Alexander Wehrle & Holger Sanwald

Fußball stärkt Wirtschaft und Gesellschaft

Ein „erfrischender“, „inspirierender“, „ungewöhnlicher“ und „kurzweiliger“ Abend. „Ein Austausch auf Augenhöhe mit amüsanten Einlagen, aber auch ernsten Momenten." Das sind Aussagen zu der Veranstaltung „Fußball: Wirtschaftsfaktor oder auch sozialer Kitt?" mit Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG, und Holger Sanwald, Vorstandsvorsitzender des 1. FC Heidenheim. Beide waren Gesprächspartner bei einer gemeinsamen Veranstaltung der IHK Ostwürttemberg, des Wirtschaftsclubs Ostwürttemberg und der Hochschule Aalen.
Bei der gut besuchten Podiumsdiskussion in der Aula der Hochschule Aalen schauten sie ganz im Sinne der „Let's talk"-IHK-Reihe über den Tellerrand hinaus. Mit dem Moderations-Tandem Dr. Andreja Benkovic (IHK) und Thomas Schaber (WCO) beleuchteten die zwei Klubchefs unterhaltsam und tiefgründig die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle des Fußballs.
Es gehe nicht um eine Verlängerung des Sportstudios, merkte das Moderatorenduo an nach der Begrüßung durch Prorektor Prof. Dr. Heinz-Peter Bürkle und Christian Wiedmann, Vorsitzender des Wirtschaftsclubs. Gesprochen wurde dann vor mehr als 370 Menschen aus unterschiedlichen Ecken der Gesellschaft über den Einfluss des Fußballs auf den Wirtschaftsstandort und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Fußball sei ein Sinnbild des Lebens, sagte Wehrle, sei verbunden mit Emotion, Gemeinschaft und ein Kulturgut, das Identität stifte. Den Besuch im Stadion solle sich jeder leisten können, weswegen man versuche, die Ticketpreise akzeptabel zu halten. Sie zu erhöhen, würde im „Transfer-Wahnsinn“ ohnehin nicht helfen, ergänzte der VfB-Manager später in der Diskussion.

Gesellschaftliches Lagerfeuer

Nach Einschätzung von Holger Sanwald handelt es sich beim Fußball um eines der letzten gesellschaftlichen Lagerfeuer, einen wichtigen sozialen Kitt. Denn diese beschränkt sich für beide Bundesligisten nicht auf Stadion und grünen Rasen.
„Wir sind zwar parteipolitisch neutral, aber wir müssen bei bestimmten Themen eine Haltung vorleben“,
brachte es Wehrle auf den Punkt. Nach Sanwalds Einschätzung bietet der Fußball sogar ein extremes Gemeinschaftserlebnis für alle. Er halte die Gesellschaft zusammen und verhindere, dass jeder in seine Nische abwandere. Obwohl sein Verein, der 1. FC Heidenheim, auf dem 18. Platz in der Tabelle stehe und damit der Abstieg in die Zweite Liga drohe, freue man sich nach wie vor auf jedes Spiel.
Sanwald machte im weiteren Verlauf der Diskussion – das Sportstudio blieb natürlich doch nicht ganz außen vor – aber auch deutlich, dass er für Heidenheim die Erste Liga noch längst nicht abgeschrieben hat. Denn Fußball sei Kopfsache und nicht Mathematik und daher sei jederzeit alles möglich. Nötig sei eine gesunde Mischung von Realitätssinn und Optimismus. Wehrle sprang seinem Duz-Freund bei:
„Ich finde großartig, was Ihr geleistet habt, und ich bin Optimist, dass Ihr mindestens den 16. Platz, also die Relegation, schafft!“

Starker Mittelstand in der Region

Sollte es für Heidenheim dennoch zurück in die Zweite Liga gehen, habe die Region weiterhin etwas von den Profikickern, ist Sanwald überzeugt. In Ostwürttemberg sei vielen gar nicht bewusst, welch starken Mittelstand es hier gebe, was wiederum auch dem FC Heidenheim zugutegekommen sei. Dessen Motto sei auch, daran erinnerte Andreja Benkovic: „Wir für unsere Region“. Diese wiederum geht nach der Analyse von Sanwald mit dem Verein durch dick und dünn, weil der Verein immer ehrlich und authentisch geblieben und weil es ihm gelungen ist, alle mitzunehmen. Der FCH sei organisch gewachsen, weswegen der Vereinsboss nicht fürchtet, dass Fans und Sponsoren in der Zweiten Liga von der Fahne gehen. Aber:
„Demut ist wichtig, weil ein Absturz brutal ist!“
In der Krise müsse man mutig sein und im Rückschritt die Chance erkennen, besser zu werden.
Ob die gebeutelte Wirtschaft in der Region Stuttgart den Verein mit nach unten reißt, wurde Wehrle gefragt. Auf das Untergangsnarrativ aus dem Landtagswahlkampf „Stuttgart ist das neue Detroit“ wollte sich Wehrle aber gar nicht einlassen. Vielmehr lässt sich der VfB auf den Wandel der Wirtschaft ein und macht ihn mit. Mit Partnern wie der Schwarz Gruppe und SAP wird mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Regulierung von Stadionbesuchen, Spielanalysen und die Trainingsdiagnostik weiterentwickelt. Im Bereich der digitalen Bildung in Schulen engagiert sich die VfB Stiftung und fördert den verantwortungsvollen Umgang mit KI.

Lob für Generation Z

Junge Menschen, sagte Sanwald auf eine weitere Frage, nehme er als hochmotiviert wahr und der Verein bekomme von der sogenannten Generation Z durchaus Top-Bewerbungen.
„Unsere jungen Mitarbeitenden haben Power und wollen Verantwortung übernehmen“,
blies Wehrle ins gleiche Horn.
„Für unsere Jungen gehe ich durchs Feuer!“
Man müsse sie fordern und fördern, aber jeder müsse auch wissen, welchen Beitrag er für das große Ganze leiste.
Der VfB-Manager fordert aber auch die Vereine. Ihr Auftrag sei, Haltung zu zeigen. Sie müssten unter anderem das Bewusstsein für den Wert der Demokratie in die Köpfe bringen. Der VfB unternehme über seine Stiftung große Anstrengungen in dieser Richtung, schilderte Wehrle die entsprechenden Angebote anschaulich. Und er scheue auch nicht davor zurück, die eigene Vereinsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Mit allen anderen Bundesligavereinen sei er auch Teil der Initiative „Nie wieder“ und gedenke am 27. Januar, dem Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, der im so genannten Dritten Reich Verfolgten und Ermordeten. Wichtig sei aber, ergänzte Sanwald, die Werte auch selbst vorzuleben und Mitbestimmung zuzulassen.
So unterschiedlich die beiden Fußballclubs und ihre Vorstandsvorsitzenden auch sein mögen – dem Publikum gaben Sanwald und Wehrle die gleichen Botschaften mit: Es gelte, Größe in der Niederlage zu zeigen, Demut im Erfolg und Optimismus im Misserfolg. Und: Gemeinsam ins Handeln zu kommen mit Mut, Neugier und Optimismus.