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Was, wenn morgen keine Batterien mehr kommen?
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Holger Kaßner, Leiter des Gmünder fem Forschungsinstituts
Wir haben uns an ein trügerisches Sicherheitsgefühl gewöhnt: dass am Ende schon jemand liefert. Energie. Batterien. Chips. Software. Sicherheit. 2026 ist das Jahr, in dem diese Annahme unbequem wird. Die zentrale Frage lautet: Haben wir Schlüsselkompetenzen im Land und in Europa so organisiert, dass sie auch dann funktionieren, wenn Partnerschaften sich verändern? Denn wer elementare Technologien nicht beherrscht, verliert nicht nur Märkte – er verliert Handlungsspielraum und Unabhängigkeit.
Wir brauchen einen neuen Grundrealismus, denn wir können nicht verlässlich vorhersagen, wie stabil strategische Partnerschaften bleiben. Die Welt ordnet sich neu. Schneller, konfliktreicher und weniger berechenbar. Es gibt Fähigkeiten, die eine Gesellschaft zum Funktionieren braucht. Diese müssen zumindest als Basis im Land oder in Europa verfügbar sein. Dazu zählen neben vielen anderen Themen auch Energie, Batterien, KI und Robotik, Kommunikation, Halbleiter, Materialforschung, Produktionstechnologien, Luft- und Raumfahrt sowie weitere sicherheitsrelevante Bereiche.
Autonomie managt Abhängigkeiten
Autonomie entscheidet sich an der Technologie- und Fertigungsfähigkeit. Wer sie besitzt, kann Abhängigkeiten managen und Märkte dominieren. Ein Unternehmen, das all seine Produkte auf einem Setup aufbaut, das es selbst nicht mehr beherrscht, wird scheitern. Nicht einzelne Leuchtturmprojekte sichern Souveränität, sondern die Lern-, Entwicklungs- und Produktionskompetenzen dahinter – in Forschung wie in Industrie.
Diese Perspektive verändert auch den Blick auf den Standort. Deindustrialisierung ist ein gravierender Verlust und selten reversibel. Einmal verlagerte Produktionsketten kommen nicht mit dem nächsten Förderprogramm zurück. Standortpolitik entscheidet sich nicht an Symbolprojekten, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen: wettbewerbsfähige Energiepreise, planbare Regulierung über Legislaturperioden hinweg, realistische Genehmigungszeiten und ein Innovationsumfeld, das Geschwindigkeit ermöglicht.
Zur Attraktivität gehört auch, gewachsene Strukturen zu hinterfragen, die nicht mehr zur Dynamik globaler Märkte passen – etwa in Forschung und Innovation. Innovationszyklen verkürzen sich dramatisch; es geht um Jahre oder Monate statt Jahrzehnte. Forschung, Förderung und Transfer sind darauf oft nicht ausgerichtet. Das Problem ist weniger mangelnde Exzellenz als mangelnde Reaktionsfähigkeit. Wer Innovation linear denkt, verliert Tempo. Erfolgreich sind nicht die größten Einheiten, sondern die beweglichsten.
Überprüfung von Clusterlogik
Vor diesem Hintergrund verdient auch die Clusterlogik eine nüchterne Prüfung. Cluster können Kompetenz bündeln und Sichtbarkeit schaffen. Aber sie dürfen nicht zur Monostruktur werden. Wer alles an einem Standort konzentriert, erhöht Effizienz und Verwundbarkeit gleichermaßen. Wie klug ist es, in einer Zeit hybrider Risiken, sämtliches Know-how und Kompetenz an einer Stelle zu bündeln? Systeme, die nur an einem Punkt funktionieren, sind keine resilienten Systeme.
Monostrukturen funktionieren somit weder im Sicherheits- noch im Innovationskontext. Je schneller sich der Markt dreht, desto geringer wird die Überlebensdauer von Großstrukturen. Resilienz braucht Breite und Vielfalt. Innovation lebt von Dynamik und Konkurrenz.
Die Frage ist also: Unterstützen wir Forschung und Förderung zum Erhalt großer Einheiten, oder schaffen wir Voraussetzungen, damit möglichst agil immer wieder Neues entstehen kann?
Das gilt besonders in einer KMU-geprägten Volkswirtschaft. Innovations- und Förderlogiken, die primär auf wenige große Einheiten zielen, verfehlen die industrielle Realität Deutschlands. Ein High-End-Cluster in der Batterieforschung operiert in anderen Dimensionen als ein Zulieferer, in der Batterieproduktion. Beide brauchen Kompetenz, aber in unterschiedlicher Form. Der Zulieferer benötigt anwendbares Know-how, kurze Wege, Unterstützung bei Adaption statt bei Vision. Er muss seine Probleme überhaupt verstehen. Wer Innovationsfähigkeit in der Breite sichern will, muss Strukturen schaffen, die nah am Bedarf arbeiten.
2026 wird kein Jahr der einfachen Antworten. Aber es kann ein Jahr der klaren Entscheidungen werden.
Fünf Leitgedanken für 2026:
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Technologie- und Fertigungsfähigkeit als Kernziel definieren.
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Deindustrialisierung ernst nehmen, bevor sie irreversibel wird.
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Forschung und Transfer beschleunigen.
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Cluster nutzen, aber Vielfalt und Dezentralität sichern.
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Innovationspolitik an der KMU-Realität ausrichten.
Prof. Dr. Holger Kaßner ist Leiter des fem Forschungsinstituts. Seine Laufbahn vereint wissenschaftliche Exzellenz mit industrieller Praxis. Nach Stationen in München, Bochum und einem Forschungsaufenthalt in Cambridge wurde er 2009 am Forschungszentrum Jülich promoviert. Danach übernahm er leitende Positionen bei Lufthansa Technik und Krones AG. 2017 folgte der Wechsel in die Wissenschaft. Sein Fokus: Den Brückenschlag zwischen Forschung und Praxis gestalten.
Kontakt
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89520 Heidenheim
Tel. 07321 324-0
Fax 07321 324-169
zentrale@ostwuerttemberg.ihk.de
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