5. Oktober 2026

IHK-Konjunkturumfrage: Ostwestfälische Wirtschaft weiter in Wartestellung

Von einer nachhaltigen Trendwende kann in der Region jedoch noch keine Rede sein. Der IHK-Konjunkturklimaindex verharrt im Seitwärtsmodus und ist gegenüber Frühjahr von 97 auf 95 Punkte gesunken. Damit hat er sich etwas weiter von der neutralen 100-Punkte-Marke entfernt. Auch bei den harten Zahlen liegen die Industrieumsätze noch leicht unter dem Vorjahreswert – und damit das dritte Jahr in Folge im Minus.
„Die wirtschaftliche Lage hat sich zuletzt etwas stabilisiert, ein echter Aufbruch ist aber noch nicht erkennbar. Viele Unternehmen warten auf Reformen und bessere Rahmenbedingungen“, erklärt IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker.
An der Umfrage beteiligten sich von Mitte August bis Mitte September 1.547 Unternehmen mit zusammen rund 107.000 Beschäftigten. Über alle Branchen hinweg bewerten aktuell 23 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 26 Prozent dagegen als schlecht, jedes zweite als befriedigend.
Auch die Erwartungen bleiben zurückhaltend: 18 Prozent der Betriebe rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage, 24 Prozent erwarten eine Verschlechterung, die Mehrheit keine Veränderung. Die Entwicklung in den einzelnen Wirtschaftsbereichen fällt dabei unterschiedlich aus. Insbesondere Industrie und Handel leiden unter schwacher Nachfrage sowie hohen Energie- und Arbeitskosten. Der Dienstleistungsbereich zeigt sich stabiler.
Besonders deutlich wird die anhaltende Schwäche in der Industrie: Zwar hat sich die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage etwas verbessert. So stuft sie nun jeder fünfte Betrieb als gut ein (Frühjahr: 16 Prozent), noch immer rund 30 Prozent allerdings als schlecht. Auch die realen Umsätze spiegeln die Situation: Seit 2023 sind die Industrieumsätze in Ostwestfalen stetig zurückgegangen und liegen aktuell rund 14 Prozent unter dem Niveau von 2023.
Von Januar bis Ende Juli dieses Jahres beliefen sich die Umsätze der ostwestfälischen Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten auf 26,1 Milliarden Euro – das waren 1,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dabei entwickelten sich die Umsätze im Ausland (plus 0,2 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro) besser als im Inland. Immerhin lagen die Gesamterlöse im Juni und Juli über den Vorjahreswerten.
Eine durchgreifende Erholung ist aber weiterhin nicht in Sicht. Nur 19 Prozent der Unternehmen erwarten für die kommenden zwölf Monate eine Besserung der Geschäftslage, 23 Prozent jedoch eine Verschlechterung. Gleichzeitig bleibt die Produktionsauslastung niedrig: Unverändert nur 18 Prozent der Industriebetriebe melden eine Auslastung von mehr als 95 Prozent. Der Anteil der zu weniger als 80 Prozent ausgelasteten Unternehmen ist seit Frühjahr von 34 auf 39 Prozent gestiegen. Die Investitionstätigkeit bleibt weiterhin zurückhaltend.
Seit 2023 ist die Zahl der Beschäftigten in der ostwestfälischen Industrie um mehr als 9.400 auf rund 163.000 zurückgegangen. Auch für die kommenden Monate rechnet fast jedes dritte Unternehmen mit einem Personalabbau, während lediglich 15 Prozent einen Beschäftigungsaufbau planen.
Im Handel überwiegt ebenfalls die Tendenz zur Personalreduzierung. Einstellungen im Dienstleistungsbereich sowie der öffentlichen Verwaltung haben die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Ostwestfalen aber per Ende 2025 mit 767.358 stabil auf Rekordniveau gehalten. „Zur Einordnung gehört dabei auch: Die Teilzeitbeschäftigung ist in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen und hat die Entwicklung maßgeblich mitgeprägt“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke.
Die Situation im Handel bleibt angespannt. Nur 19 Prozent der Groß- und Einzelhändler stufen die aktuelle Lage als gut ein, jeder dritte als schlecht. Zudem berichten 39 Prozent der Betriebe von rückläufigen Umsätzen, nur ein Viertel von gestiegenen. Die Ertragslage hat sich sogar bei fast jedem zweiten Handelsbetrieb verschlechtert und nur bei 15 Prozent gebessert. „Hohe Kosten treffen auf eine schwache Nachfrage und Konsumzurückhaltung. Die Möglichkeiten, Preissteigerungen vollständig weiterzugeben, sind damit begrenzt“, sagt Rainer Döring, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses.
Der Dienstleistungssektor zeigt insgesamt eine gewisse Stabilität, hat aber an Dynamik eingebüßt. Jedes vierte Unternehmen bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut, 21 Prozent als schlecht und jedes zweite als befriedigend. Umsätze und Erträge geraten auch hier unter Druck. Die Erwartungen sind eingetrübt. Positiv stechen die IT-Dienstleister im Umfeld von Digitalisierung und KI hervor.
Als größte Risiken für ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung nennen die Unternehmen in Industrie, Handel und Dienstleistungen fast gleichlautend eine schwache Inlandsnachfrage, hohe Arbeitskosten, gestiegene Energiepreise sowie belastende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. „Genau an diesen Punkten muss die Politik jetzt ansetzen. Die Unternehmen brauchen jetzt keine weiteren Ankündigungen, sondern konkrete Entscheidungen und wirtschaftspolitische Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit", betont Wahl-Schwentker. „Dazu gehören auch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie ein konsequenter Abbau bürokratischer Belastungen.“
Zur Verbesserung könnten auch zwei im Koalitionsvertrag vereinbarte und bislang nicht umgesetzte Vorhaben beitragen: die Reduzierung der Stromsteuer und die Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. In der Umfrage nennen die Unternehmen zudem eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge, die deutlich weiter anzusteigen drohen, und Flexibilisierungen beim Kündigungsschutz als weitere hilfreiche Maßnahmen. „Reformen müssen jetzt zügig beschlossen und umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass sie in den Unternehmen schnell spürbar ankommen“, fordert der IHK-Präsident.