Volkswirtschaft trifft Fußball
Der 1.FC Heidenheim erzielt heute einen Jahresumsatz von rund 85 Mio. Euro und beschäftigt ca. 450 Mitarbeiter (Voll- und Teilzeit)
Im Gespräch mit dem FCH-Vorstandsvorsitzenden Holger Sanwald
Dr. Andreja Benkovic, Volkswirtin bei der IHK Ostwürttemberg, hat für das IHK-Magazin „Wirtschaft in Ostwürttemberg“ mit dem Vorstandsvorsitzenden des 1. FC Heidenheim über die Konjunkturumfrage sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des Profifußballs gesprochen.
Der FCH investiert in den Ausbau der Voith-Arena: Holger Sanwald (li.) erläutert im Interview mit Dr. Andreja Benkovic die Pläne.
Lieber Holger Sanwald, wie ist die Stimmung beim 1. FC Heidenheim nach dem Wimpernschlag-Klassenerhalt?
Holger Sanwald: Die Relegation war Euphorie pur für uns alle. Es hat dann gutgetan, danach etwas durchzuatmen. Und dann kam wieder die Begeisterung. Die Jungs freuen sich und sind voller Energie, denn sie wissen, wir spielen nächste Saison wieder in der Bundesliga, unser drittes Jahr, im Kreis der besten 18 Teams in Deutschland.
Was erwartet ihr, auf was können die Fans sich freuen?
Wir wollen unseren Weg fortsetzen. Es gibt beim FCH voraussichtlich keinen Umbruch, keinen Paradigmenwechsel. Warum auch? Wir sind durch unsere eigene Heidenheimer DNA aufgestiegen, haben im Europapokal gespielt. Wir haben weiterhin nicht die finanziellen Möglichkeiten wie andere Mannschaften. Es geht um den Klassenerhalt mit unseren Mitteln: Wir haben mit Frank Schmidt einen super Trainer, hinter dem wir bedingungslos stehen – auch und gerade, wenn es mal schwierig wird. Wir setzen auf unsere Jugend und Spieler, die oftmals aus unterklassigen Ligen kommen. Alles mit dem Ziel, den Klassenerhalt wieder zu schaffen.
Die IHK führt drei Mal im Jahr eine Konjunkturumfrage durch. Warum machst Du bei der Konjunkturumfrage regelmäßig mit?
Wir sind eine innovative Region. Die IHK und alle Partner der Zukunftsoffensive bündeln ihre Kräfte und geben ihr Bestes, dass sich unsere Region positiv weiterentwickelt. Ich fühle mich verpflichtet, auch meinen Teil beizutragen. Die IHK-Umfrage bringt die aktuelle wirtschaftliche Situation der Unternehmen zum Ausdruck. Je mehr mitmachen, desto bessere Ergebnisse kommen zustande. Als regionaler Profi-Fußballverein haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung für unsere Region. Ich kann nur alle aufrufen, auch mitzumachen!
Wie lange benötigst Du, um online die Fragen zu beantworten?
Zehn bis 15 Minuten. Aber ich schau dabei nicht auf die Uhr. Ich beantworte die Fragen ohne Zeitdruck.
Was schaust Du Dir an, wenn die Auswertung im Postfach liegt? Was findest Du interessant?
Die Umfrage ist für mich ein gutes Tool, um mir einen Überblick zu verschaffen, ein Gefühl für die Stimmung und die Lage der Unternehmen in der Region zu bekommen.
Der Profifußball ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Wachstum entsteht durch die Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und technischer Fortschritt. Wie wichtig sind die Menschen des FCH?
Letztendlich geht‘s bei uns zu 100 Prozent um die Menschen: Es geht um unsere Männer- Frauen- und Jugendmannschaften, unsere Mitarbeitenden, unsere Mitglieder, Fans, Partner und Sponsoren. Wenn wir Entscheidungen treffen, dann fragen wir uns, was hat das für Auswirkungen. Ich bin Fan der sozialen Marktwirtschaft. Wichtig ist mir, dass meine Mitarbeitenden wissen, dass sie sich jederzeit einbringen können. Wir suchen immer konstruktiv gemeinsam die beste Lösung im Sinne unserer FCH-Familie. Ich habe das große Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Jeden Tag ist es eine Freude für mich. Auch wenn ich einen schlechten Tag hatte, dann sag ich mir trotzdem: Du darfst das machen! Wir haben unseren Traum verwirklicht – das wird auch 2025/2026 so sein.
Welchen Wert legst Du auf die Fortentwicklung der Mannschaft und jedes Einzelnen?
Ich glaube, dass wir an dieser Stelle eine Vorbildfunktion haben, was Kontinuität und Weiterentwicklung anbelangt. Nehmen wir Markus Gamm als Beispiel: Er hat bei uns angefangen als Praktikant und ist heute unser Bereichsleiter Kommunikation. Petra Saretz, meine Vorstandskollegin, hat zu Beginn unseren ersten damaligen VIP-Raum betreut, eigentlich bei der Volksbank gearbeitet und sie ist heute im Vorstand. So könnte ich noch viele weitere Beispiele von Verantwortlichen und Mitarbeitern aufführen, die tagtäglich das Beste für unseren Verein geben. Ich bin mit offenen Augen durch die Welt gegangen: Weiterbildungsangebote, Auslandsaufenthalte, DFL-Veranstaltungen. Wenn unsere Mitarbeitenden Interesse an einer Weiterentwicklung haben, dann sag ich „Mach es!“. Das ist immer auch eine Investition in die Zukunft.
Wie sieht das Team auf dem Platz in der kommenden Saison aus?
Adam Kölle und Nick Rothweiler sind zwei neue Jungs aus unserer U19. Mikkel Kaufmann kam nach seiner Leihe zurück vom KSC und mit Arijon Ibrahimovic haben wir einen Neuzugang als Leihgabe von Bayern München. Das entspricht unserer Philosophie „Kontinuität statt Umbruch“: Eine gewisse Fluktuation, neue Impulse und Konkurrenzsituationen sind wichtig – aber es ist auch wichtig, dass Du das in ein Ganzes integrierst. Es ist immer möglich, dass es noch Veränderungen gibt. Das Transferfenster ist bis zum 1. September geöffnet.
Also keinen Woltemade?
Den wollten wir vor einem Jahr tatsächlich verpflichten! Wir waren auch nah dran – und dann kam der VfB. Heute kannst du ihn dir als FCH natürlich nicht mehr leisten. (lacht) Wir haben wie immer Spieler fast ausschließlich aus der 2. und 3. Liga geholt, wie beispielsweise Luca Kerber, Sirlord Conteh oder Leonardo Scienza. Entwicklung und Kontinuität – wir wollen unseren FCH-Weg weitergehen.
Zu den anderen Produktionsfaktoren: Kapital und technischer Fortschritt. Welche Investitionen stehen an? Mit welchen Innovationen können wir rechnen?
Wir investieren gerade 1,5 Millionen Euro in unseren Rasen und das Spielfeld in der Voith-Arena. Im Sommer 2026 ist der Kunstrasenplatz dran. Mit den Stadtwerken Heidenheim und der Essinger Wohnbau bauen wir ein neues und modernes Jugend-Internat mit neuen Arbeitsplätzen für unsere Mitarbeiter und einem Boardinghouse, Fertigstellung im Jahr 2026. Unser zentrales Thema ist darüber hinaus der Stadionausbau auf 25 000 Plätze: Im Sommer 2026 möchten wir mit den ersten Maßnahmen beginnen. Warum wir das machen? Wir handeln schon immer nach dem Motto „Nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investieren!“ Wir haben den Klassenerhalt geschafft und haben gleichzeitig eine schwarze Null in der letzten Saison erwirtschaftet. Wir haben unsere wirtschaftlichen und sportlichen Interessen erfolgreich in Einklang miteinander gebracht und damit das Beste aus unseren Möglichkeiten herausgeholt.
In der Konjunkturumfrage fragen wir auch nach den wirtschaftlichen Risiken.
Wir haben einen Gesamtetat von rund 80 Millionen Euro, 20 Millionen Euro erwirtschaften wir über das Sponsoring und Hospitality-Einnahmen. 90 Prozent unserer Sponsoren kommen aus der Region. Das sind gewaltige Zahlen. Ich bin froh darüber, was aktuell in Berlin passiert und dass es wirtschaftspolitisch wieder in die richtige Richtung geht. Wenn es der Region schlecht geht, dann spüren wir das sofort über unsere Partner und Sponsoren. Wir hoffen sehr, dass es unserer Region weiter gut gehen wird. Und deswegen bin ich auch ein Fan unserer Region und aller Akteure, die sich für ihre Weiterentwicklung stark machen.
Wir leben in einer turbulenten Zeit. Die Partner der Zukunftsoffensive wollen im neuen Masterplan 2.0 das Thema „Resiliente Region und Gesellschaft“ bearbeiten. Wie beeinflusst der Fußball die Gesellschaft? Welche Rolle kann der Fußball als gesellschaftliche Konstante spielen?
Ich bin 1967 geboren und in den 1980er-Jahren war ich Jugendlicher. Die 1980er Jahre werden oftmals verklärt – aber in Wirklichkeit waren sie medial geprägt von Tschernobyl, Aids, Waldsterben, Nato-Doppelbeschluss, Atomkrieg. Und ich habe als junger Kerl gedacht: Die Welt geht unter, Endzeitstimmung. Für mich war Fußball neben Familie und Schule von morgens bis abends mein Leben. Ich weiß, wie wichtig Fußball oder der Sport allgemein für unsere Kinder ist. Er gibt gesellschaftlichen Halt, Lebensfreude und Optimismus. Fußball ist ein ganz wichtiger sozialer Kitt, eines der letzten gesellschaftlichen Lagerfeuer. Denn im Fußball kommen alle zusammen. Fußball verbindet. Der Bürgergeld-Empfänger bis zum Bundeskanzler oder dem Konzernchef: Sie begegnen sich noch hier. Das hat enorme Abstrahleffekte auf unsere Demokratie, unsere Freiheit und Toleranz.
Wie siehst Du Deine persönliche gesellschaftliche Verantwortung?
Das, was wir beim FCH tun, begreife ich, begreifen wir als Gemeinschaftsaufgabe. Jammern bringt uns nicht weiter. Es geht um das Miteinander als Gesellschaft. Jeder Einzelne hat Verantwortung. – auch für unsere Demokratie. Wenn wir uns alle einbringen, dann geht es immer aufwärts. Ich möchte, dass wir wie unsere Nachkriegsgeneration damals anpacken, jeden Tag. An der Stelle haben wir als FCH eine Vorbildfunktion, der wir gerecht werden möchten.
Die Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage werden als Erkenntnisquelle von unseren Mitgliedsunternehmen genutzt. Welchen Rat würdest Du den Mitgliedsunternehmen und den politisch Verantwortlichen und in der deutschen Volkswirtschaft geben?
Ich weiß nicht, ob sie meinen Rat brauchen. In meinem Leben habe ich bisher immer dann Erfolg gehabt, wenn ich die Dinge optimistisch angegangen bin. Diesen Optimismus wünsche ich mir in Zukunft noch mehr in allen gesellschaftlichen Bereichen!
Was können unsere Mitgliedsunternehmen vom 1. FC Heidenheim lernen und was könnt ihr als Verein von ihnen lernen?
Ich bin ein Kind der Region und geprägt von unserer Region. Unsere Werte, die wir im Verein leben, haben wir aus ihr adaptiert. Das Bodenständige, Fleißige, dass man korrekt und ehrlich sein muss, dass man seinen Nächsten respektiert, einfach die ganz normalen Basiswerte. So bin ich aufgewachsen. Wir haben geschafft, das zu unseren FCH-Werten zu machen und damit Erfolg zu haben.
Besten Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde geführt am 07.07.2025.
Vita FCH Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald
Holger Sanwald
Geboren: 18.5.1967
Geburtsort: Giengen/Brenz
Ausbildung: Studium der Wirtschaftswissenschaften Universität Augsburg, Abschluss Diplom-Ökonom mit Prädikatsexamen
Geburtsort: Giengen/Brenz
Ausbildung: Studium der Wirtschaftswissenschaften Universität Augsburg, Abschluss Diplom-Ökonom mit Prädikatsexamen
| 1995 | Wahl zum Abteilungsleiter hsb-Fußball: 80.000 DM Umsatz, 150 Zuschauer im Durchschnitt, Spielklasse Landesliga, rein ehrenamtliche Strukturen |
| 1998 | Aufstieg in die Verbandsliga Württemberg |
| 2004 | Aufstieg in die Oberliga Baden-Württemberg |
| 2007 | Abspaltung der hsb-Fußballabteilung zum 1.FC Heidenheim 1846, Berufung zum Geschäftsführenden Präsidiumsmitglied |
| 2008 | Aufstieg in die Regionalliga Süd |
| 2009 | Aufstieg in die 3.Liga und Beginn des Umbaus des Albstadions zur modernen Voith-Arena (15.000 Zuschauer, Investitionssumme rund 45 Mio. Euro) |
| 2014 | Gewinn der Meisterschaft in der 3. Liga vor RB Leipzig, Aufstieg in die 2.Bundesliga und Gewinn des wfv-Pokals |
| 2020 | 3. Platz in der 2. Bundesliga und Erreichen der Aufstiegs-Relegationsspiele zur Bundesliga (0:0, 2:2 gegen Werder Bremen) |
| 2023 | Meister in der 2. Bundesliga und Aufstieg in die Bundesliga als größter Erfolg der Vereinsgeschichte |
| 2024 | Bundesliga-Klassenerhalt und Teilnahme an der UEFA Conference League durch den 8. Platz in der Abschlusstabelle |
| 2025 | Der FCH setzt sich in der Relegation gegen die SV Elversberg durch und sichert sich damit das dritte Jahr in Folge die Bundesliga |
Der 1.FC Heidenheim erzielt heute einen Jahresumsatz von rund 85 Mio. Euro und beschäftigt ca. 450 Mitarbeiter (Voll- und Teilzeit)
