Pressemeldung

Improvisieren statt investieren

Die Mitglieder des IHK-Gremiums Neumarkt blickten in ihrer Sitzung vergangene Woche auf das zurückliegende Geschäftsjahr 2021. „Wir mussten immer wieder Flexibilität und einen langen Atem unter Beweis stellen“, fasste Gremiumsvorsitzende Ursula Hammerbacher die Unternehmerstimmen zusammen. Anstatt geplante Investitionen umzusetzen, hätten viele der Betriebe mit Improvisationstalent auf beständig ändernde Vorschriften, pandemiebedingte Preissteigerungen oder Lieferschwierigkeiten regieren müssen.
Susanne Hierl, CSU-Bundestagsabgeordnete der Landkreise Neumarkt und Amberg-Sulzbach, informierte in einem Gastvortrag über ihre politische Arbeit in Berlin und ihre Sicht auf den Koalitionsvertrag. Den Betrieben in der Region sagte sie ein stets offenes Ohr für ihre Anliegen zu.

Hard to get statt just in time

Die Neumarkter Wirtschaftsvertreter berichten vor allem für die Bauwirtschaft und die Industrie von gut gefüllten Auftragsbüchern, während die Beschaffung von Rohstoffen immer schwieriger wurde. Es sei nicht mehr darum gegangen, zu welchen Konditionen, sondern ob überhaupt Materialien eingekauft werden konnten. Von erhaltenen „Auftragsbestätigungen ohne Liefertermin und Preis“ berichteten mehrere Unternehmerinnen und Unternehmer.
„Selbst Spanplatten wurden zur Mangelware“, zeigte sich Hammerbacher überrascht. Für den Büromöbelhersteller Hammerbacher GmbH erhöhte der Trend zum Homeoffice zwar die Auftragszahl, die Umfänge hingegen wurden kleiner. Branchenkollege Christian Bock, Geschäftsführer der Bock 1 GmbH & Co KG und Hersteller für Büromöbelkomponenten, berichtete über Preissteigerungen bei Aluminium oder Kunststoffgranulat von bis zu 100 Prozent. Neben dem Mangel an Rohstoffen sei aber auch der steigende Preis für Frachtraum ein Problem. Das alles treibe den Preis in die Höhe, verzögere Lieferungen und müsse mehrmals an Kunden kommuniziert werden. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen, aber man muss ständig am Ball bleiben und improvisieren“, sagte Gerhard Bodensteiner von der OM-Klebetechnik GmbH.

Geparkt statt gepackt

Insbesondere die Tourismusbranche kämpft noch immer. „Ein Reiseverbot bedeutet für uns fast ein Arbeitsverbot“, sagte Patricia Ehbauer, Geschäftsführerin der Merz ReisenGmbH. Vergangenes Jahr parkten die Reisebusse am Firmengelände anstelle Urlauber zu ihren Zielen zu bringen. Nicht einmal drei Monate hätten die Voraussetzungen für ein Arbeiten in gewohnter Weise gegolten. Selbst als Beschränkungen gelockert wurden, beeinflussten insbesondere Einstufungen neuer Hochrisikogebiete oder kurzfristige, unterschiedliche Regelungen auf Bundesländerebene die Planungen. Kurzfristige Absagen seien an der Tagesordnung gewesen. „Ich bin keine Unternehmerin mehr, sondern nur noch Antragstellerin“, zeichnete Ehbauer ein Bild der Situation. Sie freue sich darauf, wenn ihre Kunden wieder ihre Koffer packen können und sie endlich wieder Reisen für den aktuell so wichtigen Ausgleich anbieten kann.

Steuerplanungen der Ampel

Einen Ausblick, was die Unternehmen in den kommenden Jahren in puncto Steuern erwartet, gab IHK-Experte Dr. Martin Kammerer und beleuchtete die finanziellen und steuerlichen Aspekte des Koalitionsvertrages näher. Positiv bewertete er, dass keine neuen Substanzsteuern eingeführt werden und es keine Erhöhung bei Einkommen-, Unternehmens- oder Mehrwertsteuer geben soll. Mit dem Wegfall der EEG-Umlage zum Jahresbeginn 2023 wird eine IHK-Forderung umgesetzt, die den derzeitigen Anstieg der Strompreise zumindest teilweise dämpfen kann. Eingeführt werden sollen beispielsweise Investitionsprämien für Klimaschutz und digitale Wirtschaftsgüter sowie eine Superabschreibung für Investitionen aus diesen Bereichen. „Die genaue Ausgestaltung ist jedoch noch unklar“, sagte Kammerer. Wenngleich sich ein klarer Wille zur Digitalisierung und Entbürokratisierung abzeichnet, finden sich an zahlreichen Stellen kleinteilige Regelungen, die unternehmerisches Handeln erschweren. „Eine echte Steuerreform, um im Ländervergleich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Unternehmensstandort zu verbessern, bleibt leider aus“, resümierte der IHK-Steuerexperte.
(15.02.2022)