IHK im Blick | Wohnbau

Wohnungsbau & Immobilienwirtschaft

Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Es ist Grundbedürfnis, Menschenrecht und zugleich Ausgangspunkt für gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Entwicklung und ein funktionierendes Gemeinwesen. Diese Erkenntnis prägte 2024/2025 wie kaum eine andere die wohnungspolitische Debatte – und stand im Zentrum zahlreicher Initiativen, Veranstaltungen und Positionspapiere der baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern.

Auftakt mit Signalwirkung

Bereits zu Jahresbeginn machte eine Fachveranstaltung in Ostwürttemberg deutlich, wie eng Wohnraum, Fachkräftesicherung und kommunales Leben miteinander verwoben sind. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kommunen diskutierten sozialpolitische Dimensionen, Leerstandsmanagement, Mitarbeiterwohnen und sozialen Wohnungsbau. Deutlich wurde: Wohnungsbau ist kein rein technisches Projekt, sondern ein sozialer Prozess – von der Flächenfrage über Finanzierung bis zur Akzeptanz vor Ort.
Impulse aus der kommunalen Praxis, etwa zu aktivem Leerstandsmanagement oder neuen Kooperationsmodellen zwischen Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften und sozialen Trägern, zeigten konkrete Wege auf. Der Tenor: Wer Wohnraum schafft, stärkt nicht nur den Standort, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wohnen rückt ins Zentrum der Standortpolitik

Mit der Fachkonferenz „Wohnen, Bauen & Landesentwicklung – Qua vadis, Baden-Württemberg?“ im Haus der Wirtschaft in Stuttgart erreichte die Debatte im März 2025 eine neue Dimension. Über 200 Teilnehmende aus Wirtschaft, Kommunen, Planung und Politik folgten der Einladung des BWIHK. Die Botschaft war eindeutig: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum entwickelt sich zunehmend zu einem handfesten Standortrisiko.
BWIHK-Präsident Dr. Jan-Stefan Roell machte klar, dass Deutschland seine Wohnungsbauziele seit Jahren verfehlt – mit spürbaren Folgen für Unternehmen und Arbeitsmärkte. Landesbauministerin Nicole Razavi zeichnete ein ernüchterndes Bild der Bauwirtschaft: Hohe Kosten, sinkende Genehmigungszahlen und fehlende Wirtschaftlichkeit lähmen den Wohnungsbau. Zugleich betonte sie die Bedeutung von Wohneigentum für soziale Gerechtigkeit und Altersvorsorge und kündigte Reformen an, insbesondere mit Blick auf die Landesbauordnung.

Fläche ermöglichen statt blockieren

Ein zentrales Thema des Jahres war die Flächenpolitik. Im Fokus: der neue Landesentwicklungsplan (LEP). Die klare Forderung der Wirtschaft lautet, Flächen nicht pauschal zu begrenzen, sondern intelligent zu ermöglichen. Fläche werde nicht „verbraucht“, sondern genutzt – für Wohnen, Arbeiten, Energiewende und Infrastruktur. Der LEP müsse ein Ermöglichungsplan sein, der Regionen Handlungsspielräume lässt, statt sie durch starre Vorgaben auszubremsen.
Auch der Dialog mit Landwirtschaft und Verbänden zeigte: Ohne eine realistische Flächenpolitik lassen sich weder Wohnraumbedarf noch wirtschaftliche Transformation bewältigen. Gleichzeitig braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit Ausgleichsflächen, Bürokratieabbau und mehr Planungssicherheit auf kommunaler Ebene.

Mitarbeiterwohnen

Besonders an Dynamik gewann 2024/2025 das Thema Beschäftigten- und Mitarbeiterwohnen. Fachkräftemangel und Wohnraummangel treffen Unternehmen zunehmend gleichzeitig. In Workshops, Fachrunden und politischen Gesprächen wurden neue Modelle diskutiert – von Kooperationen mit Kommunen bis hin zu Fondsmodellen, bei denen Unternehmen gemeinschaftlich in Wohnraum investieren.
Dabei zeigte sich auch die Kehrseite: Regulatorische Vorgaben erschweren selbst wirtschaftlich tragfähige Projekte. Umso wichtiger ist es, Akteure zusammenzubringen, Bedarfe klar zu definieren und praxistaugliche Leitfäden zu entwickeln. Der 2025 stattgefundene DIHK-Expertenworkshop „How to Beschäftigtenwohnen“ setzte hier ein weiteres Ausrufezeichen.

Tempo aufnehmen: Bauturbo und Landesbauordnung

Mit dem vom Bund beschlossenen Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und der Reform der Landesbauordnung in Baden-Württemberg wurden im Sommer 2025 zentrale Weichen gestellt. Digitalisierung, Standardisierung und Genehmigungsbeschleunigung gelten aus Sicht der Wirtschaft als entscheidende Hebel, um Bauprozesse dauerhaft schneller und günstiger zu machen. Klar ist aber auch: Entscheidend wird die Umsetzung sein – und der Mut, Normen zu überprüfen und Verfahren konsequent zu vereinfachen.

Ausblick: Wohnen bleibt Gemeinschaftsaufgabe

Ob Flächenkampagne, Grundsatzpapier zur Wohnraumpolitik oder politische Forderungen mit Blick auf die Landtagswahl 2026 – das vergangene Jahr hat gezeigt, dass Wohnen längst kein Nischenthema mehr ist. Es ist Wirtschafts-, Sozial- und Standortpolitik zugleich. Die zentrale Aufgabe bleibt, Wohnraumschaffung, wirtschaftliche Entwicklung und Nachhaltigkeit zusammenzudenken – pragmatisch, mutig und im Schulterschluss von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Denn eines ist klar: Ohne Wohnen keine Fachkräfte. Ohne Fachkräfte keine Zukunft.