Pressemeldung

Spannungsfeld Energieversorgung

Nicht erst seit gestern ist klar, wie wichtig die Energieversorgungssicherheit für die Unternehmen ist. In der politischen Entscheidungsfindung und im Hinblick auf den Umbau des Energiesystems wurde das Thema oftmals nicht mit der nötigen Konsequenz verfolgt. Der Krieg in der Ukraine legt nun die Mängel in der Planung und Umsetzung schonungslos offen, waren sich die Unternehmerinnen und Unternehmer der regionalen IHK-Gremien Cham und Schwandorf bei ihrer gemeinsamen Frühjahrssitzung einig. Zu Gast in der Schwarzachtalhalle in Neunburg v. Wald begrüßten die beiden Gremiumsvorsitzenden Dr. Alois Plößl und Hubert Döpfer die Bundestagsabgeordneten Martina Englhardt-Kopf, Marianne Schieder und Tina Winklmann. Prof. Dr.-Ing. Oliver Brückl von der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik der OTH Regensburg brachte seine wissenschaftliche Expertise in die Diskussion ein.
„Die Lage ist akut. Der Krieg in der Ukraine und die damit drohenden Lieferengpässe bei fossilen Brennstoffen haben drastische Folgen für die Energieversorgungssicherheit. Vor allem die energieintensive Industrie ist auf eine stabile Energieversorgung und bezahlbare Strompreise angewiesen“, betonte Plößl. „Sollten Energieträger wie beispielsweise Gas mit Blick auf die Sanktionen gegen Russland rationiert werden, ist von Produktionsstopps in der Wirtschaft auszugehen“, gab auch Döpfer zu bedenken. Laut Bundeswirtschaftsministerium kämen in Deutschland 55 Prozent des importierten Erdgases aus Russland, beim Öl seien es 35 Prozent und bei der Kohle 50 Prozent. Es wäre zudem mit weiteren Engpässen in den Lieferketten und Wertschöpfungsverlusten zu rechnen. Professor Brückl bestätigte, dass es in der Vergangenheit versäumt worden sei, sich hinreichend mit Sicherungsmechanismen zu beschäftigen: „Es braucht jetzt konkrete Konzepte für Versorgungssicherheit.“ Schlussendlich ginge es künftig auch mit einem schnellen Ausbau Erneuerbarer Energien nicht gänzlich ohne Energieimporte.

Schleppende Energiewende rächt sich

Für die Unternehmen seien leistungsfähige Infrastrukturen und stabile Rahmenbedingungen essenzielle Standortfaktoren im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und weiteres Wachstum, so der Konsens. „Das Tempo bei der Energiewende lässt zu wünschen übrig – nicht zuletzt aufgrund langwieriger Planungs- und Genehmigungsverfahren“, sagte Schwandorfs Gremiumsvorsitzender Döpfer. Mit großer Sorge blicken viele Betriebe in der Region beispielsweise auf den schleppenden Infrastrukturausbau. Es dürfe nicht auf Kosten von Versorgungssicherheit und Spannungsqualität gehen, wenn zunächst Atomkraftwerke und später auch Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Die Flaschenhälse bei der dringend benötigten Energiewende seien schon lange bekannt – die Ergebnisse bei der Umsetzung hingegen überschaubar. „Viele Themen wurden in den letzten Jahren angestoßen, aber nicht zu Ende gebracht“, so auch der stellvertretende Vorsitzende des Gremiums Cham Josef Dischner, Geschäftsführer der Dischner Speditions- und Handelsgesellschaft mbH. Mit Blick auf die E-Mobilität und alternative Antriebe fehle eine leistungsfähige Tank- und Ladestruktur, es gebe keine nachhaltigen Alternativen zu Atomkraft oder zum Dieselmotor – vor allem im Güterverkehr – und beim Thema Flüssiggas fehlten die passenden Terminals. Im Hinblick auf die Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Preise und den Klimaschutz ist vor allem der Ausbau der Erneuerbaren Energien ein wichtiger Baustein. „Dazu bedarf es ebenso eines Ausbaus der Stromnetze, denn gerade der Ausbau des Ostbayernrings und des Südostlinks sind dahingehend für unsere Region von enormer Bedeutung“, betonte Chams Gremiumsvorsitzender Plößl.

Klare Entscheidungen, offene Kommunikation

Die Energie muss jedoch nicht nur zum Verbraucher gelangen, sondern auch bezahlbar sein. Die explodierenden Energie- und Rohstoffpreise machen der Wirtschaft stark zu schaffen. Gerade Deutschland hat im weltweiten Vergleich hohe Energiekosten – eine zusätzliche Belastung und Preistreiber für die stark im internationalen Wettbewerb stehenden Unternehmen. Das bestätigte auch Gremiumsmitglied Johannes Heckmann, Vorstandsvorsitzender der Nabaltec AG in Schwandorf: „Wir investieren seit langem in Energieeffizienz und haben in hohem Maß Einsparpotenziale realisiert. Dennoch bereiten uns die stark gestiegenen Energiepreise Probleme.“ Sein Unternehmen ist weltweit tätiger Anbieter für Füllstoffe und Spezialoxide. Die hohen Abgaben und Steuern auf Energie hierzulande seien am internationalen Markt ein deutlicher Nachteil, da Kostensteigerungen nicht beliebig an Kunden weitergegeben werden könnten. Der Wegfall der EEG-Umlage sei dabei ein Anfang, jedoch müssten weitere Entlastungen folgen, wie zum Beispiel die Stromsteuer weiter zu reduzieren.
Die Botschaft an die Politik war eindeutig: Oberstes Ziel für die Regierung muss nun sein, die Energieversorgung dauerhaft sicherzustellen, den Ausbau Erneuerbarer Energien enorm zu beschleunigen, neue Quellen für Gaslieferungen zu finden, Energieeinsparpotenziale zu vermitteln und die erforderliche Infrastruktur auszubauen, um künftig unabhängiger zu sein. Es brauche jetzt Führungsstärke und eine offene Kommunikation aller Maßnahmen, um glaubwürdig zu bleiben und die Herausforderungen der Stunde zu meistern, fassten die Gremiumsvorsitzenden zusammen. Dabei dürfe es keine Denkverbote geben.
(06.04.2021)