Der Nigerianer Leonard Azodo hat auf der Ostalb Wurzeln geschlagen

Vom Priester zum Pächter

„Ich fühle mich hier wohl und bin voll integriert“, sagt Leonard Azodo. Man kennt ihn hier als Leo - er ist Pächter der Freibad-Gaststätte der Sportgemeinde (SG) im Schwäbisch Gmünder Ortsteil Bettringen. Bis es so weit war, musste er einen weiten Weg zurücklegen - sowohl geographisch als auch persönlich. Denn Leo Azodo wurde in Nigeria, geboren und ist vor Jahren nach Europa gekommen, weil er katholischer Priester werden wollte. Pächter auf der Ostalb wurde er schließlich nach mehreren anderen Versuchen, beruflich Fuß zu fassen. Der 39-Jährige ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration und für ein Migrantenschicksal, das – bislang zumindest – sich zum Guten gefügt hat. In Schwäbisch Gmünd hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Sogar die deutsche Staatsbürgerschaft ist für ihn in Reichweite. Den Einbürgerungstest hat er bereits bestanden.

Leo Azodo hat in einer fünf Millionen Einwohner zählenden Stadt im Osten Nigerias das Licht der Welt erblickt und ist mit neun Geschwistern aufgewachsen. Nach dem Abschluss des Gymnasiums wollte er katholischer Priester werden. Daher absolvierte er zunächst das Postulat und das Noviziat beim Franziskanerorden im französischsprachigen Benin, dem Nachbarstaat von Nigeria. Danach war für ihn der Weg bereitet für das Studium der Philosophie und der Moraltheologie an der Hochschule der Franziskaner in Rom, dem er sich drei Jahre widmete. Azodo spricht neben englisch und französisch auch fließend italienisch.
Doch mit den Jahren gab er seinen Berufswunsch auf, was problemlos möglich war, da er als Novize den Orden jederzeit verlassen konnte. Acht Monate lang arbeitete er danach bei der Caritas in der Hafenstadt Ancona.
Ein Bekannter brachte ihn auf die Idee, nach Deutschland zu gehen. Er fing an, Deutsch zu lernen, eine Sprache, die er inzwischen perfekt beherrscht. In München beantragte er politisches Asyl und kam zunächst für drei Monate in die Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe. Dort machte er sich bei der Security nützlich. Die nächste Station war das Asylbewerberheim in Bettringen, wo er zu jenen Asylbewerbern gehörte, die im Sommer 2013 für kurze Zeit am Bahnhof für einen Euro die Koffer der Bahnreisenden über eine provisorische Überführung zwischen den Gleisen transportierten und wo er auch die Bekanntschaft von OB Richard Arnold machte. Dieser fand die Idee der Kofferträger einen gelungenen Beitrag zur Integration.
Leo Azodo sah dies auch so. Die Aktion machte bundesweit Schlagzeilen. Einige lobten die Idee, andere drücken Empörung und Wut über den ihrer Ansicht nach „klassischen Sklavenstil" der Initiative aus. „Kaum einer macht sich Gedanken was diese Menschen dazu bewegt, bei über 30 Grad 'freiwillig' diese Arbeit zu verrichten", schrieb jemand. Auf jeden Fall hatte dies zur Folge, dass die Bahn die Aktion abblies und wissen ließ, sie werde künftig eigene Mitarbeiter einsetzen.
Azodo legte deswegen jedoch nicht die Hände in den Schoss. Er war bei der Landesgartenschau im darauffolgenden Jahr ehrenamtlich am Empfang im „Himmelsgarten“ aktiv, bei der „Staufersaga“ spielte er einen Bodyguard. Sechs Jahre lang verdiente er Geld mit seiner Hände Arbeit und nahm auch eine Ausbildung als Industriemechaniker auf, brach die Lehre aber wieder ab. Er machte den Taxiführerschein, aber auch daraus wurde während der Corona-Pandemie nichts. Als Aushilfe in verschiedenen Restaurants hielt er sich über Wasser, träumte aber davon, selbst ein Lokal zu übernehmen.
Die Gelegenheit ergab sich in der Freibad-Gaststätte in Bettringen, wo er bei seinem besten Freund jobbte. Als dieser beschloss aufzuhören, fragte er Azodo, ob er nicht Lust habe, die Gaststätte zu übernehmen. „Leo“ musste nicht lange überlegen, erzählt der Nigerianer. Jetzt leitet er ein Team von sieben Mitarbeitern. Für ihn sind sie und seine Stammgäste seine zweite Familie. Das Lokal läuft gut, bei schönem Wetter sind die Tische ordentlich belegt und die Stammgäste halten ihm die Treue. Spaghetti, Pommes und Pizza stehen auf der Speisekarte und an einer Wand kann man folgenden aufmunternden Spruch lesen: „Hab' Sonne im Herzen und Pizza im Bauch, dann bist Du fröhlich und satt bist Du auch!“
Doch bei den traditionellen Gerichten einer Freibad-Gaststätte allein soll es nicht bleiben. Auch afrikanische Gerichte werden angeboten. Auf der Speisekarte stehen abends auch Kochbananen, Gemüse und traditionelle Reisgerichte. Das kommt bei seinen Gästen gut an, zieht Azodo eine erste Bilanz. Er hat auf der Ostalb Wurzeln geschlagen und schätzt es, in einem sicheren Land zu leben. Ganz im Unterschied zu seinem Herkunftsland, wo das Leben gefährlich ist, wie er erzählt.

Autor: Viktor Turad