22. März 2022

Wirtschaftsaufschwung im Kreis Paderborn durch Ukraine-Krieg ausgebremst

„Die Hoffnungen der Paderborner Wirtschaft für das Jahr 2022 waren groß: Es gab erste Anzeichen dafür, dass sich für die Industrie mittelfristig eine Entspannung bei den Lieferengpässen einstellt, der Handel und die Tourismuswirtschaft haben auf eine Entspannung bei der Pandemie gesetzt und die übrigen Dienstleistungsbranchen erhofften sich ein gutes Wachstum für das neue Jahr. Leider hat der Ukrainekrieg die Ergebnisse zur momentanen wirtschaftlichen Lage und zum Ausblick auf das laufende Jahr bei der Paderborner Wirtschaft stark relativiert“, kommentierte IHK-Vizepräsidentin Gabriele Schäfers die Ergebnisse der Frühjahrs-Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK).
Die Resultate dieser Mitte Februar abgeschlossenen Untersuchung, an der sich aus dem Kreis Paderborn 354 Unternehmen mit gut 17.000 Beschäftigten aus Industrie, Handel und Dienstleistung beteiligten, sind tendenziell positiv ausgefallen.
„Die Auswirkungen des Ukrainekrieges und die Sanktionen beeinträchtigen zwar in erster Linie die international vernetzte Industrie. Doch haben sie natürlich auch mittelbar Auswirkungen auf Handel und Dienstleistung. Insofern stehen die Ergebnisse der Konjunkturumfrage für den Kreis Paderborn unter dem Vorbehalt der hohen Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Krieg“, betonte IHK-Vizepräsidentin Gabriele Schäfers bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Paderborn. „Wir können die Folgen und dessen Dauer noch nicht richtig bewerten. Wir meinen aber, dass unsere Konjunkturumfrage trotzdem eine gute Basis für die Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung im Kreis Paderborn darstellt“.
Die Konjunkturdaten aus der IHK-Untersuchung vom Jahresanfang sind für alle Branchen im positiven Bereich. Einzig das Tourismusgewerbe beurteilte die Lage noch pessimistisch.
„Der Konjunkturklimaindikator, der die momentane Lageeinschätzung der Betriebe mit ihren Erwartungen in Relation setzt, ist für den Gesamtindikator über alle drei Sektoren mit 132 Punkten weit im positiven Bereich“, berichtete der IHK-Geschäftsführer und Leiter der Zweigstelle Paderborn + Höxter, Jürgen Behlke. Die 100-er Linie markiert die Grenze zwischen einer positiven oder negativen Stimmung. Der Wert für die Industrie sei dabei von dem schlechten Wert im Frühjahr 2021 mit 94 Punkten auf herausragende 147 Punkte gestiegen, was an der guten momentanen Lage, aber besonders auch an den im Saldo sehr guten Erwartungen liege.
Der Wert für die Dienstleister sei ebenfalls stark gestiegen. Behlke: „Hier steigt er auf sehr gute 132 Punkte, was mit den positiveren Aussichten größerer Unternehmen, aber auch der relativ guten Lage beispielsweise bei den IT-Dienstleistern oder der Immobilienwirtschaft zusammenhängt. Auch der Handels-Index steigt leicht von 94 auf 101 Punkte, was wohl in erster Linie an den kaum von der Pandemie betroffenen Unternehmen liegt, etwa im Lebensmittel oder Großhandelsbereich.“
Die momentane Geschäftslage stelle sich in den Sektoren tendenziell ähnlich dar. 31 Prozent der Firmen aus dem Handel, 38 Prozent bei den Dienstleistern und 47 Prozent der Industrieunternehmen betrachteten ihre jetzige Lage als gut. In der Industrie sähen sie sogar nur sechs Prozent als schlecht an. Diese Einschätzung spiegele die momentane Produktionsauslastung wider:
Nur 11 Prozent – gegenüber 23 Prozent im Frühjahr 2021 – lägen mit der Auslastung ihrer Produktionskapazität unter 80 Prozent. Des Weiteren rechnen 59 Prozent der Befragten in der Industrie mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage in den nächsten zwölf Monaten. Dem stünden nur sechs Prozent gegenüber, die eine Verschlechterung erwarteten.
Behlke: „Die angespannte Lage vor der Eskalation in der Ukraine ist in die Bewertungen der Unternehmen zwar schon eingeflossen, die Entwicklungen seit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine aber nicht. Eine ökonomische Bewertung der Auswirkungen des Krieges auf die Paderborner Wirtschaft ist schwierig. Die Konsequenzen für die Unternehmen werden vielfältig sein, ich denke hier an Rohstoff- und Lieferengpässe, Nachfrageausfall und verschiedenste Einflüsse auf die Niederlassungen oder Handelspartner unserer Paderborner Unternehmen in der Ukraine und Russland.
Nahezu alle Branchen gehen trotz der angespannten Geschäftslage und der unsicheren Zukunft, vor dem Hintergrund der Verfügbarkeit von Fachkräften, von einem Beschäftigungsaufbau aus. Die genannten Konjunkturrisiken sind branchenübergreifend mit unterschiedlicher Ausprägung gleich. Es dominiert das Risiko der Energie- und Rohstoffpreise, dicht gefolgt vom Personalmangel, wobei die Energie- und Rohstoffpreise als Risiko von fast 100 Prozent der Industrieunternehmen genannt werden.
Im Jahr 2021 betrug der Gesamtumsatz des Verarbeitenden Gewerbes im Kreis Paderborn 5,766 Milliarden Euro und lag damit um 17,6 Prozent über dem Vorjahresergebnis. „Dieser Anstieg ist der höchste Wert in Ostwestfalen und liegt auch weit über den Werten von Land und Bund, was zum Teil auf die etwas schwächeren Werte aus 2020 zurückzuführen ist“, führte Behlke aus. „Bei der Beschäftigungsentwicklung belegt der Kreis Paderborn mit einem Plus von 1,2 Prozent ebenfalls den ersten Platz in Ostwestfalen“.