Migranten in Arbeit

"Ich mag die Menschen hier"

Der junge Ukrainer Vady Rybkin ist viel herumgekommen und fühlt sich Aalen wohl, aber die Gedanken sind in der Heimat
„Ich mag die Menschen hier und sie mögen mich“, sagt Vadym Rybkin. Der 28-Jährige fühlt sich in der Region wohl, ist integriert und hat viele Freunde gefunden. Er spricht sehr gut Deutsch, aber seine Muttersprache ist ukrainisch. Und seine von Russland angegriffene Heimat hat er ständig im Hinterkopf. Nicht zuletzt deswegen, weil seine Mutter und seine Schwester nach wie vor in der Ukraine leben. Sie wohnen zwar im Westen des Landes, in der Nähe der Grenze zu Moldawien. Aber sie hören ständig Drohnen kreisen und es hat auch schon mehrmals russische Raketenangriffe gegeben. „Kein Gebiet in der Ukraine ist wirklich sicher“, erzählt der sympathische junge Mann. Er selbst war im Januar vor zwei Jahren, kurz bevor Russland seine Heimat angriff, zuletzt in der Ukraine.
Zuletzt saß er noch an seiner Masterarbeit über Wirtschaftsförderung von der Stadt Donauwörth im Rahmen des Studiengangs Regionalmanagement an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Dafür arbeitete er in begrenztem Umfang bereits bei der Aalener imakomm Akademie, Institut für Marketing und Kommunalentwicklung, der er ab Oktober als fester Mitarbeiter erhalten bleibt. Der junge Ukrainer hat bereits vielfältige Erfahrungen in Deutschland gesammelt und sich gut in den Arbeitsmarkt integriert. Sein Chef Dr. Peter Markert lobt ihn in den höchsten Tönen: „Sprachlich erstaunlich gut, fachlich und menschlich top. Ein Gewinn für alle!“ Damit habe das Unternehmen auch bereits den Job-Turbo gezündet, mit dem die IHK Ostwürttemberg das Ziel verfolgt, Menschen aus fremden Ländern möglichst schnell in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.
Vadym Rybkin ist zwar jung an Jahren, aber er ist in Europa schon weit herumgekommen und hat bereits in verschiedenen Ländern gearbeitet. Und er ist ehrgeizig und fleißig. Geboren wurde er im Gebiet Winnyzja im Westen der Ukraine an der Grenze zu Moldawien. Da sein Vater aber aus dem Gebiet Sumy stammt, ist die Familie dorthin umgezogen, als Vadym Rybkin fünf Jahre alt war. Auf ihrem Bauernhof ist er aufgewachsen und fühlt sich bis heute als Dorfkind. Sein Vater hat in seinem Beruf als Förster gearbeitet, seine Mutter war als Postbotin tätig. Die russische Grenze ist etwa 20 Kilometer entfernt, die russischen Angreifer haben das Dorf Krenydivka inzwischen weitgehend zerstört.


Deutsche Mülltrennung kennengelernt
Vadym Rybkin besuchte neun Jahre die Schule, wo er auch Deutsch lernte, und studierte danach an einem landwirtschaftlichen College Agrar- und Landtechnik, denn sein Herz hat seit jeher für die Landwirtschaft geschlagen. Im Rahmen seines Bachelorstudiengangs bot sich dank der Partnerschaft seiner Universität, der Nationalen Agraruniversität Sumy, mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HWST) die Möglichkeit für ein Praktikum, das ihn 2015 zum ersten Mal nach Deutschland führte. Ein halbes Jahr lang arbeitete er in einem landwirtschaftlichen Betrieb mit einer Ackerfläche von 400 Hektar und 3.500 Schweinen. 2016 kehrte er in seine Heimat zurück und wollte sein Studium fortsetzen, diesmal im Masterstudiengang Internationales Agrarmanagement. Dort gefiel es ihm nicht nur sehr gut, dort lernte auch das deutsche System der Mülltrennung kennen. Rybkin: „Aus der Ukraine kannte ich das so nicht.“
Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in Partnerschaft mit der Sumy Nationale Agraruniversität bot einen solchen an. „Das Bewerbungsgespräch war hart, aber ich habe es geschafft“, erzählt der junge Ukrainer. Er musste aber auch wieder ein Praktikum, weil es eine Voraussetzung fürs Studium an der HSWT war, machen und diesmal verschlug es ihn in den bayerischen Landkreis Roth. Ein halbes Jahr arbeitete er in einem Milchbetrieb. Im Studium ging es neben der deutschen Sprache um Wirtschafts- und Produktökonomie und landwirtschaftliche Landtechnik. Am Ende stand eine Prüfung – und die hat er versemmelt. Woran ist er gescheitert? Er hat es nicht erfahren und eine zweite Chance in Deutschland gab es nicht. „Ich war natürlich enttäuscht“, erzählt er.
Zum Glück eine Deutsche
Aber ganz aufgeben wollte er nicht. Und schon gar nicht wollte er die deutsche Sprache verlernen. Also verließ er 2016 Deutschland und studierte in seiner Heimat in Sumy Administratives Management. In der Ukraine war beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ein Professor aus Minden tätig und so konnte man in deutschen Clubs die Sprache pflegen, Gespräche auf Deutsch über alle möglichen Themen führen und Exkursionen machen. Die Sumy Nationale Agraruniversität hat viele Kooperationen weltweit für Praktika. Deswegen traf er die Entscheidung, ein weiteres Praktikum in einem deutschsprachigen Land zu absolvieren. Im Juli 2017 ging es für eineinhalb Jahre in die Schweiz in ein Pferdesport-Zentrum im Kanton Solothurn. 70 Tiere galt es dort zu versorgen. Zwar ist Schweizerdeutsch oder Schwizerdütsch selbst für Deutsche schwer bis gar nicht zu verstehen. Aber Rybkin hatte Glück: Seine Chefin, die Frau des Besitzers, stammt aus Schleswig-Holstein und so war Deutsch dort die Umgangssprache.
Weil sein Vater in dieser Zeit überraschend starb, sollten seine Mutter und seine damals 14 Jahre alte Schwester nicht in Sumy in der Nähe der russischen Grenze bleiben, sondern nach Winnyzja zurückkehren, dort wo sie viele Verwandte hatten. Dort kaufte Vadym ihnen eine Wohnung, während er selbst 2019 nach Sumy ging, um sein Masterstudium nach dem Praktikum in der Schweiz abzuschließen. Danach arbeitete er als Werkstudent und Disponent in der Logistik und pflegte weiter die deutsche Sprache. Aber er wollte auch eine neue Herausforderung in seinem Leben Da für Ukrainer in Dänemark ein Arbeitsplatz leichter zu bekommen ist, ging er für fast zwei Jahre dorthin. Es war zuerst ein Praktikum, danach war er als Farmmanager tätig. Er lernte in einem Betrieb mit über 1.000 Kühen die Massentierhaltung kennen und war danach als Futtermeister auf einen Bauernhof mit 400 Tieren. Er war in Dänemark, als Russland am 24 Februar 2022 sein Heimatland überfiel.
Die Erfahrungen im Nachbarland sollten seinem Leben eine neue Wendung geben. Rybkin erzählt: „Ich habe viele schreckliche Sachen gesehen und wusste, diese Massentierhaltung will ich nicht!“ Deshalb beschloss er, dass er künftig etwas für Menschen machen will. Seit rund zwei Jahren studierte er Regionalmanagement, wie er früher wollte, nämlich an der HSWT. „Das Studium ist sehr praxisnah“, erzählt er. Ein Praktikum führte ihn zum Stadtmarketing zur City Initiative nach Donauwörth. Einen Monat sollte es dauern, aber weil es ihm so gut gefiel, machte er kurzerhand zwei Monate daraus. Danach war er seit November vergangenen Jahres als Werkstudent bei der Aalener Firma imakomm und auch da fühlt er sich sehr wohl. Bis Oktober, bis zum Abschluss seines Studiums, ist er für das Unternehmen als Werkstudent tätig. Unter anderem geht es um Datenanalysen, Befragungen und Marktforschung. „Die Branche gefällt mir“, erzählt Rybkin freudestrahlend. „Ich bin gut aufgenommen worden, alle sind sehr herzlich und hilfsbereit. Es herrscht ein guter Teamgeist und ich bin akzeptiert.“
Wenn da nicht der Krieg wäre
Es wäre also alles paletti, wenn da nicht dieser Krieg in der Heimat wäre, der für Rybkin immer präsent ist. „Ich verstehe, warum die Russen uns angegriffen haben: Ihnen sind die demokratischen Werte fremd, und das russische Volk hat Angst davor, in einer Demokratie zu leben. Deshalb greifen sie Nachbarländer an, nicht nur die Ukraine, sondern auch Georgien und Moldawien“ sinniert er. Dass sein Heimatland aufgibt, kommt für ihn nicht in Frage, aber selbst in den Krieg zu ziehen, ist keine Option. „Meine Familie braucht mich“, sagt er. Er unterstützt sie finanziell und kann deshalb nicht an die Front gehen. Mit seiner Mutter und seiner Schwester – sie studiert Hotel- und Restaurant-Management - hält er ständig Kontakt. Seit seinen europäischen Erfahrungen war er immer pazifistisch eingestellt, doch der Angriff Russlands habe die zivilisierten Werte wie Frieden, Demokratie und Freiheit erschüttert. Das bedeute, dass man leider dafür kämpfen müsse, so gut man könne. „Wenn die Welt zulässt, dass die gesamte Ukraine okkupiert wird, wird dies anderen Diktatoren in der Welt ein klares Signal geben, dass sie das Gleiche tun können und wollen.“ Vadym spendet Geld für Waffen für die ukrainische Armee und hofft, wie er sagt, dass Deutschland sein Land im Kampf gegen das Böse nicht im Stich lässt.
Autor: Viktor Turad