Wirtschaft in Ostwürttemberg
Nr. 6942054
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Im Gespräch mit IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler

Ein ereignisreiches Jahr 2026 hat begonnen. Die geopolitischen Unsicherheiten nehmen erneut an Fahrt auf, eine neue multipolare Weltordnung wird gesucht. In Deutschland warten die Akteure auf das Greifen erster Reformen und das Stabilisieren der Wirtschaft nach drei Jahren der Seitwärtsbewegung. In Baden-Württemberg wird am 8. März ein neuer Landtag gewählt. Und innerhalb der fortgeschriebenen Offensive „Zukunft Ostwürttemberg“ schickt die Region Ende März eine Delegation nach Brüssel.
Im Gespräch mit Wirtschaft Regional-Redakteur Tobias Köhler schildert IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler zu Jahresbeginn seine Sicht. Für diese Ausgabe unseres IHK-Mitgliedermagazins wurden Teile dieses Interviews aufbereitet.
Herr Rentschler, wie blicken Sie aufs neue Jahr? Normalerweise ist es Zeit für ein bisschen Optimismus.
2026 wird eine gewaltige Kraftanstrengung für uns alle – für die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Was wir jetzt am dringendsten brauchen, ist ein Stimmungsumschwung. Wenn wir es nicht schaffen, Zuversicht und Optimismus zurückzugewinnen, geraten wir in eine gefährliche Abwärtsspirale. Ich sehe aber eine gesunde Grundsubstanz in unseren Betrieben. Mein Ziel lautet: „Unterhaken statt Fingerzeigen.“
Hilft „Unterhaken“, wenn die Automobilindustrie – das Herzstück der Region und im Land – gerade weltweit ins Schlingern gerät?
Die Fakten sind unerfreulich. Weltweit stehen derzeit rund zwölf Millionen Fahrzeuge auf Halde. Der Weltmarkt liegt darnieder, weil die Menschen ihre Autos heute im Schnitt zehn statt acht Jahre fahren. Das zieht die gesamte Wertschöpfungskette – vom Zulieferer bis zum Händler – nach unten. Wir brauchen Technologieoffenheit: Ob E-Mobilität, Hybrid oder der Verbrenner – wichtig ist, dass der Markt überhaupt wieder anspringt. Wenn die Industrie wegen mangelnder Nachfrage rationalisieren muss, reißt das andere Sektoren wie den Handel und die Gastronomie mit.
Wo bleibt dabei der versprochene Optimismus?
Er speist sich aus unseren Stärken. Wir haben eine herausragende Patentdichte und Ingenieure, die weltweit führend sind. Unsere Volkswirtschaft ist im Kern stark. Ein oft unterschätzter Faktor ist zudem unser sozialer Friede. Zudem hat der Staat verstanden, dass er sich nicht kaputtsparen darf, sondern investieren muss – vor allem in wertschöpfende Infrastruktur wie Mobilität und die Energiewende. Wenn wir es schaffen, die bürokratischen Exzesse der letzten Jahre abzubauen, geht es zügig wieder aufwärts. Die Abwanderung von Arbeitsplätzen ist eine schmerzhafte Erfahrung für die Region. Sie sagt aber nichts über den Niedergang des Standortes aus. Traditionskonzerne wie Voith zeigen uns, dass man sich immer wieder neu anstrengen muss. Auch wenn Nachrichten über Stellenabbau zunächst Sorge auslösen, steckt in solchen Restrukturierungen auch der Keim der Hoffnung. Sie sind notwendige Reaktionen auf einen tiefgreifenden technologischen Wandel. Das Ziel ist es, Prozesse zu optimieren und sich konsequent auf die zukunftsträchtigen Geschäftsfelder zu konzentrieren.

Sie sprechen gerne von der „Erfolgsgeschichte“ Ostwürttembergs. Wie verhindern wir, dass diese Strahlkraft verblasst?
Ostwürttemberg hat sich in den letzten 30 Jahren vom Schlusslicht in Baden-Württemberg zur Erfolgsregion entwickelt. In den letzten zehn Jahren sind hier 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Ostwürttemberg ist mit Königsbronn die Wiege der Industrialisierung in Deutschland. Wir blicken auf 660 Jahre durchgängige Industriegeschichte zurück. Wir verhindern das Verblassen durch den konsequenten Ausbau unserer Hochschulen. Aalen hat heute Forschungseinrichtungen und ein Promotionsrecht, von denen man früher nur träumen konnte. Wir müssen den Tüftlergeist der Gründerväter wie Hans Voith oder Carl Zeiss in die heutige Zeit übersetzen.
Die Offensive „Zukunft Ostwürttemberg“ soll beitragen, vor Ort die Rahmenbedingungen zu verbessern.
Die Zukunftsoffensive ist unser regionaler Schulterschluss aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand, anstatt auf Hilfe aus Brüssel oder Berlin zu warten. Wir agieren aus eigener Kraft. Gemeinsam haben wir 2021 den Masterplan Ostwürttemberg 2030 entwickelt, um die Region fit zu machen. Kurz gesagt: Wir werben modern für unseren Standort und nutzen die Digitalisierung als echte Chance.
Warum wurde dazu ein Update aufgelegt, der Masterplan 2.0?
Weil sich die Welt seit 2021 nochmals radikal verändert hat. Wir müssen heute über Krisenfestigkeit oder neudeutsch: Resilienz sprechen. Das betrifft den Katastrophenschutz genauso wie die Verteidigungsfähigkeit. Ein Riesenthema ist zudem die Infrastruktur für Wasserstoff. Wir produzieren hier oft mehr sauberen Strom, als wir verbrauchen können. Wir wollen Ostwürttemberg zur führenden Region für saubere Industrie in Europa mit begleiten.
Dazu brauchen Sie die entsprechenden Fachkräfte. Wo bekommen wir diese her?
Das Thema Fachkräfte ist für uns der entscheidende Game Changer. Wir setzen massiv auf akademische Exzellenz und auf die MINT-Fächer – also die Natur- und Ingenieurswissenschaften. Und: Wir müssen zwingend auch die duale Ausbildung wieder stärken. Dieses geniale System ist und bleibt das Rückgrat unserer Volkswirtschaft.
Um die Region voranzubringen, braucht es moderne Infrastruktur.
Wir können uns diese langen Zeiträume der Planung und Realisierung schlicht nicht mehr leisten. Ein warnendes Beispiel ist Lüdenscheid: Dort hat die jahrelange Sperrung einer zentralen Autobahnbrücke an der A45 die regionale Wirtschaft und den Alltag der Menschen regelrecht lahmgelegt. Solch einen Stillstand müssen wir in Ostwürttemberg mit aller Macht verhindern.
Was bedeutet das konkret für regionale Projekte wie den Ausbau der Brenzbahn?
Dass wir beim Tempo nicht nachlassen dürfen. Wir brauchen ein konsequentes Projektmanagement und den Mut, Planungsschritte parallel zu verschränken, anstatt sie starr nacheinander abzuarbeiten. Geschwindigkeit ist heute ein entscheidender Standortfaktor.
Was ist Ihr wichtigster Wunsch an die Politik für das neue Jahr?
Ein intelligenter und vernünftiger Umgang mit Geld. Investitionen in Infrastruktur sind sinnvoll, weil sie über Generationen Wohlstand schaffen. Und wir brauchen eine „Heckenschere“ für die Bürokratie: Wir müssen das Gestrüpp aus Vorschriften lichten, damit unsere Unternehmen wieder freier atmen und investieren können.

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