ORNAMIN in der IHK-Klimainitiative: Nachhaltigkeit aus Überzeugung

Schichtwechsel bei ORNAMIN in Minden, wo seit 1955 Mehrweggeschirr aus Kunststoff hergestellt wird. Firmenchef Dr. Holger von der Emde kommt aus der Produktion und bittet für die kurze Wartezeit um Entschuldigung: „Hier ist gerade Urlaubszeit. Da muss ich hier und da mal selbst einspringen“, sagt er und lacht. Der Diplom-Chemiker ist ein Macher, der die Dinge gerne selbst in die Hand nimmt. „Ich bin Unternehmer geworden, weil ich Verantwortung übernehmen und selbstbestimmt durchs Leben gehen möchte“, beschreibt der Vater von zwei erwachsenen Kindern seinen eigenen Antrieb.
2001 ist von der Emde als Geschäftsführer bei ORNAMIN eingestiegen, 2013 hat er die Mehrheitsanteile an dem Unternehmen erworben – und die Firma nach seinen Vorstellungen gestaltet. Auch der Claim von ORNAMIN „Ehrlich. Nachhaltig“ trägt die Handschrift des geschäftsführenden Gesellschafters. Er betont, dass dieser Grundsatz tagtäglich gelebt werde.
Am Standort in Minden beschäftigt der 61-Jährige rund 100 Mitarbeitende im Drei-Schicht-Betrieb. Produziert wird hier unter anderem Geschirr aus Kunststoff – darunter Teller, Tassen, Gläser, zudem Ess- und Trinkhilfen für diverse Krankheitsbilder sowie Becher und Schüsseln für den To go-Bereich. Zu den Kunden zählen Restaurants, Bäckereien, Kantinen, Krankenhäuser, Altenpflegeheime oder auch Privatkunden. Der Vertrieb erfolgt direkt, über Wiederverkäufer und in zunehmenden Maße Online. Insgesamt exportiert ORNAMIN rund 30 Prozent seiner Produkte ins Ausland, unter anderem nach Japan, Australien, Skandinavien sowie in viele europäische Länder.

“Teil meines Selbstverständnisses”

Zum Thema Nachhaltigkeit hat von der Emde eine klare Meinung: „Das Engagement in diesem Bereich ist seit jeher Teil meines Selbstverständnisses, daher bin ich früh selber aktiv geworden. Mir ist ein vernünftiger Umgang mit unseren Ressourcen wichtig. Dem wollte und will ich mich nicht entziehen, egal welcher politische Zug gerade fährt. Nachhaltigkeit ist meines Erachtens nach nicht exklusiv von einer politisch ideologischen Richtung gepachtet, sondern stellt einen Teil unseres Alltags dar. Wir alle können unter den Kriterien des gesunden Menschenverstandes, neudeutsch common sense, sinnvolle und wirksame Beiträge zum Schutz von Ressourcen und Umwelt leisten.“
Der IHK-Klimainitiative „Gemeinsam klimaneutral 2030“ ist das Unternehmen unter anderem beigetreten, um das Thema Nachhaltigkeit sichtbarer zu machen: „Ich finde die Initiative inhaltlich interessant, da man so aktuelle Infos über neue Gesetze erhält und in den Austausch mit anderen Unternehmen kommt und voneinander lernen kann.“

Früh in Klimaneutralität investiert

Nachhaltig wirtschaften – diesen Anspruch hatte von der Emde schon früh, so sei ORNAMIN bereits vor dem Beitritt der IHK-Klimainitiative inklusive von Kompensationen klimaneutral gewesen: „Wir haben uns beizeiten auf den Weg in Richtung Klimaneutralität gemacht. Unsere gesamten Prozesse sind auf Ressourceneffizienz getrimmt.“ Ein Weg, den von der Emde auch „Neulingen“ empfiehlt: „Wenn man kontinuierlich kleine Schritte geht, spart das Kosten. Dann ist die Zertifizierung am Ende kein großes Doing mehr.“
So habe ORNAMIN beispielsweise, gemeinsam mit einem Energieberater, eine Energiebilanz aufgestellt und dadurch diverse Einsparpotenziale aufgedeckt. Die Zusammenarbeit mit einem auf Umweltzertifizierungen spezialisiertem Berater lieferte weitere Ansätze auf dem Weg zur Co2-Neutralität, so wurde zum Beispiel auf Ökogas und Ökostrom umgestellt. Mittlerweile zahlen viele Maßnahmen darauf ein, den CO2-Abdruck des Unternehmens zu neutralisieren – so wird das Fabrikgebäude zu einem großen Teil durch die Maschinenabwärme und Wärmerückgewinnung geheizt, die Beleuchtung erfolgt mittels LED-Technik, der Fuhrpark ist, je nach Nutzungsprofil, entweder auf E-Mobilität umgestellt oder mit limitiertem Co2-Ausstoß motorisiert.
Zudem leistet eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Firmengebäudes ihren Beitrag. Einen hohen Stellenwert nehme inzwischen das innerbetriebliche Recycling ein, so würden Kunststoffabfälle eingemahlen und in neuen Produkten verarbeitet, beispielsweise in der Geschirrserie „Zero Waste“. Auch Kartonagen werden geschreddert, um diese anschließend als Füllmaterial für den Versand zu verwenden – jährlich verschickt das Unternehmen rund 25.000 Pakete über den hauseigenen Onlinehandel.
Als Spritzgussunternehmen sei der Strombedarf für die Produktion und die Peripherie, Kompressoren für Druckluft und Kühlwasser, hoch, erklärt von der Emde: „Wir achten drauf, möglichst wenig Energie zu verbrauchen und sind darauf bedacht, unseren Maschinenpark stets auf dem neuesten Stand zu halten, wozu auch die ständige Suche nach effizienteren Maschinenlösungen gehört. Einsparpotenziale zu heben, ist Teil unserer DNA.“ Und der Erfolg sei sichtbar: Galt es im Jahr 2021 noch 969 Tonnen CO2 zu kompensieren, konnte der Co2-Ausstoß bereits 2022 auf 631 Tonnen reduziert werden. 2023 sank dieser auf nur noch 290 Tonnen – mittels anerkannter Klimaschutzprojekte werde der CO2-Ausstoß zudem kompensiert.

Selbst ins Handeln kommen

Warum das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung zurückgegangen und derzeit in den Medien kaum noch bespielt wird, da kann auch von der Emde nur spekulieren:
„Ich denke, dass sich das Pendel wieder zurückbewegt, weil manch einer dem salopp gesagt ‚grünem Gerede‘ überdrüssig geworden ist. Für sinnvolle und wirksame Nachhaltigkeit ist das eine bedauerliche Entwicklung, da in dem Thema viel Potenzial steckt. Aufgeklärte Menschen und Unternehmerinnen und Unternehmen folgen jedoch vermutlich lieber logischen Argumenten als ideologischen Vorschriften. Zudem sind wir seit drei Jahren in einer Rezession, da haben sich in vielen Unternehmen die Prioritäten verschoben.“
Ein Fan von staatlicher Regulierung und Vorgaben seitens der Politik ist der gebürtige Marburger indes nicht: „Ich möchte selbst ins Handeln kommen, mir bestimmte Dinge nicht aufoktroyieren lassen und selbst Verantwortung übernehmen. Diese ganzen bürokratischen Vorgaben sind mir ein Dorn im Auge. Ich glaube auch nicht, dass das Lieferkettengesetz beispielsweise wirklich das bewirkt, was es soll – Kinderarbeit und Menschenrechtsverstöße verhindern.“
Von der Emde weiß, dass er mit manch einer Aussage auch aneckt. Dem Unternehmer fehlt seitens der Politik ein Aufbruchsignal, das auch die neue Bundesregierung bisher nicht gesendet habe: „Wir haben uns mit der Sachlage arrangiert und planen auf Vorjahresniveau. Fakt ist aber, dass unser Umsatz 2019 noch bei 18 Millionen Euro lag und inzwischen auf zwölf Millionen Euro geschrumpft ist“, merkt man dem Unternehmer die Enttäuschung an.
Im Wesentlichen fehlten Aufträge aus der Industrie. Es sei nicht immer leicht, einen Betrieb seiner Größe durch die stürmische Zeit zu bringen. Um dem entgegenzuwirken, versucht das Unternehmen in Kreativ- und Innovationsrunden neue Ideen zu generieren: „Wir setzen auf gute, nachhaltige und haltbare Produkte, sind ein zuverlässiger Lieferant und tun viel dafür, finanziell stabil dazustehen. Auch gemeinsame Werte mit unseren Geschäftspartnern sind mir wichtig.“

Nachfolge geregelt

Eine gute Unternehmenskultur liegt dem Inhaber am Herzen: „Wir sind bereits 2015 mit dem Siegel ‚Familienfreundliches Unternehmen – Landkreis Minden-Lübbecke‘ ausgezeichnet worden. Unser Gehaltssystem ist zum Beispiel so aufgebaut, dass Beschäftigte ihre Gehaltsentwicklung signifikant beeinflussen können, so schlagen sich Leistung, Verbesserungsvorschläge oder eigenverantwortliches Engagement im Gehalt nieder. Es gibt die Möglichkeit eines Jobrads, unsere Mitarbeiter können die E-Lade-Säulen nutzen.“
Mit Tochter Milena von der Emde ist 2020 ein weiteres Familienmitglied in das Unternehmen eingetreten. Die 26-Jährige hat in Göttingen Biochemie studiert und dort ihren Bachelorabschluss gemacht. Zunächst für das Produktmanagement und die Online-Präsenz zuständig, ist sie im März 2024 als Geschäftsführerin bestellt worden.
Gute Ideen teilen, sich von anderen inspirieren lassen und eine vernünftige Standortbestimmung ob der Kosten und Verbräuche oder Verschwendung von Ressourcen – all sind nach Meinung des Unternehmers Dinge, um ins Handeln zu kommen, um das Thema Nachhaltigkeit voranzutreiben:
„Niemand kennt seinen eigenen Betrieb besser als man selbst, daher sollte man schauen, welche Hebel man hat. Pragmatisch, nicht ideologisch – das ist beispielsweise die Richtung, die wir bei ORNAMIN eingeschlagen haben.“ Bedeutet konkret, dass keine Einwegprodukte produziert werden, sondern langlebige Mehrwegartikel. Jedes Produkt ist recyclebar und kann dem Wertstoffkreislauf ohne nennenswertes Downcycling wieder zugeführt werden; sei es produktionsinterner Ausschuss oder zurückgegebene Artikel von Kunden: „So bekommt jedes Produkt eine zweite Chance“, betont von der Emde.

“Sich immer neu erfinden”

Geschäftsprozesse weiter digitalisieren, für Menschen mit Handicap Hilfsmittel produzieren und den Energieverbrauch beim Spritzguss drastisch zu senken – das sind Dinge, die Holger von der Emde in seinem Unternehmen in naher Zukunft umsetzen möchte: „Es geht auch darum, sich immer wieder neu zu erfinden. Durch eine Bachelorarbeit, an der wir konzeptionell mitgearbeitet haben, können wir durch ein bestimmtes Verfahren viel Energie einsparen. Das werden wir umsetzen, weil es eine coole Sache ist.“ Zuvor heißt es für den Chef aber wieder, in der Produktion nach dem Rechten zu schauen – mittlerweile ist die die Spätschicht in vollem Gange.