Ion Neagu hat als Moldawier in Giengen erfolgreich Fuß gefasst

„Ich will meine Möglichkeiten nutzen“

Ion Neagu ist ein kleines Sprachgenie. Deutsch hat er in kürzester Zeit gelernt, außerdem spricht er rumänisch, russisch und englisch. Doch er kann mit noch mehr Superlativen aufwarten. Ion Neagu hat die Reifeprüfung am Werkgymnasium in Heidenheim mit Bravour bestanden und seine Ausbildung bei der Kreissparkasse Heidenheim erfolgreich abgeschlossen.
Der ehrgeizige junge Mann hat zwei Pässe, nämlich den rumänischen und den moldawischen, der deutsche soll als dritter bald dazu kommen. Denn Ion Neagu lebt seit Ende 2015, also seit zehn Jahren in Deutschland und will sich einbürgern lassen. Er arbeitet im Beratungscenter der Kreissparkasse in Giengen. Er wohnt auch in Giengen, gemeinsam mit seiner deutschen Frau. Er ist ein Migrant mit einer interessanten Geschichte, in dessen Adern rumänisches, moldawisches und ukrainisches Blut fließt.

Der 24-Jährige wurde in Chisinau, der Hauptstadt von Moldawien, geboren. Er ist mit seinen Eltern und seiner Schwester in dem 2,4 Millionen Einwohner zählenden Land, zwischen Rumänien und der Ukraine gelegen, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seine Eltern wollten, dass ihre Kinder in Frankreich oder Deutschland studieren können und beschlossen daher, dass die ganze Familie nach Deutschland umzieht. Dies war deswegen mit keinen rechtlichen Problemen verbunden, weil sie als rumänische EU-Bürger ihren Wohnsitz innerhalb der Europäischen Union frei wählen und auch arbeiten dürfen.

Der Vater ist bei einem großen Unternehmen als Küchenmonteur beschäftigt, die Mutter arbeitet in ihrem erlernten Beruf als Erzieherin. Ion Neagus jüngere Schwester hat das Abitur erfolgreich absolviert und hat ebenfalls bei der Kreissparkasse Heidenheim eine Ausbildung angefangen. Das kommt bei beiden Kindern wohl nicht ganz von ungefähr, denn ihr Vater und ihr Großvater waren in der alten Heimat bei der dortigen Zentralbank tätig.

In Schule rasch Fuß gefasst

Ion Neagu hat nach dem Umzug der Familie auf der Ostalb die siebte Klasse der Hauptschule besucht und ist dann nach einem Jahr auf das Werkgymnasium Heidenheim gewechselt. Im vergangenen Jahr hat er seine Ausbildung als Bankkaufmann abgeschlossen. Um ein Haar hätte er dabei mit 100 Punkten den Vogel abgeschossen. Weil er zwei Zahlen verwechselt hat, hat dies ihn zwei Punkte gekostet. Vor zwei Jahren hat er seine Jugendliebe geheiratet, die – wenig überraschend – auch bei der Kreissparkasse Heidenheim arbeitet.

Studium gestartet

Er studiert an der Dualen Hochschule in Heidenheim Betriebswirtschaftslehre mit dem Ziel, sich auf Kundenberatung zu spezialisieren. „Ich will meine Möglichkeiten nutzen“, erzählt der sympathische junge Mann lächelnd. „Die Kommunikation mit Menschen hat mir schon immer Spaß gemacht.“ Dabei helfe es sehr, dass er vier Sprachen beherrscht, denn vor allem Kunden aus der Ukraine, die Russisch verstehen, umgekehrt Russen aber nicht Ukrainisch, schätzten es sehr, wenn sie Finanzgeschäfte in einer ihnen vertrauten Sprache abwickeln können.

Chisinau ist übrigens eine europäisch geprägte, moderne Großstadt, erzählt Neagu. Moldawien war einst eine der 15 Republiken, die zusammen die Sowjetunion bildeten. Nach deren Zerfall Anfang der 1990er-Jahre erklärte sich Moldawien, das in Deutschland offiziell Republik Moldau heißt, für unabhängig. Das Land strebt in Richtung Westen und ist EU-Beitrittskandidat. Ein kleiner Teil, Transnistrien, ist allerdings von Russland besetzt.

Ion Neagu besucht oft das Land, in dem er geboren wurde und dessen Pass er nach wie vor besitzt. Kulturell gebe es keine großen Unterschiede zu Westeuropa, die Bevölkerung bekenne sich mehrheitlich zur griechisch-orthodoxen Kirche, berichtet er. Ion Neagu nimmt regen Anteil am politischen Geschehen dort und macht auch keinen Hehl daraus, dass er bei der Wahl im vergangenen Jahr sein Kreuzchen bei der prowestlichen Präsidentin Maia Sandu gemacht hat.
Ion Neagus Blick geht sorgenvoll aber auch weiter in Richtung Osten, denn seine Großmutter war Ukrainerin, er hat dort Verwandte, die im Zentrum der Ukraine leben. Zwei seiner Cousins in seinem Alter haben sich freiwillig der Armee angeschlossen und kämpfen gegen die russische Aggression.

Für Ion Neagu beginnt jeder Tag morgens um 6 Uhr mit einem Krafttraining. Sechs Stunden Schlaf reichen ihm. Anschließend geht es in die Sauna – dann ist er topfit für den Tag, wie er strahlend erzählt. So fit, dass er neben Berufstätigkeit und Studium auch im Bistro im Heidenheimer „Aquarena“ in Heidenheim anzutreffen ist, wo er einem Minijob nachgeht.
Autor: Viktor Turad