich eine schwächelnde Weltkonjunktur. Auftragszuwächse konnten nur in Süd- und Mittelamerika sowie in Asien – ohne China – erzielt werden. Erstmals seit langem fließen Wechselkursrisiken wieder mehr in die Entscheidungen der Einkaufsabteilungen ein. Sie erschweren das Importgeschäft und rücken daher bei jedem zweiten Unternehmen die Eurozone verstärkt als Beschaffungsmarkt in den Fokus. Der schwache Euro treibt zudem die Energiepreise in die Höhe.

Schlechte Aussichten

Die Erwartungen für die nächsten Monate liegen in allen Branchen auf einem Allzeit-Tief. Nur neun Prozent der Befragten blicken noch optimistisch in das neue Jahr. „Insbesondere bei Handel und Tourismus macht sich Pessimismus breit, zum einen aufgrund der Zurückhaltung bei den Verbrauchern, zum anderen, weil vonseiten der Politik neue Corona-Maßnahmen im Raum stehen“, fügt IHK-Präsident Michael Matt an. „Aufgrund der vergleichsweise hohen Energiekosten ist die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland bereits länger gefährdet, nun befürchten besonders die energieintensiven Unternehmen eine De-Industrialisierung.“ Eine große Herausforderung für die heimischen Betriebe bleiben die instabilen Lieferketten. Mit einer Verbesserung bei der Versorgung mit relevanten Rohstoffen, Vorprodukten und Waren rechnet ein Viertel im kommenden Jahr, 29 Prozent sehen eine Beruhigung erst ab 2024. Die Umfrageteilnehmer kritisieren insbesondere die fehlenden politischen Entscheidungen zur Lösung der Energiekrise und die mangelnde Unterstützung des heimischen Mittelstandes. Zum Jahresende anstehende Entscheidungen können von den Betrieben aufgrund der Planungsunsicherheit nicht getroffen werden.

Was die Politik tun könnte?

„Angesichts der explodierenden Rohstoff- und Energiekosten muss man fast schon fatalistisch sagen, Augen zu und durch“, stellt auch Stephan K. Fischer von der Fischer Licht & Metall GmbH & Co. KG aus Mühlhausen im Landkreis Neumarkt fest, der auch Vorsitzender des IHK-Industrieausschusses ist. Gegensteuern könnten Unternehmen derzeit eigentlich nur, wenn sie konsequent in die Eigenversorgung investieren. Auch Fischer installiert gerade eine weitere PV-Anlage für seinen betriebsinternen Energiemix. Die Politik dürfe angesichts ihrer für die Unternehmen schwer planbaren Krisenpolitik die Bedeutung eines nicht vergessen: „Ostbayerns Wohlstand wurde in den letzten Jahrzehnten maßgeblich von den Industrieunternehmen geschaffen.“ Als überlebenswichtig bezeichnet Fischer für die Industrie im ländlichen Raum dabei die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal. Mit Blick auf die Inflation treibt ihn vor allem das Thema Wohnraum für Mitarbeiter um. „Die Politik muss auch im ländlichen Raum jetzt massiv in die Wohnraumförderung investieren“, fordert Fischer. Auch auf dem Land könne sich nicht mehr jeder Mensch ein Einfamilienhaus leisten. Deshalb sollte die Politik – so wie man das aus den Ballungszentren bereits kenne – den Geschosswohnungsbau sowie die Themen Mieten und Soziale Wohnraumförderung an die oberste Stelle auf ihrer Agenda setzen.
Sie finden den IHK-Konjunkturbericht, Sonderauswertungen zu den regionalen Auswirkungen und die Erwartungen der Unternehmen an die neue Bundesregierung  rechts als Download unter “Weitere Informationen”.
 (26.10.2022)