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Die Kraft des Einfachen
Ostwürttemberg steht – wie viele ländlich geprägte Regionen – unter hohem Veränderungsdruck: Fachkräftemangel, demografischer Wandel und Strukturumwälzungen in der Wirtschaft treffen gleichzeitig auf knappe Budgets und begrenzte personelle Ressourcen. Dazu kommt: Ohne ausgeprägte universitäre Forschungslandschaft müssen Innovation und Transformation besonders stark aus Mittelstand, angewandten Hochschulen, beruflicher Bildung, regionalen Netzwerken und Verwaltungspraxis heraus gelingen. Die gute Nachricht: Genau dafür ist Ostwürttemberg gut aufgestellt – wenn die vorhandene Kraft gezielter gebündelt wird. Nicht nur in der „Offensive Zukunft Ostwürttemberg 2.0“ geschieht genau das.
Die Studie „Die Kraft des Einfachen“ der Aalener Firma imakomm hat auf Basis von 171 Städten und Gemeinden in fünf Bundesländern untersucht, wie Kommunen mit den komplexen Rahmenbedingungen umgehen und v.a.: welche Leitidee hinter der Kommunalentwicklung stehen soll. Denn die (An)Forderungen an Kommunen sind enorm – und immer neue Themen müssten in der Kommunalentwicklung berücksichtigt werden bzw. Leitidee sein: von der länglich bekannten Nachhaltigkeit über Resilienz und Digitalisierung bis hin zur Suffizienz. Und alles bitte unter noch mehr Bürgerbeteiligung…
Die Studie beschreibt ein Muster, das viele Kommunen kennen: Man ist „Macherin trotz Geldsorgen“ – engagiert, aber überlastet. Nachhaltigkeit, Resilienz und Beteiligung werden häufig als Zusatzthemen behandelt, nicht als integrierte Arbeitsweise. Beteiligung findet zwar statt, bleibt aber oft bei Information und Rückmeldung stehen.
Die Studie schlägt deshalb keinen weitere Kommunalentwicklungsstrategie vor. Sie entwirft Impulse für praxisnahes Vorgehen, das Elemente aus mehreren dieser „Leitideen“ automatisch enthält. Kern ist das 3‑P‑Modell. Es macht Zukunftsfähigkeit greifbar, indem es v.a. zwei „Hilfskonzepte“ verbindet: Suffizienz (klug und bewusst mit Ressourcen umgehen – „gut genug“ statt „immer mehr“) und Resilienz (Widerstands‑, Anpassungs‑ und Lernfähigkeit). Zusammen wird Nachhaltigkeit vom Anspruch zur Arbeitsweise: weniger Abhängigkeit von knappen Ressourcen – und zugleich mehr Stabilität in Krisen.
P1: Prozesse flexibilisieren – Verwaltungshandeln neu ausrichten:
Das erste „P“ scheint in vielen Kommunen die Basis. Kommunalpolitik und Verwaltung unterschätzen oft, wie stark bessere Prozesse entlasten können. Der Ansatz setzt auf Anreize nach innen und nach außen
- nach innen: beispielsweise agiler werden (klare Abläufe, digitale Tools, usw.). Dazu gehört auch, als Verwaltungsspitze bspw. Veränderungen im Arbeiten einzufordern und Bereitschaft dazu auch zu belohnen.
- nach außen: binde gezielt ein – Unternehmen, Vereine, Initiativen, engagierte Gruppen – und gib Anreize zum Mitmachen. Das kann beispielsweise in Form eines Art Bürgerbeirates erfolgen, bei dem ein Querschnitt der Einwohnerschaft eine vom Gemeinderat formulierte, kritische Fragestellung für diesen beantwortet. Oder aber – wie derzeit in der Gemeinde Rainau – indem die Frage der Beteiligung umgekehrt wird: nicht „was soll die Gemeinde für die Entwicklung tun, sondern: was benötige ihr im Ortsteil X und was könnt ihr dazu selbst beitragen?“
P2: Prinzipien als Standard – „anders bauen, anders nutzen, anders herstellen“:
Weil „Zukunftsfähigkeit“ oft abstrakt bleibt, empfiehlt die Studie drei einfache Standards, die bei jeder Maßnahme mitgedacht werden:
- anders bauen/entwickeln: zuerst im Bestand – Leerstände aktivieren, nachverdichten, Ortskerne stärken; neue Flächen erst als letzte Option.
- anders nutzen/gebrauchen: Flächen und Gebäude multifunktional planen – Mehrfach‑ und Gemeinschaftsnutzung (parallel oder zeitlich).
- anders herstellen/beschaffen: lokale Ressourcen stärken, umweltfreundlich beschaffen, Kreisläufe fördern, dezentrale Systeme nutzen.
P3: Priorisieren – Wirkung vor Wunschliste:
Das dritte „P“ verhindert Überforderung. V.a. Maßnahmen aus dem Freiwilligkeitsbereich sollten systematisch nach drei Kriterien ausgewählt werden:
- Dringlichkeit: Was braucht schnellen Start (bspw. Wohnen, Mobilität, Versorgung)?
- Reichweite: Was verbessert „gleichzeitig“ mehrere Lebensbereiche und erreicht viele Bevölkerungsgruppen?
- Zukunftsfähigkeit: Was schafft langfristig tragfähige Strukturen und löst Folgeinvestitionen aus?
Fazit: Zukunftsfähigkeit ist keine Zusatzaufgabe – sondern eine neue Routine
Ostwürttemberg muss nicht „mehr“ machen, sondern das Richtige einfacher organisieren: Prozesse flexibilisieren, Prinzipien klären, Wirkung priorisieren. Nicht Perfektion ist gefragt, sondern konsequentes, schrittweises Handeln – gemeinsam mit regionalen Partnern. Zukunftsfestigkeit entsteht vor Ort, wenn Kommunen wieder Zeit gewinnen, Verantwortung teilen und sichtbare Wirkung erzeugen. Damit gelingt keine Unabhängigkeit von globalen Ereignissen oder bundes- und landespolitischen Vorgaben – aber wieder mehr Selbstwirksamkeit auf kommunaler Ebene.
Kontakt
Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg
Ludwig-Erhard-Straße 1
89520 Heidenheim
Tel. 07321 324-0
Fax 07321 324-169
zentrale@ostwuerttemberg.ihk.de
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