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Nr. 7059358
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Jeder Bewerber hat eine Antwort bekommen.
Fokus Region.

Vier Wochen, vier Wohnungen – mehr Fachkräfte

Mit einer cleveren Marketingaktion hat es Eisenhüttenstadt deutschlandweit und international in die Medien geschafft. Nicht nur „Zeit“ und ARD, auch die „Washington Post“, der US-Sender CNN und das schwedische Fernsehen waren da. Mit der Aktion Probewohnen will sich die Stadt gegen Fachkräftemangel und Bevölkerungsschwund stemmen.
Nun geht das Probewohnen in Eisenhüttenstadt in die zweite Runde. Von Anfang Mai bis Juni können Familien, Paare, Singles in vier möblierten Wohnungen kostenfrei leben. Die Stadt und zwei Eisenhüttenstädter Wohnungsunternehmen wollen mit diesem Angebot gezielt Fachkräfte, Rückkehrer und Zuzugsinteressierte ansprechen. 300 Interessenten haben sich beworben. Vier Mieter auf Zeit sind inzwischen ausgewählt. Es ist die Neuauflage einer Aktion, die im vergangenen Jahr durch die Decke ging.
Im September 2025 hatte Eisenhüttenstadt zum ersten Mal zwei Wochen Probewohnen in zwei komplett ausgestatteten Wohnungen angeboten. Die Aktion sollte in das seit Jahren laufende Rückkehrer- und Zuzugsprojekt der Stadt einzahlen. Die Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GeWi stellte zwei Wohnungen bereit. „Wir haben das Projekt absichtlich klein gehalten. Wir wollten einfach erst mal testen, wie die Resonanz ist“, sagt Julia Basan, Projektleiterin der Zuzugs- und Rückkehrerinitiative. Vom Erfolg war die Stadtangestellte überwältigt, denn für die beiden Wohnungen gingen 2.000 Bewerbungen ein.

So menschlich geschrieben

Dass die Aktion so erfolgreich war, hat nicht unwesentlich mit einer Pressemitteilung der Stadt zu tun. Eisenhüttenstadt wollte das Probewohnen von Anfang an transparent kommunizieren, gegenüber der eigenen Bevölkerung und nach außen. Eine Journalistin der Deutschen Presse-Agentur fand die städtische Mitteilung „so niedlich und menschlich geschrieben“, erzählt Julia Basan. Deshalb wollte sie den Text unbedingt aufgreifen. Regionale und überregionale Medien wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche“ sprangen auf die Nachricht auf.
Zugleich warb die Stadt über ihre Social-Media-Kanäle für die Aktion. Kleine Interviews mit Zugezogenen, die ursprünglich für die 75-Jahr-Feier der Stadt und des Stahlwerkes 2025 aufgenommen worden waren, wurden erneut über Instagram ausgespielt. Die Interviewten erzählten über ihren Alltag in Eisenhüttenstadt. Die Posts gingen viral. CNN sprang auf und kommentierte: „Try living in Eisenhüttenstadt.“ Der britische „Guardian“, die „Washington Post“ und CNN riefen nicht nur an, sie schickten auch Reporter in die Stadt.
„Wir haben Live-Interviews geführt, wir waren in Schweden in den Sommernachrichten, ein kasachisches TV-Team stand plötzlich vor der Tür“, erinnert sich Valentin Franze, der Pressesprecher der Stadt. Der Bürgermeister hat hnen vertraut und ihnen freie Hand gegeben, die Interviews selbst zu führen. „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den Medien gemacht“, sagt Franze.
Das bestätigt auch Enrico Hartrampf, der Prokurist der GeWi. Dabei seien die Medienvertreter zunächst häufig mit negativen Erwartungen in die Stadt gekommen. „Viele haben gesagt: ‚Eisenhüttenstadt, das ist so ein harter Name.‘“ Sie seien erstaunt gewesen, statt grauer Plattenbauten eine lebenswerte Stadt vorzufinden. Eisenhüttenstadt konnte mit der Lage an der Oder, den großzügigen, grünen Wohnkomplexen und der Lindenallee, dem Freizeitbad und kurzen Wegen punkten.
Sowohl Stadt als auch GeWi war es wichtig, ein authentisches Bild zu vermitteln. Dazu gehörte auch, die Nachteile ehrlich zu kommunizieren. Wer eine Kneipenszene und Nachtleben sucht oder täglich zur Arbeit nach Berlin pendeln muss, für den ist Eisenhüttenstadt nicht der ideale Lebensmittelpunkt.

Ein harter Name

Bei der Premiere im vergangenen Herbst waren eine IT-Beraterin aus Bremen und ein Filmemacher aus Berlin für zwei Wochen an die Oder gezogen. Beide haben noch Kontakt in die Stadt, geblieben sind sie allerdings nicht. Doch die Kampagne zog viel Aufmerksamkeit auf die Stadt. „Wir haben viele Bewerbungen von Fachkräften erhalten“, sagt Julia Basan. Günstige Lebenshaltungskosten mit Mieten um 6,50 Euro kalt interessierten Menschen aus Bayern oder dem Ruhrgebiet, die es aus der Großstadt ins eher Kleinstädtische zieht. Pflegekräfte, Busfahrer, IT-Leute meldeten sich. Zwölf neue Bewohner hat Eisenhüttenstadt infolge der Aktion Probewohnen hinzugewonnen, und Julia Basan ist immer noch dabei, Bewerbungen zu bearbeiten. Dabei steht sie auch in engem Kontakt zu den hiesigen Unternehmen.
Beim ersten Probewohnen gingen viele Anfragen aus dem Ausland ein. Dieses Mal ist ihr Anteil kleiner. Ein Grund dafür ist, dass die Stadt und ihre Partner das Verfahren verändert haben. Interessenten müssen einen positiven Aufenthaltsstatus für Deutschland bestätigen, bevor sie die Unterlagen für die Bewerbung erhalten. Erreicht werden sollen vor allem Bewerberinnen und Bewerber aus der EU, die über eine Arbeitserlaubnis für Deutschland und gute Deutschkenntnisse verfügen.

Vier Wohnungen, vier Wochen

Neu ist in diesem Jahr auch, dass vier Wohnungen bereitstehen. Auch die Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft ist mit zwei Wohnungen dabei und bietet zudem den Club Am Anger zum Arbeiten an. Die Einwohner auf Zeit dürfen dieses Mal nicht nur zwei, sondern bis zu vier Wochen bleiben. „Mindestens zwei Wochen braucht man schon, um die Stadt kennenzulernen“, schätzt Enrico Hartrampf ein.
Neben den Betriebskosten und möglicherweise entgangenen Einnahmen für die möblierten Wohnungen kostet das Projekt vor allem Zeit. Zeit fürs Marketing und für die Begleitung der Zugezogenen. Deshalb wurde die Zahl der angebotenen Wohnungen auch überschaubar gehalten. Es sei hauptsächlich um Qualität, weniger um Quantität gegangen, erläutert Enrico Hartrampf. Bewerber würden vor allem danach ausgewählt, ob sie ein echtes Interesse daran zeigen, dauerhaft Eisenhüttenstädter zu werden, erläutert er.
Die GeWi verfügt über rund 6.900 Wohnungen, davon stehen 1.200 leer. 300 bis 400 davon könnten sofort bezogen werden. Zehn Wohnungen hat das Unternehmen dank der Aktion Probewohnen an Zugezogene vermieten können. Lohnt sich das? „Definitiv“, sagt Hartrampf. Die Stadt, die mit einem Bevölkerungsrückgang zu kämpfen hat, werde jetzt anders wahrgenommen – nämlich als lebenswerte Stadt. „Diese positive Botschaft ist das Entscheidende.“
FORUM/Ina Matthes
Probe-Wohner und Zuzügler: Seit 2017 fördert die Landesregierung Brandenburg regionale Rückkehr- und Zuzugsinitiativen, die im Netzwerk „Ankommen in Brandenburg“ zusammenarbeiten. Das Netzwerk bietet Unterstützung bei der Wohnungs- und Haussuche, Beratung zur Kinderbetreuung und hilft beim Knüpfen sozialer Kontakte.
Neben Eisenhüttenstadt hat auch Guben Probewohnen angeboten. Außerdem gibt es die Aktion „Summer of Pioneers“, bei der Stadtbewohner sechs Monate lang das Leben auf dem Land testen
Annett Schubert
Leiterin
Regionalcenter Oderland