6. Februar 2026
IHK: Bielefelder Koalitionsvertrag liefert Impulse – Umsetzung bleibt entscheidend
Die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) bewertet den Koalitionsvertrag von CDU und SPD für die Stadt Bielefeld insgesamt positiv, sieht jedoch noch weiteren Konkretisierungsbedarf sowie Herausforderungen bei der Umsetzung.
Petra Pigerl-Radtke ist Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld.
Der Vertrag enthalte starke Signale für die Wirtschaft vor Ort – allen voran das klare Bekenntnis, keine Erhöhungen der Gewerbesteuer oder der Grundsteuer B vornehmen zu wollen. „Das ist ein deutlicher Impuls für den Standort. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, und die Stadt setzt damit ein Zeichen wirtschaftlicher Vernunft“, sagt IHK‑Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl‑Radtke.
Sie betont zudem, dass die Koalition bei der Haushaltskonsolidierung auf Aufgabenkritik, Einsparungen, effizientere Abläufe und Digitalisierung der Verwaltung setzt – und nicht auf neue Belastungen von Betrieben und Bürgern. „Das ist genau der richtige Weg, der zudem dazu beitragen kann, Bürokratie weiter abzubauen. Dass die Koalition die Vergnügungssteuer abschaffen und auf eine kommunale Verpackungssteuer verzichten will, sind in diesem Zusammenhang zwei wegweisende Entscheidungen.“
Mit Blick auf die Wirtschaftsförderung und die Flächenentwicklung bewertet die IHK-Hauptgeschäftsführerin die geplanten Veränderungen ebenfalls positiv. Die Stärkung der WEGE als zentrale Anlaufstelle samt Bündelung der Gewerbeflächenentwicklung an dieser Stelle könnten Verfahren beschleunigen und für mehr Umsetzungsfähigkeit sorgen.
“Die Unternehmen benötigen konkret ausgewiesene, qualitativ hochwertige Industrie‑ und Gewerbeflächen. Dafür sind ein aktives Flächenmanagement und ein Bodenfonds notwendig, für den die WEGE zwingend die finanziellen Mittel für Ankauf und Entwicklung erhalten muss.”
Ebenso begrüßt die IHK die Nutzung der Suchräume des neuen Regionalplans, macht jedoch deutlich, dass diese allein nicht ausreichten. „Die Unternehmen benötigen konkret ausgewiesene, qualitativ hochwertige Industrie‑ und Gewerbeflächen. Dafür sind ein aktives Flächenmanagement und ein Bodenfonds notwendig, für den die WEGE zwingend die finanziellen Mittel für Ankauf und Entwicklung erhalten muss“, fordert Pigerl‑Radtke. Der Regionalplan sieht für Bielefeld ein Flächenkontingent von 285 Hektar vor, das konsequent genutzt werden müsse und die langfristigen Bedarfe der Wirtschaft widerspiegele.
Im Bereich Mobilität erkennt die IHK wichtige Weichenstellungen. Die geplante Sicherung der Leistungsfähigkeit der Hauptverkehrsachsen, die Weiterentwicklung der Stadtbahn und das Ziel der Etablierung eines S‑Bahn-Netzes für OWL sowie die Unterstützung der ICE‑Strecke und Stärkung des Hauptbahnhofs seien zentrale Bausteine für einen starken Wirtschaftsstandort. Besonders begrüßt die IHK das Bekenntnis zur Ortsumgehung Ummeln sowie das geplante Vorbehaltsnetz für den Kfz‑ und Wirtschaftsverkehr, das nach ihrer Einschätzung mit dem eigenen, im Sommer 2025 vorgelegten IHK‑Gutachten zum Kernstraßennetz korrespondiert.
Darauf aufbauend sollte ein integriertes Mobilitätskonzept entwickelt werden, das Projekte priorisiert und die Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs angemessen berücksichtigt. „Für Handel, Logistik, Industrie und Dienstleister sind verlässliche Verkehrsströme, Erreichbarkeit und ausreichende Parkmöglichkeiten entscheidend“, so Pigerl‑Radtke.
Die IHK sehe die Notwendigkeit, konkrete Umsetzungsfristen und belastbare Maßnahmen festzulegen, um Planungssicherheit für Unternehmen zu schaffen. Für den innerstädtischen Handel ist dies eng mit der Attraktivität und Erreichbarkeit der Bielefelder Innenstadt verknüpft. Zu deren Stärkung gelte es, die von der Koalition angekündigten Schritte zügig und wirksam umzusetzen. Ein verbessertes Baustellenmanagement bleibe zudem unabdingbar, um Beeinträchtigungen für Betriebe und Pendler zu reduzieren.
Auch im Bereich Digitalisierung setzt der Koalitionsvertrag aus Sicht der IHK richtige Akzente. Ausbau und Weiterentwicklung digitaler Verwaltungsprozesse, eine optimierte Digitalisierung des ÖPNV und die Einführung einer digitalen Bauplattform könnten Verfahren beschleunigen und den Service gegenüber Unternehmen und Bürgern verbessern. Entscheidend sei, dass diese ambitionierten Vorhaben mit ausreichenden finanziellen Ressourcen hinterlegt würden. Hervorzuheben ist zudem, dass Maßnahmen im Bereich Klima und Nachhaltigkeit mit Augenmaß und Standortbezug formuliert wurden.
Im Themenfeld Ausbildung und Fachkräftesicherung begrüßt die IHK, dass die berufliche Bildung gestärkt, die Attraktivität der Dualen Ausbildung erhalten und ihre Gleichwertigkeit mit dem Studium gefördert werden soll. Positiv bewertet die IHK die vorgesehene Weiterentwicklung der Angebote zur beruflichen Orientierung und bestehender Formate in Zusammenarbeit mit Schulen, Unternehmen und Institutionen, um junge Menschen bedarfsgerecht zu erreichen und Übergänge in Ausbildung zu erleichtern.
„Insbesondere eine qualitativ hochwertige, praxisnahe Berufsorientierung ist das A und O“, betont Pigerl-Radtke. Auch die geplante Weiterbildungsstrategie könne dazu beitragen, dem Fachkräftebedarf gerecht zu werden. Angesichts des demografischen Wandels – bis 2035 erreicht jeder vierte heute Beschäftigte in Ostwestfalen das Rentenalter – sei die Stärkung der beruflichen Bildung unverzichtbar.
"Entscheidend wird nun sein, dass die angekündigten Maßnahmen mit Konsequenz, Mut und Geschwindigkeit umgesetzt werden."
Insgesamt sieht die IHK-Hauptgeschäftsführerin im Koalitionsvertrag eine solide Grundlage für einen wirtschaftsorientierten Standortkurs in Bielefeld. Viele Ansätze – etwa bei Flächenentwicklung, Digitalisierung, Mobilität und Berufsorientierung – seien inhaltlich richtig und deckten sich mit langjährigen Forderungen der gewerblichen Wirtschaft. Allerdings enthält der Vertrag an vielen Stellen zunächst Prüfaufträge und Absichtserklärungen. Damit die Vorhaben Wirkung entfalten, müssen diese frühzeitig konkretisiert und mit klaren Prioritäten hinterlegt werden.
„Entscheidend wird nun sein, dass die angekündigten Maßnahmen mit Konsequenz, Mut und Geschwindigkeit umgesetzt werden“, hebt Pigerl‑Radtke hervor. Die IHK werde diesen Prozess konstruktiv begleiten und dort kritisch nachfassen, wo praktische Fortschritte ausbleiben.
