FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7054588
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Belinda und Maria Erkner
Nachfolger finden. Mit der IHK

„Das war richtig kaltes Wasser“

„Wir denken nicht in Geschäftsjahren. Wir denken in Generationen.“ Mit zwei knappen Sätzen bringen Maria und Belinda Erkner ihre Unternehmensphilosophie auf den Punkt.
Was hinter der Aussage steckt, wird beim Eintauchen in die Firmengeschichte der Erkner-Gruppe (VW und VW-Nutzfahrzeuge, Skoda, MG und Audi-Service) deutlich. Sie geht auf ein im Jahr 1918 in Herzfelde bei Rüdersdorf gegründetes Motorrad- und Fahrradgeschäft zurück. Tradition trifft Moderne ist eine weitere Prämisse, die die Schwestern setzen. Der familiäre Zusammen- und Rückhalt sind für sie unerlässlicher Kompass und Anker zugleich.
„Ohne meine Schwester an meiner Seite hätte ich einen anderen Weg eingeschlagen“, sagt Maria (40), die zwei Jahre älter ist als ihre Schwester. Und Belinda räumt ein, durchaus auch mal mit dem Gedanken gespielt zu haben, jenseits des Unternehmens beruflich Fuß zu fassen und auf einem anderen Terrain durchzustarten. Die emotionale Bande, die Verantwortung gegenüber dem, was die Familie aufgebaut hat, habe sie letztlich jedoch davon abgehalten. „Diese tiefe Verwurzelung über fünf Generationen spielt natürlich eine Rolle, anders, als wenn es nur eine geschäftliche Beziehung gibt.“

Drei Generationen Tür an Tür

Selbstverständlich sei die Konstellation zuweilen schwierig, weil betriebliche Themen unausweichlich mit nach Hause genommen werden. Besonders in jener Zeit, als die jüngere der Schwestern, Belinda Erkner, 2010 nach dem dualen Studium bei Volkswagen in Wolfsburg sofort mit in die Geschäftsführung eingestiegen war. „Das war richtig kaltes Wasser“, als drei Generationen gleichzeitig die Firma leiteten: Siegfried Erkner in dritter Generation, dessen Sohn Sven in vierter und Enkelin Belinda in fünfter Generation. „Wir saßen in Rüdersdorf Tür an Tür: Opa, das Familienoberhaupt, mit Zettel, Stift und Telefon, der jeden Abend als letzten Akt das Licht ausgemacht hat. Mein Vater, der sich vor allem um den Verkauf und den Aufbau der EDV gekümmert hat, viel unterwegs war. Und ich, die nach dem Studium Mühe hatte, fachlich mitzuhalten und mir erst ein Feld suchen musste, in dem ich wachsen konnte.“
Über die Generationen hinweg gab es sehr unterschiedliche Auffassungen – zur Organisation, zu Strategien. Und nicht zuletzt zum Führungsstil in dem bis zu 260 Mitarbeiter umfassenden Unternehmen, zu dem damals auch noch Audi gehörte und das an sieben Standorten präsent war. „Vom alten Unternehmertum, den strengen Hierarchien, der herausgestellten Autorität, dem ‚wenig Fragen stellen, mehr Antworten geben‘, hielt ich nichts. Das bin ich nicht. Da prallten Welten aufeinander“, beschreibt Belinda Erkner die damalige Situation.

Sehr verschiedene Schwestern

Ihrer Schwester Maria blieb dies derweil weitgehend erspart. Sie hatte ihre Nische, führte ab 2009 und bis 2015 die Geschäfte des kleinen Satelliten „Señorita Maria“. Das Seat-Autohaus in Hennigsdorf war ein Novum in Deutschland: eines, in dem nur Frauen arbeiteten. Werkstatt und Verkauf boten zehn Mitarbeiterinnen einen familienorientierten Arbeitsplatz. Aber nicht nur die räumliche Trennung vom damaligen Dreigestirn der Geschäftsführung des Haupthauses in Rüdersdorf machte ihr Leben etwas reibungsärmer.
„Wir sind sehr verschieden“, sagt Maria Erkner, die sich selbst als die Ruhigere, sich nicht in den Vordergrund Drängende bezeichnet. Ihre Sache seien die Zahlen, die Buchhaltung, die Liquidität. „Belinda ist die Strategin, die Visionärin, die Netzwerkerin, die Repräsentantin.“ Beide ergänzen sich dadurch in ihren Stärken. Zwar hat jede ihren Verantwortungsbereich, aber unternehmerische Entscheidungen treffen sie stets gemeinsam und wägen Veränderungen in der Organisation, Innovationen gemeinsam ab.
So haben sie die bald 110-jährige Erkner-Gruppe nachhaltig umgekrempelt. „Richtig entfalten konnten wir uns natürlich erst, als unser Großvater und unser Vater das operative Geschäft vertrauensvoll in unsere Hände gelegt hatten.“ Mit freier Hand war vor sechs Jahren Platz für frischen Wind. „Aber immer mit Bedacht, wir schätzen die Erfahrung unserer langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr.“

Sich einmischen ist erwünscht

Ganz oben auf der Agenda steht seither die Mitarbeiterführung. Für jeden gibt es ein Persönlichkeitsprofil, sodass er entsprechend individueller Stärken eingesetzt wird. Sich einmischen, Vorschläge unterbreiten, Impulse geben, sei ausdrücklich erwünscht. „‚Erkner Classic‘ für die Restauration von Old- und Youngtimern sowie das Event ‚Erkner meets Oldies‘ sind so als Submarken entstanden“, nennen die Chefinnen als Beispiel. Mitarbeiter Ronny Dick habe von seiner Liebe zu Oldtimern erzählt, bekam die Chance, die Projekte zu entwickeln, umzusetzen, und sei nun Brand-Manager für die zwei Marken.
So ein Experiment könne auch schiefgehen – das Wagnis nehmen die Schwestern in Kauf und führen trotzdem mit klarem Konzept. „Wir sind nicht dafür da, Mitarbeiter zufriedenzustellen. Wir haben die Verantwortung für das Team, das Unternehmen, die Kunden und die Region. Dafür braucht es einen Rahmen, Wertschätzung, Konsequenz, Transparenz und Risikobereitschaft, einen respektvollen Umgang sowie eine positive Grundstimmung – in der Führungsetage und bei den Mitarbeitern.“
Belinda und Maria Erkner legen zudem großen Wert auf die Weiterbildung der Mitarbeiter, auf Konfliktmanagement, Teambuilding. „Gemeinsame Veranstaltungen jenseits des Arbeitsplatzes gehören dazu. Für das diesjährige Go-Kart-Event im Spreewald haben sich schon mehr als 100 Mitarbeiter angemeldet.“ Zudem gibt es mit „Erknergruppe connect“ eine App, auf der Neuigkeiten gepostet, Ideen hinterlegt und untereinander kommuniziert werden kann. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, der Wohlfühlfaktor sei für ein erfolgreiches Unternehmen ebenso wichtig wie Umsätze und Gewinne. „Denn letztlich sind es unsere Mitarbeiter, die das Herzstück des Unternehmens bilden.“
FORUM/Anke Beißer
Dr.Thomas Kühne
Leiter
Regionalcenter Berliner Umland