Warum der Mathe‑Rückgang zur Gefahr für den Wirtschaftsstandort wird
MINT-Kompetenzen im Sinkflug
Die IHK Ostwürttemberg hat gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und dem Digitalisierungszentrum Ostwürttemberg (digiZ) eine umfangreiche Online‑Umfrage unter Ausbilderinnen, Lehrkräften, Dozentinnen und weiteren Bildungsakteuren durchgeführt. Ziel war es, die Einschätzungen zur mathematischen Kompetenzentwicklung von Lernenden in Ostwürttemberg zu erfassen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten.
„MINT-Fähigkeiten entscheiden über künftige wirtschaftliche Prosperität. Deshalb müssen wir wissen, wo wir aktuell stehen, um gezielt gegensteuern zu können. Die Ergebnisse fließen direkt in die Offensive Zukunft Ostwürttemberg ein“,
betont IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler.
Deshalb wurde in Ostwürttemberg eine MINT-Offensive gestartet. Die IHK Ostwürttemberg lädt gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern alle Bildungsakteure, Unternehmen und interessierten Fachkräfte herzlich zum MINT-Fachtag am 12. Mai im Digital Innovation Space (DIS) im digiZ Aalen ein. Dort werden die Ergebnisse der regionalen Umfrage, das neue Konzeptpapier zur MINT-Förderung sowie praxisnahe Ansätze zur Förderung mathematischer und technologischer Kompetenzen junger Menschen vorgestellt und diskutiert.
Ergebnisse der Umfrage
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen ein alarmierendes Bild: Mehr als 40 Prozent der Befragten bewerten das allgemeine mathematische Kompetenzniveau der Lernenden mit Note vier oder schlechter. 87 Prozent beobachten einen grundsätzlichen Rückgang der Mathematikleistungen, insbesondere in den Bereichen Funktionen und Analysis, Größen und Messen sowie Modellieren und angewandte Mathematik.
Diese regionale Wahrnehmung deckt sich mit den aktuellen landesweiten Zahlen des Statistischen Landesamts Baden‑Württemberg: Die Teilnahme am Mathematik‑Leistungsfach in der Oberstufe ist seit dem Schuljahr 2020/21 um rund zehn Prozentpunkte zurückgegangen.
Landesweite Statistik bestätigt die regionale Entwicklung
Ein Blick in die amtliche Schulstatistik verdeutlicht die Relevanz der Befunde: Im Schuljahr 2024/25 nahmen 26.306 Schüler in Baden‑Württemberg am Leistungsfach Mathematik teil – das entspricht 43 Prozent aller Oberstufenschüler.
Besonders stark vertreten ist das Fach an allgemeinbildenden Gymnasien, wo ebenfalls rund 43 Prozent der Oberstufenschülern Mathematik als Leistungsfach belegen. In der Sekundarstufe II der Gemeinschaftsschulen liegt dieser Anteil dagegen lediglich bei 34 Prozent.
Gleichzeitig ist der landesweite Rückgang des Mathematik‑Leistungskurses seit 2020/21 deutlich sichtbar – ein Trend, der die Einschätzungen der regional Befragten untermauert.
Auch an den Hochschulen zeigt sich ein differenziertes Bild: Im Wintersemester 2024/25 waren gut 8.100 Studierende im Fach Mathematik eingeschrieben, davon 64 Prozent im Lehramtsstudium, bei dem der Frauenanteil mit 74 Prozent besonders hoch ist. In anderen Mathematikstudiengängen hingegen gingen die Studierendenzahlen in den vergangenen zehn Jahren um 21 Prozent zurück.
Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Herausforderung bei der Gewinnung von hochqualifizierten MINT‑Fachkräften.
Ursachen: Motivationsverlust, Anstrengungsbereitschaft und fehlende Alltagsrelevanz
Als wesentliche Ursachen für sinkende Kompetenzen nennen 83 Prozent der Befragten mangelnde Motivation und eine abnehmende Bereitschaft zur Anstrengung. Gleichzeitig wird ein zunehmend fehlendes Verständnis für die Bedeutung der Mathematik im Alltag diagnostiziert.
Die Rückmeldungen zeigen klaren Handlungsbedarf: Gefordert werden qualitativ hochwertiger Unterricht, eine stärkere Professionalisierung von Lehrkräften, frühe Förderung sowie ein gesamtgesellschaftlicher Kulturwandel in Bezug auf Bildung und Leistung.
Gemeinsame Verantwortung: Schule, Wirtschaft, Gesellschaft
„Bildungserfolg braucht mehr als Formeln und Naturgesetze. Wir müssen an Struktur, Haltung und Qualität arbeiten“,
so Rentschler weiter.
Die IHK sieht in der Verbindung regionaler Umfragedaten mit landesweiten statistischen Entwicklungen klare Ansatzpunkte:
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Verbesserung mathematischer Basiskompetenzen bereits in der Primarstufe
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Stärkung des fachlichen und didaktischen Niveaus in der Ausbildung
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Ausbau von Kooperationen zwischen Schulen, Hochschulen und Wirtschaft
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Weckung des Interesses an Mathematik als Grundlage digitaler und technologischer Innovation
Ergänzend weist die IHK Ostwürttemberg auf das ebenfalls regional etablierte Vorbereitungsprogramm SINUS 9 – Mach dich fit für deine Ausbildung hin. Das kostenlose Angebot richtet sich an Jugendliche mit Ausbildungsvertrag, die im Sommer 2026 eine Ausbildung in metallverarbeitenden Berufen beginnen.
Vom 20. bis 24. Juli 2026 werden an mehreren Partnerschulen im Ostalbkreis grundlegende Kenntnisse der Trigonometrie vermittelt – ein wichtiger Bestandteil für den erfolgreichen Start in viele Metall‑Berufe. Entwickelt wurde SINUS 9 vom Bildungsbüro Ostalb gemeinsam mit regionalen Metallbetrieben, IHK, Handwerkskammer und Südwestmetall. Die Teilnehmer erhalten nach erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat, das den Einstieg in die Ausbildung erleichtert und ihre grundlegenden mathematischen Fähigkeiten stärkt.
Hintergrund: Bedeutung der MINT‑Fächer
MINT‑Fähigkeiten – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – bilden die Basis für Innovation und Wachstum. Weltweit steigen die Zahlen von MINT‑Absolvent*innen, besonders in Schwellenländern. Gleichzeitig sinken in Deutschland das Interesse und die Kompetenz in zentralen mathematischen Bereichen – ein Risiko für die künftige Wettbewerbsfähigkeit.
