Wirtschaftsgespräch 2026 in Aalen zur Baupolitik

Irrfahrt, die gut enden kann

Bei einer Veranstaltung der IHK, der Handwerkskammer und der Landkreise Ostalb und Heidenheim spricht Professor Werner Sobek
Die Geschichte einer Irrfahrt, wie bereits die Überschrift andeutete, erzählte Professor Dr. Werner Sobek in einem humorvollen Vortrag. Der gebürtige Aalener war Gastredner beim Wirtschaftsgespräch der IHK Ostwürttemberg, der Handwerkskammer Ulm sowie der Landkreise Heidenheim und Ostalb, das in diesem Jahr im Digital Innovation Space (DIS) in Aalen stattfand. Die Baupolitik und das Thema Bauen standen in den in freier Rede gehaltenen spannenden Darlegungen im Mittelpunkt.
Sobek machte dabei deutlich, dass diese Irrfahrt durchaus gut enden kann und belegte diese Aussage mit Bauten seines eigenen Büros. Da gibt es etwa zwei Häuser, die miteinander sprechen und so dafür sorgen, dass Energie jeweils dort verfügbar ist, wo sie gerade gebraucht wird. Oder auch sein eigenes Haus in Stuttgart, das viel Glas, aber keinen Schornstein hat und daher die Umwelt nicht belastet. Es ist modular aufgebaut und nahezu vollständig recycelbar sowie energieautark. Den Strom liefert die Photovoltaik. Die Konstruktion besteht aus Stahl, Glas und Aluminium mit verschraubten statt verklebten Verbindungen.
Der Redner unterstrich, wer innovativ sein wolle, müsse wissen, wo er stehe und wo seine Grenzen seien. Vor allem aber sei eine präzise Sprache nötig. Alle Menschen müssten sie verstehen können. Denn die Debatte gehe am eigentlichen Problem vorbei. So dürfe man beispielsweise nicht von Dekarbonisierung sprechen, wenn man die Reduktion des Treibhausgases Kohlendioxid meine. Apropos Treibhausgas: Die Erde ist kein Treibhaus, betonte Sobek, weil sie anders als dieses keinen Deckel hat und die Gase deswegen nach oben steigen können. Nur der natürliche Mechanismus erzeugt einen ähnlichen Erwärmungseffekt.

Kein Energieproblem
Die Menschheit habe auch kein Energieproblem, denn Sonne, Wind, Meer, Geothermie und andere Energiequellen gebe es in Hülle und Fülle. Präzise gesprochen gehe es daher um ein Energieträgerproblem. Und bei den Energieträgern habe es in den vergangenen Jahrzehnten mehrfache Wechsel gegeben, die aus wirtschaftlichen Gründen die USA mit mehreren Sanktionspaketen sogar gegen Deutschland erzwungen hätten. Energieeffizienz ist ebenfalls so ein Ausdruck, den Sobek nicht gelten lässt. Denn statt einfach weniger Erdöl zu verbrauchen, werde das Schlechte ein bisschen weniger schlecht gemacht und als energieeffizient verkauft. Das sei ein intellektueller Salto mortale, denn der Bedarf werde nur hypothetisch begrenzt: Nicht pro Person, wie es geboten wäre, sondern pro Quadratmeter. Aber der Bedarf habe nichts mit dem Verbrauch zu tun.
Faktisch würde sich nur etwas verändern, wenn man etwa die Zimmertemperatur und somit den Verbrauch senken und damit in Kauf nehmen würde, dass es im Wohnzimmer etwas kühler ist. Man habe über Jahre hinweg 500 Milliarden Euro in angebliche Energieeffizienz von Gebäuden investiert, ohne dass der Energieverbrauch gesunken sei. Das sei auf Dauer nicht finanzierbar. In Frankreich halte man es für zumutbar, dass die Menschen an sechs Tagen im Jahr frieren.

Die Leute wären verhungert
Und jetzt werde sogar noch der Ausstieg aus dem Ausstieg propagiert und die Bürger sollten selbst entscheiden, wie sie heizen wollten. Sobek machte so unmissverständlich deutlich, dass er das sogenannte Gebäudemodernisierungsgesetz von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in die Tonne treten würde. Auch die sogenannte Biotreppe war ein Ausdruck, den der renommierte Gastredner auseinandernahm, weil kaum jemand wisse, was das sein solle. Dabei gehe es den Erfindern darum, dass im Wärmesektor schrittweise immer mehr klimafreundliche Gase eingesetzt werden sollen. Eines davon ist grüner Wasserstoff, der dem Erdgas in einem ersten Schritt beigemischt werden soll, was jedoch nur in einem begrenzten Umfang möglich sei, weil sonst die Leitungen dem nicht standhielten. Überdies ist er Sobek zufolge zu teuer, steht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung und wird für ganz andere Dinge gebraucht. In der Endstufe sollen Energiepflanzen eingesetzt werden.
„Aber da ist die Bevölkerung schon längst verhungert!“
Apropos Hunger: Laut Sobek sieht das Pariser Klimaabkommen aus dem Grund vor, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Andernfalls drohten auch hier Hungersnöte. Bei der Diskussion über die so genannten Treibhausgase und ihre globalen Folgen müsse zudem ein Grundsatz beachtet werden: „Dein Tun berührt mein Sein!“ Auf der Nordhalbkugel erhielten die Verursacher der Luftverschmutzung im Zweifel sogar noch Applaus. In früheren Jahrhunderten hingegen hätte man sie als Brunnenvergifter bezeichnet.

Der Hauptübeltäter
„Wir haben ein Emissionsproblem“, machte der Redner deutlich und nannte das Kohlendioxid (CO₂) den Hauptübeltäter bei den klimaschädlichen Emissionen. Aber auch hier werde nur ein kleiner Ausschnitt gesehen. Mehr als 50 Prozent der Emissionen rührten nämlich vom Bausektor her. Sobeks Vorschlag lautete, die Höhe der Steuer abhängig zu machen von der Menge klimaschädlichen Gases, das emittiert werde und statt von Energieeffizienz von Emissionsreduktion zu sprechen.
Vor allem aber müssten die Menschen auf der Nordhalbkugel ihren Lebensstil ändern, in einem angemessenen Einklang mit der Natur leben und anders, nämlich sorgsamer, mit Rohstoffen umgehen. Sonst provoziere man im Globalen Süden die so genannte mimetische Begierde, was bedeute, dass diese Menschen sich auch das gönnen wollen, was auf der Nordhalbkugel üblich ist. Und somit würde der Bedarf an Ressourcen steigen, die aber nicht verfügbar seien.
Sobeks These: Das Bauen von morgen ist kein technisches, sondern ein soziologisches Problem. Materialien dürften nicht länger nach einem Rückbau oder Abriss einfach nur Abfall sein, sondern müssten immer wieder verwendet werden können.
„Mucksmäuschenstill“ sei es bei dem spannenden Vortrag gewesen, registrierte erfreut IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler. Präsident Markus Maier wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass sich die IHK Ostwürttemberg seit drei Jahren federführend für die Kammern in Baden-Württemberg mit den Themen Wohnungsbau und Immobilienwirtschaft befasst. Es gehe dabei um die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, um die Fachkräftesicherung auch durch Mitarbeiterwohnungen und um das intelligente Nutzen von Gewerbeflächen. Dankbar sei er der neuen Landesregierung, dass sie die zunächst anvisierte Deckelung der zur Verfügung gestellten Flächen für Bauaktivitäten nicht mehr vorsehe. Denn das Innen-Entwicklungspotenzial in Kommunen für Wohnen, Gewerbe und Industrie hätte nicht ausgereicht. Dringend notwendig sei aber eine Modernisierung, Digitalisierung und Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsprozessen. Auch in Ostwürttemberg fehle es an bezahlbarem Wohnraum und daher seien dringend Veränderungen im Bausektor erforderlich.

Baupolitik ist wichtig
Ostalb-Landrat Dr. Joachim Bläse, der auch im Namen seines Heidenheimer Kollegen Peter Polta sprach, unterstrich ebenfalls, wie wichtig die Baupolitik für die Zukunft Ostwürttembergs ist. Für viele Bürger sei die Entbürokratisierung bedeutsam, wobei man andererseits Unsicherheiten spüre, weil dies dem Wunsch nach Regelungen zuwiderlaufe.
Hauptgeschäftsführer Rentschler stellte die bange Frage, wann die vom Referenten beschriebene Irrfahrt zu Ende sei, um gleich hinzuzufügen:
„Ich fürchte, das geht noch ein bisschen weiter!“
Die Präsidentin der Handwerkskammer Ulm, Katja Maier, rief in ihrem Schlusswort dazu auf, Probleme klar zu benennen und aufrichtig zu argumentieren.