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Aus dem Taxi in Kamerun hinters Buslenkrad in Brandenburg
Kingsley Vuyof hat zwei Uniabschlüsse, spricht Englisch und Französisch und wird jetzt Busfahrer in Frankfurt (Oder). Wovor er den meisten Respekt hat
Stolz zeigt sich Kingsley Vuyof in seiner Berufskleidung mit dem für alle sichtbaren SVF-Logo: Stadtverkehrsgesellschaft mbH Frankfurt (Oder). Der 28-jährige Mann aus Kamerun gehört jetzt zu einem der größten und bedeutenden Unternehmen der Oderstadt. Er möchte Busfahrer werden.
Im Herbst vergangenen Jahres hat Kingsley Vuyof die Ausbildung als Berufskraftfahrer begonnen, schon im Sommer wird er einen Bus – zunächst mit Begleitung, dann auch allein – durch die Stadt steuern können.
Der junge Mann ist 2022 aus seiner Heimat in Zentralafrika geflüchtet, weil er sich in dem autoritär regierten Land nicht sicher fühlte und stellte in Deutschland einen Asylantrag. Mit dem Status der Duldung lebte er seit einiger Zeit in Frankfurt (Oder). Hier meldete er sich beim Sozialamt und bekam das Angebot, in Berlin einen neunmonatigen Integrationskurs zu besuchen, wo er vor allem intensiv die deutsche Sprache lernen wollte. Englisch und Französisch spricht der Kameruner fließend, beides ist dort Amtssprache. „Deutsch zu lernen ist sehr, sehr schwer“, bekennt er.
Er hat alle überzeugt
Kingsley Vuyof kann zwei Universitätsabschlüsse (Kommunikation und Stadtentwicklung sowie Sprachwissenschaften) aus seiner Heimat vorweisen kann und ist es gewohnt, zu lernen und zu lesen. Er erreichte relativ schnell das B1-Sprachniveau, mit dem er sich im Alltag gut verständigen kann. Zu seinen Sprachkursen nach Berlin ist er viel mit Bus und Bahn unterwegs gewesen. Da reifte in ihm die Idee, Busfahrer zu werden. „Auch in Kamerun habe ich Menschen befördert, als Taxifahrer bei Uber. Das hat mir immer Spaß gemacht“, erzählt er.
Logo der Stadtverkehrsgesellschaft mbH Frankfurt (Oder)
Über die Website der Agentur für Arbeit fand er schließlich den Weg zu dem Frankfurter Verkehrsunternehmen. Und er bewarb sich. Am 5. März 2025 fand das Bewerbungsgespräch statt. „Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich ein solches Gespräch gehabt, ich war sehr, sehr nervös“, berichtet er. Aleksander Ossowski, Personalreferent für Ausbildung, Recruiting und Personalmarketing war bei dem Gespräch dabei und erinnert sich noch genau an diesen Tag: „Es hat mich schon beeindruckt, wie gut er nach der relativ kurzen Zeit Deutsch sprechen konnte.“ Als gebürtiger Pole weiß er nur zu gut, wie schwer es ist, die deutsche Sprache zu erlernen. Die Nationalität spiele bei den Bewerbungen keine Rolle, entscheidend seien die menschliche Seite und die Motivation. Ein Vorteil für Kingsley sei gewesen, dass er schon Taxi gefahren sei und Menschen befördert habe. Alle aus dem Unternehmen, die an dem Bewerbungsgespräch zugegen waren, waren sich nach etwa 40 Minuten einig: Den Kingsley Vuyuf aus Kamerun nehmen wir. Nach einer Woche hatte er die schriftliche Bestätigung in den Händen.
Zähe Genehmigungsverfahren
Die Zusage konnte jedoch nur unter Vorbehalt gegeben werden: Ohne Aufenthaltstitel kein Ausbildungsvertrag. „Das hat dann noch mehrere Monate gedauert, bis alle Genehmigungen von der Ausländerbehörde vorlagen“, berichtet Ossowski. Telefonate mussten oft wiederholt werden, weil nicht jedes Mal der gleiche Sachbearbeiter das Telefonat angenommen hatte und die Situation immer wieder neu geschildert werden musste. „Ein direkter Ansprechpartner für derartige Situationen wäre auch künftig wichtig für uns“, wünscht sich Ossowski und lobt gleichzeitig die gute Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Integrationszentrum. „Denn wir wollten ja auf der rechtlich sicheren Seite stehen.“ Aber dann, endlich, kam die Genehmigung: Kingsley Vuyof kann zunächst drei Jahre bleiben – und seine Ausbildung abschließen.
Probleme mit der „Vorspannkraft“
Zur theoretischen Ausbildung muss er ins OSZ Eduard Maurer in Hennigsdorf fahren, lebt dort auch im Wohnheim. Die praktische Ausbildung erfährt er in Frankfurt (Oder). Da sein Führerschein aus Kamerun in Deutschland nicht gültig ist, musste er einen neuen erwerben, den B-Schein hat er bereits in der Tasche, die Klasse D für Busse absolviert er gerade. Die Menge an Vorschriften und Fülle an Vorfahrt-, Richt- und Gefahrenzeichen wundert ihn schon. „In Kamerun wird vieles mit der Hand geregelt, die Kraftfahrer geben sich ein Zeichen“, erzählt lächelnd der smarte junge Mann. Noch schwieriger ist für ihn die theoretische Ausbildung mit den vielen Fachbegriffen und Wörtern wie „Vorspannkraft“, „Reibungskraft“ oder „Schubkraft“. Oft übersetzt er die Texte bzw. Testfragen zunächst ins Englische, um sie überhaupt zu verstehen, um dann die Antwort in Deutsch wiedergeben zu können. Nur einmal habe er erlebt, dass ein OSZ-Lehrer ihm mit einem Fachwörterbuch aushelfen konnte. Als der Azubi das erzählt, ein großes Erstaunen in der Runde bei den für die Ausbildung Zuständigen beim SVF: „Das müsste man doch ändern können.“
Kingsley Vuyof hat großen Respekt vor der Schule, obwohl er Deutsch immer besser versteht und nun auch das Deutsch-B2-Zertifikat in der Tasche hat. In seiner Klasse seien nur zwei Azubis mit Migrationshintergrund, unter den Muttersprachlern sei es schwierig, mitzuhalten. Es nicht zu schaffen, ist seine große Sorge. Die Praxis bereite ihm dagegen gar keine Probleme, sagt er. Das mache Spaß. Vor unfreundlichen Fahrgästen oder gar rassistischen Angriffen fürchte er sich nicht. „So lange ich in Deutschland bin, ist mir noch nie etwas passiert“, sagt der Afrikaner. Auch Ken Wegener, zuständig für Marketing und Kommunikation im ÖPNV, beruhigt. Negative Vorfälle hielten sich im Rahmen. „20 Prozent unserer Kollegen kommen ja aus Polen. Und unsere Fahrgäste sind auch international.“ Alle Bus- und Straßenbahnfahrer würden in Sachen Deeskalation geschult, lernen, wie sie sich in Notfällen zu verhalten haben. Und sie seien ja immer direkt per Funk mit der Leitstelle verbunden. „Außerdem haben wir viele erfahrene ältere Kollegen, von denen die Jüngeren lernen.“
Aktuell hat die Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft sechs Berufskraftfahrer-Azubis in zwei Ausbildungsjahren. Einer von ihnen ist Kingsley. Er wird dringend gebraucht, auch weil hier in den nächsten Jahren viele ältere Kollegen ausscheiden und sich in die Rente verabschieden. Er würde auch gern bleiben, in seine Heimat zieht es ihn nicht mehr. Inzwischen hat er in Frankfurt eine kleine, eigene Wohnung. Er liest viel, geht oft in die Viadrina-Bibliothek. Was ihm fehlt, sind Freunde. „Deutsche Freunde“, sagt er. Er möchte in Deutschland ankommen.
FORUM/Ruth Buder
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Michael Götz
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