Seit 2025 ist Tina Betzold, Geschäftsführerin der Arnulf Betzold GmbH in Ellwangen, im achtköpfigen Vorstand der deutschlandweit aktiven „Stiftung Lesen“. Ihr Unternehmen, das Lernmittel für Schulen und KiTas vertreibt, unterstützt seit 20 Jahren die „Stiftung Lesen“ jährlich mit einem fünfstelligen Betrag.
„Leseförderung sehen wir als originäre Wirtschaftsförderung. Seit über zehn Jahren engagieren wir uns deshalb auch beim Deutschen Lesepreis in der Kategorie ‚Herausragende Leseförderung an Schulen‘“,
Frau Betzold, wie hat sich die Lesefähigkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt?
Tina Betzold: Leider hat sich an den nackten Zahlen nicht sehr viel verändert. Die Zahl der Jugendlichen und Menschen, die sich beim Lesen schwertun, bleibt sehr hoch. Ziel muss sein, Kindern das Erlernen von Lesen grundsätzlich zu ermöglichen und anzueignen – egal, wie schwierig sich auch ihr persönliches Umfeld darstellt. Lesen ist die Grundlage für die gesamte weitere Bildung, inklusive der beruflichen Qualifizierung.
Haben Sie für uns einige Zahlen zur Lesefähigkeit im Land parat?
25 Prozent der Viertklässler verfügen nicht über ausreichende Lesekompetenz, ebenso rund ein Viertel der 15-Jährigen. Daraus resultiert eine weitere Malaise: Rund 52.000 Schüler verlassen pro Jahr die Schulen ohne einen Abschluss. Das Resultat ist erschreckend: 20 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in Deutschland – also die aktiven Erwerbspersonen – können nicht richtig lesen und schreiben. Das entspricht über 10 Millionen Menschen in Deutschland.
Wie ist ihr Ansatz als Arnulf Betzold GmbH? Worauf richten Sie ihren Fokus?
Als Versandhändler für Lernmittel sind wir nahe dran an den Themen und Bedürfnissen – und auch Nöten – der Schulen. Uns wird immer wieder gesagt, dass Lesekompetenzen oft schwierig zu vermitteln sind. Es fehlt an den Grundlagen, die auch zuhause gelegt werden müssen. Auch hier sprechen die Zahlen eine klare Sprache: 32 Prozent der Eltern von Kindern zwischen 1 und 8 Jahren lesen ihren Kindern nicht oder nur selten vor. Das müssen wir ändern, deshalb engagieren wir uns stark im schulischen Bereich. Die Stiftung Lesen bietet beispielsweise Leseboxen für Schulen an oder organisiert den bundesweiten Vorlesetag. Wir müssen das Lesen aktiv an die Kinder herantragen. Das ist unsere Mission. Dafür werbe ich. Der Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Herkunft ab. Kann zuhause nicht unterstützt werden, haben Kinder schlechte Chancen, Lesen zu lernen.
Welche Kernbotschaften leiten Sie daraus ab?
Lesen geht uns alle an. Ob Menschen lesen können oder nicht, hat Auswirkungen auf das Selbstbild, Jobchancen oder auch die Wahlbeteiligung – sprich: auf die eigene Zukunft, aber in Summe eben auch auf unsere Gesellschaft. Vorlesen bildet die Grundlage für ganz viele Fähigkeiten, die Kinder und Erwachsene im Leben brauchen. Es hilft dabei, selbst leichter Lesen zu lernen, es stärkt das Einfühlungsvermögen, lässt in andere Lebenswelten blicken, weckt Neugier, regt die Fantasie an. Kurzum: Vorlesen legt den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft und ein verständnisvolleres Miteinander.
Das Unterstützen von Schulen und KiTas ist also essentiell.
Bildungsinstitutionen wie Kitas und Schulen sind wichtig für die Lese-Entwicklung von Kindern. Deswegen unterstützt die Stiftung Lesen mit unterschiedlichen Angeboten, damit Leseförderung im Alltag gelebt werden kann. Ressourcen- und Personalmangel sorgen aber dafür, dass pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte auch bei höchster Motivation nicht jedes Kind fördern können. Wir als Gesellschaft müssen unterstützen: Je mehr freiwillig Engagierte und je vielfältiger der Kreis an freiwillig Engagierten ist, umso mehr Vorbilder haben Kinder, um das Lesen für sich zu entdecken. Jede und Jeder kann mitmachen: mit einer Vorleseaktion am bundesweiten Vorlesetag, einer Bücherspende in Form von Lese-Boxen, einem langfristigen Engagement in der Region oder einer Spende. Auch Corporate Volunteering Programme tragen dazu bei, Menschen für ein Engagement zu begeistern und langfristige Zusammenarbeiten von Unternehmen und Einrichtungen ins Leben zu rufen.
Gibt es weitere Beispiele für Aktivitäten?
Es werden Buchgeschenke organisiert, um die Vorlesezeit in Familien zu erhöhen. Aber auch durch Aufklärung: Mehrsprachiges Vorlesen und das Lesen in Herkunftssprachen sind kein Hindernis, sondern wertvolle Ressourcen. Und vor allem: Gelesen wird, was Spass macht. Vom klassischen Buch über Zeitschriften, Comics oder mit digitalen Apps: der Mix macht’s.
Welche Bedeutung hat Lesen für unsere Volkswirtschaft?
Leseförderung ist Wirtschaftsförderung! Zeit, selbst aktiv zu werden. Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte und die gibt es nur, wenn alle Menschen lesen können. 2,9 Millionen junge Erwachsene starten ohne Ausbildungsabschluss in ihr Erwerbsleben. Das hat auch mit fehlender Lesekompetenz zu tun.
Was können Unternehmen dazu tun?
Unternehmen können sich für das Vorlesen und die Lesekompetenz junger Menschen einsetzen, indem sie die eigenen Mitarbeitenden unterstützen und auffordern, sich beim bundesweiten Vorlesetag oder langfristig zu engagieren. Mitarbeitende erleben dazu eine sinnstiftende Tätigkeit mit Potenzial zur persönlichen Weiterentwicklung. Das Engagement ist durch den Einsatz der eigenen Mitarbeitenden direkt in der Region sichtbar. Die Stiftung Lesen unterstützt dabei mit strategischer Beratung zur Planung und Umsetzung von eigenen Corporate Volunteering Programmen im Bereich Lese-Engagement. Vom Vernetzen mit passenden Engagementpartnern über Schulung von Mitarbeitenden oder Ausstattung mit (Vor-)Lese-Boxen und eigenen Unternehmenskursen.
Welche Aktion steht 2026 bei Betzold bezüglich Leseförderung an?
Auf der Landesgartenschau feiern wir unser 20-jähriges Engagement in diesem wichtigen Bereich. Am 4. Juli 2026 wird auf dem Gartenschau-Gelände in Ellwangen an mehreren Orten das Betzold Gartenschau-Lesefest stattfinden. Dort werden wir mit vielfältigen Aktionen auf die Leseförderung eingehen. Reservieren Sie sich also diesen Termin.
Ab 2026 spendet die IHK Ostwürttemberg Vorlese-Boxen der Stiftung Lesen an Schulen und Bildungseinrichtungen. Diese Boxen enthalten 15 bis 20 sorgfältig ausgewählte Bücher, abgestimmt auf das Alter der Kinder – vom KiTa‑Alter bis zur Grundschule. Sie sind so gestaltet, dass sie sowohl zum Vorlesen als auch zum selbstständigen Lesen anregen. Die Boxen liefern in den Einrichtungen eine wertvolle, leicht zugängliche Unterstützung. Den Auftakt der Initiative markierten die ersten Übergaben im Rahmen von „IHK vor Ort“: In Unterschneidheim und Herbrechtingen werden die ersten Boxen offiziell an lokale Schulen überreicht. IHK‑Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler betont die Bedeutung des Projekts:
„Lesekompetenz ist eine Schlüsselqualifikation – für Schule, Beruf und Teilhabe. Mit den Leseboxen unterstützen wir Kinder ganz praktisch vor Ort und stärken zugleich die Bildungskraft unserer Region.“
Mit dieser Initiative setzt die IHK ein deutliches Zeichen für Bildungsgerechtigkeit, Zukunftschancen und regionale Verantwortung.