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Krisen trotzen
Krisenzeiten
Wetterextreme, eine unsichere Weltlage, Pandemien, Anschläge auf die Stromversorgung – Unternehmen müssen immer öfter auf unvorhergesehene Situationen reagieren können. Anpassungsfähigkeit ist überlebensnotwendig.
Etwa 2.000 Betriebe hat der Stromausfall im Süden Berlins im Januar lahmgelegt – teils mit schweren Folgen: Maschinen standen still, Geschäfte mussten schließen, Umsätze brachen weg und die Kosten liefen trotzdem weiter. Manches Unternehmen versuchte auf die Schnelle, sich ein Notstromaggregat zu besorgen. Doch sich mal eben ein Dieselaggregat auf den Hof zu stellen, das greift zu kurz.
Eine Notstromversorgung muss fachgerecht angeschlossen werden und darf nicht unbeabsichtigt Strom zurück ins öffentliche Netz speisen. In solchen Fragen kennt sich das Fredersdorfer Ingenieurbüro PEES bestens aus. Dessen Team plant und baut Anlagen, die sofort einspringen, wenn der Strom wegbleibt.
Clevere Lösungen
In der Region gibt es Firmen wie PEES, die ausgeklügelte Lösungen für solche Fälle anbieten. Dazu gehören Batteriespeicher, die sich mit Solaranlagen koppeln lassen. Ein Unternehmen aus Wildau zeigt, wie sich mit solchen Speichern Stromausfälle überbrücken lassen. Mit Batterien und Notstromtechnik können sich Betriebe robuster aufstellen.
Doch das müssen sich kleine und mittlere Unternehmen erst einmal leisten können. Für viele Betriebe stellt sich die Frage inzwischen allerdings anders: Können sie es sich leisten, auf Vorsorge zu verzichten? Im Lebensmitteleinzelhandel etwa müssen bestimmte Waren vernichtet werden, wenn die Kühlkette unterbrochen wird. Der Discounter Lidl betreibt in Brandenburg große Warenlager und hat einen Blackout schon erlebt: Neun Tage lang war der Strom weg – das Unternehmen war gewappnet.
Robustsein ist Kopfsache
In der Lausitz bereiten sich Betriebe gemeinsam mit Partnern aus der Wissenschaft auf Krisen vor. In einem Verbundprojekt entwickeln sie Technik und Strategien gegen Waldbrände. Eine Metallbaufirma etwa baut neuartige Löschdrohnen. Sie helfen nicht nur beim Löschen in schwer zugänglichen Gebieten. Das Unternehmen hat sich mit dieser Entwicklung selbst widerstandsfähiger aufgestellt – weil es ein neues Geschäftsfeld erschließen konnte.
FORUM/Ina Matthes
Mit Drohnen gegen Waldbrände
Wie ein Mittelständler aus Ludwigsfelde mit einer Neuentwicklung beim Löschen hilft und sich selbst widerstandsfähiger aufstellt.
Waldbrände, extreme Trockenheit, neue Brandlasten durch Energiewende und Elektromobilität – die Herausforderungen für Feuerwehren wachsen. Gleichzeitig stehen Unternehmen vor der Frage, wie sie sich strategisch auf eine unsichere Zukunft vorbereiten.
In Ludwigsfelde treffen sich beide Perspektiven. Mit dem WIR!-Bündnis „Feuerwehr der Zukunft“ ist in der Region an der B 101 ein Netzwerk entstanden, das technologische Innovation, kommunale Verantwortung und unternehmerische Resilienz verbindet. Ein Beispiel dafür ist die Harald Müller Metall-Sonderfertigung GmbH.
Das Unternehmen mit rund 25 Mitarbeitern ist klassisch im Metallbau verankert. In Ludwigsfelde entstehen komplexe Sonderkonstruktionen aus Stahl und Blech, Messestände für internationale Konzerne, Kulissen für Filmproduktionen in Babelsberg – und jetzt auch Hightech für den Brand- und Katastrophenschutz. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, ist bei näherem Hinsehen eine konsequente unternehmerische Antwort auf den Wandel.
Der Chef ist auch Pilot
Der Impuls kam von Unternehmensgründer Harald Müller selbst. Als begeisterter Pilot mit Fluglizenz blickt er seit Jahrzehnten aus der Luft auf Brandenburg. Immer wieder sah er Waldbrände, insbesondere über munitionsbelasteten Flächen, die für Einsatzkräfte kaum zugänglich sind. „Ich bin viel über Brandenburg geflogen und habe diese Brände immer wieder gesehen“, sagt Müller.
„Da habe ich mich gefragt: Warum gibt es eigentlich keine Technik, mit der man dort löschen kann, ohne Menschen in Gefahr zu bringen?“ Aus ersten Überlegungen im Freundeskreis entwickelte sich schließlich eine Idee, die heute bundesweit Aufmerksamkeit erregt: Löschdrohnen zur Vegetationsbrandbekämpfung.
Albrecht Broemme, Schirmherr des Projekts
Den entscheidenden Schub erhielt das Vorhaben durch das WIR!-Bündnis „Feuerwehr der Zukunft“, das von der Stadt Ludwigsfelde innerhalb des Programms des Bundesforschungsministeriums „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ angestoßen wurde. Die Stadt setzte sich stellvertretend für die Region entlang der B 101 erfolgreich durch und schuf damit die Grundlage für eine enge Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft, Feuerwehren und Verwaltung.
„Das Bündnis bringt Partner an einen Tisch, die sonst so nicht zusammenarbeiten würden“, erklärt Dr. Andreas Kühn, der das Projekt aus Unternehmenssicht begleitet. „Für uns war von Anfang an klar: Eine solche Entwicklung funktioniert nur gemeinsam mit den Feuerwehren und der Wissenschaft.“
13 Millionen Euro Förderung
Bis 2028 stehen für das Bündnis insgesamt mehr als 13 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung. Für die Harald Müller Metall-Sonderfertigung GmbH wurde das Netzwerk zum Katalysator. Im Projekt PEELIKAN entwickelte das Unternehmen gemeinsam mit Freiwilligen Feuerwehren, Hochschulen und weiteren Partnern einen Löschdrohnenschwarm, der rund um die Uhr eingesetzt werden kann – auch dort, wo Menschen und Hubschrauber aus Sicherheitsgründen nicht arbeiten dürfen.
Die aktuell erprobte Drohne kann bis zu 21 Liter Wasser oder Löschmittel transportieren und punktgenau abwerfen. Bereits in der Entwicklung befindet sich eine größere Variante mit einem Fassungsvermögen von bis zu 50 Litern. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir größer denken müssen als ursprünglich geplant“, sagt Frank Brennecke. „Die Anforderungen aus der Praxis haben das System maßgeblich geprägt.“
Das technische Herzstück der Drohnenstaffel ist ein mobiler Container. Er kann von größeren Feuerwehren auf einem Lkw transportiert werden und ist so ausgelegt, dass er innerhalb kurzer Zeit einsatzbereit ist. Im Container befinden sich Start- und Landevorrichtungen für bis zu 16 Drohnen, Akkus und Ladetechnik, Wasser- und Löschmittelvorräte sowie die komplette Steuerungs- und Kommunikationseinheit. Die Drohnen starten im 30-Sekunden-Takt, fliegen autonom festgelegte Routen und kehren selbstständig zurück.
„Für die Feuerwehren war wichtig, dass das System einfach in bestehende Abläufe integrierbar ist“, betont Brennecke. „Der Container ist im Grunde eine mobile Drohnenwache.“
Feuerwehr der Zukunft
Bis zur Einsatzreife waren umfangreiche Tests notwendig. Gemeinsam mit den Feuerwehren wurden Flugstabilität, Abwurfgenauigkeit, Reichweiten, Akkulaufzeiten und der Parallelbetrieb mehrerer Drohnen erprobt. Testeinsätze fanden auch in munitionsbelasteten Waldgebieten statt, die für Einsatzkräfte kaum oder gar nicht zugänglich sind. Gerade hier zeigte sich der besondere Mehrwert der Technologie.
Der ehemalige Berliner Feuerwehrchef Albrecht Broemme, Schirmherr des Projekts, zeigte sich von den Ergebnissen beeindruckt. Die Drohnenstaffel sei „die Feuerwehr der Zukunft“ und ein Beispiel dafür, wie Technik Einsatzkräfte entlasten und gleichzeitig die Sicherheit erhöhen könne.
Ein enormer Wissensgewinn
Für das Unternehmen war das Projekt ein bewusstes Investment – finanziell, personell und strategisch. Fördermittel decken nur einen Teil der Kosten, der Eigenanteil ist erheblich. „Wir haben viel Zeit und Geld investiert, aber auch enormes Wissen aufgebaut“, sagt Harald Müller. „Das macht unser Unternehmen widerstandsfähiger gegen Schwankungen in unseren bisherigen Geschäftsfeldern.“
Gemeinsam: Das Unternehmen hat bei der Entwicklung der Drohnen mit Feuerwehren, Hochschulen und anderen Partnern zusammengearbeitet.
In mehreren Jahren Entwicklungsarbeit hat das Unternehmen Kompetenzen in neuen Technologiefeldern aufgebaut – von Luftfahrttechnik über Automatisierung bis hin zur Zusammenarbeit mit Behörden und Forschungseinrichtungen. „Selbst wenn sich Märkte verändern, bleibt dieses Know-how“, so Müller. „Und das kann uns auch in ganz anderen Bereichen noch helfen.“
Zugleich zeigt das Bündnis, wie sehr gemeinsame Innovationsarbeit allen Beteiligten zugutekommt. Unternehmen profitieren vom Austausch und vom Zugang zu neuen Märkten, Feuerwehren bringen ihre Praxiserfahrung ein, Forschungseinrichtungen testen Entwicklungen unter realen Bedingungen. „Das Bündnis ist ein echter Innovationsraum“, fasst Kühn zusammen.
Ludwigsfelde profiliert sich so als Innovationsstandort im Brand- und Katastrophenschutz und die Region Teltow-Fläming als bundesweiter Schwerpunkt für Wald- und Vegetationsbrandschutz. Ein mittelständisches Unternehmen zeigt dabei, wie Investitionen in Kooperation und Zukunftstechnologien nicht nur gesellschaftlichen Nutzen stiften, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken.
Ludwigsfelde profiliert sich so als Innovationsstandort im Brand- und Katastrophenschutz und die Region Teltow-Fläming als bundesweiter Schwerpunkt für Wald- und Vegetationsbrandschutz. Ein mittelständisches Unternehmen zeigt dabei, wie Investitionen in Kooperation und Zukunftstechnologien nicht nur gesellschaftlichen Nutzen stiften, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken.
FORUM/Stefan Specht
Wenn zehn Sekunden schon viel zu lang sind
Das Pees Ingenieurbüro für Elektroenergieanlagen aus Fredersdorf entwickelt Lösungen für mehr Versorgungssicherheit
Als nach einem Anschlag im Januar in Teilen Berlins für mehrere Tage der Strom ausfiel, stieg die Nachfrage nach Notstromaggregaten.
Manche Betriebe denken in solchen Situationen darüber nach, sich einfach einen Dieselgenerator anzuschaffen. Doch das greift zu kurz. „Wenn sich alle einfach nur einen Dieselgenerator kaufen, hilft das nicht wirklich“, sagt Pascal Höppner, Geschäftsführer der PEES Ingenieurbüro für Elektroenergieanlagen GmbH mit Sitz in Fredersdorf bei Berlin. Denn klassische Notstromaggregate benötigen in der Regel zehn bis 15 Sekunden, bis sie einspringen. Für moderne Betriebe ist diese Zeitspanne oft viel zu lang.
Mitarbeiter Torben Schultz bei der Prüfung eines Systems für unterbrechungsfreie Stromversorgung
Server, Datenbanken, computergesteuerte Maschinen und automatisierte Fertigungslinien können Stromausfälle nur wenige Millisekunden überbrücken. „Jede Störung über zehn Millisekunden gilt bereits als Ausfall“, erklärt der Elektrotechniker. Die Folgen reichen von unkontrolliert herunterfahrenden IT-Systemen und Datenverlust über beschädigte Werkstücke bis hin zu Sicherheitsrisiken für Beschäftigte.
Gefragte Technik
Das Fredersdorfer Ingenieurbüro liefert zwar auch Notstromaggregate – kombiniert sie jedoch mit Systemen, die eine Versorgungslücke gar nicht erst entstehen lassen: Anlagen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV). Sie bestehen im Kern aus Batterien, Wechsel- und Gleichrichtern sowie intelligenter Steuerungstechnik.
USV-Anlagen arbeiten dauerhaft. „Sie laufen immer mit“, erläutert Höppner. Sie überbrücken kurze Stromausfälle, gleichen Spannungs- und Frequenzschwankungen aus und filtern Störungen, bevor sie sensible Technik erreichen. Dabei schützen sie nicht nur vor Problemen im öffentlichen Stromnetz, sondern auch vor Störungen innerhalb der eigenen betrieblichen Infrastruktur.
Der Bedarf an dieser Technik wächst. Ein Treiber ist die fortschreitende Digitalisierung: IT-Systeme durchdringen nahezu alle Unternehmensbereiche. Gleichzeitig treten kurze Stromunterbrechungen immer wieder auf. Laut Bundesnetzagentur gab es 2024 bundesweit 164.645 Unterbrechungen der Stromversorgung in der Nieder- und Mittelspannung – im Durchschnitt rund 11,7 Minuten Stromausfall pro Endverbraucher. Diese Zahl setzt sich aus vielen kurzen Unterbrechungen zusammen, die insbesondere für digital gesteuerte Prozesse kritisch sind.
Über drei Jahrzehnte Erfahrung
USV-Anlagen sind deshalb in vielen Unternehmen längst Standard. PEES hat sich dabei auf maßgeschneiderte Lösungen für Industrie, Gewerbe und öffentliche Einrichtungen spezialisiert. Die Systeme aus Fredersdorf sichern unter anderem Mess- und Regeltechnik in Produktionsanlagen, Infrastruktur von Netzbetreibern sowie IT-Systeme in Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung.
Das Unternehmen verfügt über mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung in der unterbrechungsfreien Stromversorgung. Die Wurzeln reichen bis in die DDR zurück. Nach der Wiedervereinigung entstand aus einer Berliner Garagenfirma ein mittelständisches Unternehmen mit heute 23 Beschäftigten.
Leiten das Unternehmen gemeinsam: Simone Eisermann und Pascal Höppner.
„Wir sind kein klassisches Ingenieurbüro, das nur plant. Wir sind ein produzierendes Ingenieurbüro“, sagt Höppner. PEES entwirft, konstruiert, produziert, vertreibt und wartet elektrotechnische Anlagen, baut Infrastruktur für Rechenzentren und entwickelt eigene Produkte.
Stolz auf den „Titan“
Seit 1998 ist das Unternehmen im Gewerbegebiet Fredersdorf Nord ansässig. In den Werkstätten werden unter anderem Industriewechselrichter montiert – erst im vergangenen Herbst brachte PEES mit dem Modell „Titan“ eine Eigenentwicklung auf den Markt. Bevor Anlagen ausgeliefert werden, durchlaufen sie umfangreiche Tests. Dafür betreibt das Unternehmen ein eigenes Prüffeld, in dem auch Starkstromtechnik erprobt wird. Ein Dieselgenerator liefert dabei die nötige Leistung für anspruchsvolle Prüfungen – ein Beispiel für den praxisnahen Umgang mit Versorgungssicherheit.
Nächstes Ziel: Ausbildung
Der große Stromausfall in Berlin hat dem Fredersdorfer Unternehmen bislang zwar keine unmittelbare neue Kundschaft gebracht. Dennoch beobachtet Höppner einen Effekt: „Oft werden Unternehmen erst durch solche Ereignisse sensibilisiert. Danach benötigen sie Unterstützung bei der Analyse und Integration passender Systemlösungen. Ein Stromausfall ist immer auch ein Stresstest für bestehende Anlagen und zeigt mögliche Schwachstellen auf.“
Sein Rat an Betriebe: USV-Systeme ausreichend dimensionieren, wenn möglich redundant – also doppelt abgesichert – auslegen und regelmäßig prüfen. Denn diese Systeme laufen rund um die Uhr und leisten je nach Netzqualität Schwerstarbeit. Auch sie können Störungen entwickeln, und nicht immer ist sofort ein Spezialist verfügbar. Fachkräfte sind in der Branche knapp.
Das spürt auch PEES selbst. Gesucht werden Elektroinstallateure, Elektrotechniker, Meister und Ingenieure – vor allem für Projektleitung und Service. Das Unternehmen betreut Kunden deutschlandweit und im europäischen Ausland. „Es gibt immer weniger Fachkräfte, die bereit sind, bundesweit unterwegs zu sein“, sagt Geschäftsführerin Simone Eisermann, die für Personal und Service zuständig ist. Künftig will PEES wieder ausbilden. „Ausbildung ist eines unserer nächsten Ziele“, betont Pascal Höppner.
Versorgungssicherheit sei nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Menschen, die sie planen, bauen und instand halten – heute mehr denn je.
FORUM/IMA
Neun Tage lang kein Strom aus den Netz
Nach einem Anschlag brach 2024 in Freienbrink die öffentliche Energieversorgung zusammen. Betroffen war auch ein Warenverteilzentrum des Lebensmittel-Discounters Lidl.
Lidl ist nach eigenen Angaben der größte Lebensmittel-Discounter in Europa. In Freienbrink befindet sich eines der Verwaltungs- und Warenverteilzentren von Lidl in Deutschland. Dort lagern unter anderem Tiefkühlkost, Fleisch und Molkereiprodukte für 86 Lidl-Filialen in Ostbrandenburg sowie Ost-Berlin. Wenn der Strom für einige Tage ausfällt, wie vor Kurzem in Berlin – was bedeutet das für einen Lebensmitteleinzelhändler?
Im Logistikzentrum von Lidl in Freienbrink gibt es das „Schokohaus“. Das ist eine Lagerhalle, in der sich Schokolade, Riegel und süße Aufstriche in Regalen mit einer Höhe von 8,4 Metern bis unter die Decke stapeln. Schokoprodukte, Tiefkühlkost, Fleischwaren, Molkereiprodukte, Getränke, Aktionsartikel: Mehr als 4.300 verschiedene Artikel werden in Freienbrink auf 35.000 Quadratmetern Hallenfläche gelagert und umgeschlagen.
Blick ins Schokohaus: In den Regalen lagern Schokoladenprodukte. Sie müssen kühl, aber nicht kalt gelagert werden.
Die meisten Produkte müssen bei ganz bestimmten Temperaturen aufbewahrt werden: Schokolade mag es kühl, aber nicht zu kalt. Die Halle für Tiefkühlkost wiederum ist der Kältepol im Lager: Dort herrschen minus 23 Grad.
Haustechniker Mikail Sonar und seine beiden Kollegen haben die Temperaturen ständig im Blick. Ein Bildschirm im Büro zeigt ihnen die Werte an. „Die Temperaturen werden konstant eingehalten“, erläutert der Techniker. Schwankungen würden lediglich in einem sehr engen Bereich toleriert. Lebensmittel sind empfindliche Güter. Lidl biete sie seinen Kundinnen und Kunden in höchster Qualität an, und diese dürfe in keiner Weise beeinträchtigt werden, betont Geschäftsführer René Esche. Der 44-Jährige arbeitet seit 18 Jahren für den Lebensmittel-Discounter. Seit 2023 leitet er die Lidl Vertriebs GmbH & Co. KG Freienbrink.
Kühlkette in Gefahr
Das ausgefeilte Temperaturmanagement in den Hallen ist ohne eine zuverlässige Stromversorgung nicht denkbar. Fällt sie plötzlich für längere Zeit aus, könnte das die Einhaltung der Kühlkette gefährden. Wenn die Temperatur im Tiefkühlbereich zum Beispiel aufgrund eines Ausfalls der Stromversorgung über minus 14 Grad ansteigt, werden die betroffenen Lebensmittel zum Schutz der Verbraucher vorsorglich aussortiert und nicht für den Handel freigegeben.
Einen solchen mehrtägigen Stromausfall hat der Süden Berlins erst im Januar dieses Jahres durchlitten. Der Lidl-Standort in Freienbrink war davon nicht betroffen. Aber René Esche hat eine ähnliche Situation schon einmal erlebt. Vor zwei Jahren, am 5. März 2024, setzte eine linksextreme Gruppe einen Strommast an der Autofabrik von Tesla in Brand.
Das Werk liegt direkt gegenüber vom Güterverteilzentrum Freienbrink, wo auch das Lidl-Verwaltungs- und Warenverteilzentrum seinen Sitz hat. In Unternehmen, Kliniken, Haushalten und Schulen in der Region fiel der Strom aus. „Neun Tage lang war der Strom weg“, erinnert sich René Esche. Deutschland ist ein Land mit stabiler Stromversorgung. Es war eine nie erlebte Ausnahmesituation für Esche und seine 220 Mitarbeiter. „Uns standen die Schweißperlen auf der Stirn, aber unsere Technik und unsere Prozesse haben funktioniert.“
Die „Nea“ springt ein
„Unsere Technik“, das ist vor allem die Netzersatzanlage, bei Lidl kurz „Nea“ genannt – im Alltag meist als Notstromaggregat bezeichnet. Man kann sich die „Nea“ vorstellen wie einen gewaltigen Schiffsdieselmotor. Wenn Haustechniker Mikail Sonar die 900-PS-Maschine für einen der regelmäßigen Tests startet, hört es sich zunächst an wie das Geräusch eines Traktormotors, das schnell zu einem gewaltigen Dröhnen anschwillt.
„Mit ihrer Leistung von 640 Kilowatt im Normalstundenbetrieb könnte die Anlage rein rechnerisch den Jahresstrombedarf von rund 1.200 Vier-Personen-Haushalten decken“, erläutert Sonar. Sobald der Netzstrom bei Lidl ausfällt, springt das Notstromaggregat an. Nach nur wenigen Minuten liefert die Anlage Energie. Damit konnte sich Lidl in Freienbrink im März 2024 neun Tage lang selbst komplett mit Strom versorgen. Die Kühlketten konnten aufrechterhalten, die gesamte Ware verlustfrei für die Versorgung der Filialen bereitgestellt werden, erläutert Esche.
Warenausgang: Hier stehen die Waren für die einzelnen Lidl-Filialen in Ostbrandenburg und Ostberlin zum Verladen bereit.
Alle 86 Lidl-Filialen zwischen Schwedt im Norden und Forst im Süden, zwischen Berlin-Lichtenberg und Frankfurt (Oder) konnten täglich beliefert werden. „Unsere Kundinnen und Kunden haben von dem Stromausfall nichts gemerkt.“
Stresstest für Technik und Team
Es war ein Stresstest für Technik und Team, den beide aus Sicht des Discounters gut bestanden haben. Dass am Ende alles reibungslos lief, erklärt der Geschäftsführer mit der Unternehmensphilosophie. „Wir wollen die gängigen Qualitätsstandards übertreffen.“ Deshalb würden Sicherheitsvorkehrungen strenger gehandhabt, als sie es nach technischen und administrativen Vorgaben eigentlich müssten. In dieses Konzept gliedert sich auch die Notstromversorgung ein.
Sie ist bei einem Stromausfall nicht nur entscheidend für die Kühlung, sondern auch für die Beleuchtung in den Hallen. Dort flitzen „Schnellläufer“ durch die Gänge. Das sind elektrische Transporter, die Waren bewegen. Ohne ausreichend Licht können die Mitarbeiter in den Hallen nicht sicher arbeiten.
Damit eine Ausnahmesituation bewältigt wird, kommt es aus Sicht der Lidl-Verantwortlichen auch auf eine regelmäßige Schulung der Belegschaft sowie eine gute Kommunikation und eingespielte Prozesse im Krisenfall an. Unternehmen brauchen dann eine rasche Information von Behörden und Energieversorgern für ihre eigene Planung. Nach dem Anschlag auf den Strommast 2024 hatten die kommunalen Verantwortlichen einen Krisenstab gebildet, der das Wiederhochfahren der Stromversorgung in Freienbrink koordinierte und Unternehmen informierte.
Aus dem mehrtägigen Stromausfall von 2024 hat der Lebensmitteleinzelhändler vor allem eines gelernt: „Mit unserem Sicherheitskonzept sowie unseren Standards und Prozessen können wir eine solche Situation gut beherrschen“, sagt René Esche. „Es hat sich gelohnt, dass wir präventiv in unsere Infrastruktur investiert haben.“
FORUM/Ina Matthes
Notstrom aus dem Batteriespeicher
Das Wildauer Unternehmen Gexx aeroSol hat sich auf erneuerbare Energien spezialisiert. Wie Systemlösungen mehr Unabhängigkeit schaffen.
Fällt der Strom aus, wird schnell deutlich, wie abhängig ein jeder, beruflich wie privat, an diesem Punkt ist. Während mit Batterien ausgestattete Geräte vorerst weiterlaufen, geht an vielen anderen Stellen gar nichts mehr.
Drei Anschläge haben gezeigt, wie verletzlich die Infrastruktur ist. Der Angriff auf einen Hochspannungsmast nahe der Gigafactory Grünheide (Mark) ließ im März 2024 rund 60.000 Haushalte, das Güterverkehrszentrum Freienbrink und Tesla im Dunkeln. Im September 2025 war ein Strommast in Berlin-Johannisthal für rund 60 Stunden aufgrund einer Attacke ausgefallen, wovon 50.000 Abnehmer betroffen waren. Der schwerste Ausfall der Nachkriegsgeschichte ereignete sich Anfang Januar 2026. 45.000 Berliner Haushalte und mehr als 2.000 Betriebe waren nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Lichterfelde bis zu vier Tage ohne Strom.
Platzsparend verbaut: Sam Vollmer, Elektrotechnikermeister bei Gexx aeroSol GmbH, installiert in einem Einfamilienhaus einen Ersatzstromblock. Der 16-kWh-Speicher mit Ersatzstromumschaltung kann - je nach Verbrauch - einen Haushalt ein bis zwei Tage versorgen.
„Das hat viele wachgerüttelt“, sagt Jochen Drepper. Der Elektroingenieur und Informatiker hat 2011 mit Marie Sophie Lafrentz die Gexx aeroSol GmbH gegründet. Die Firma, seit 2015 mit Sitz in Wildau, ist ein Full-Service-Dienstleister, bietet Energiewende-Lösungen aus einer Hand in Sachen Photovoltaik, Wärmepumpen, Speicher – von der Planung über die Installation bis hin zur Wartung. Und das auch hinsichtlich Ersatzstromversorgung. Die erhöhte Sensibilität bei diesem Thema führt der Unternehmer darauf zurück, dass ein massiver Stromausfall, ein Blackout, nichts Abstraktes mehr ist, sondern vielmehr ein vorstellbares Szenario.
Eigenes Risiko bewerten
Was tun, sei eine Frage, die aus verschiedenen Gründen in den Fokus rückt. Es gebe eine erhöhte Verunsicherung, sagt Drepper, der im Unternehmen für den technischen Vertrieb verantwortlich ist. Konkrete Ereignisse wie die geschilderten Anschläge seien nur ein Grund. Hinzu komme der zunehmend schwieriger stabil zu haltende Netzbetrieb, der mit dem Vormarsch erneuerbarer Energien zusammenhänge.
Referenzbeispiel: Gexx aeroSol hat bei der RiFlex GmbH in Brieselang ein ganzheitliches Energiesystem für mehr Unabhängigkeit vom Stromnetz und Notstromfähigkeit installiert. Herzstück ist die Photovoltaikanlage mit knapp 100 kWp kombiniert mit Speicher und Auto-E-Ladestation.
Kern-, Kohle- und Gaskraftwerke lieferten mehr Kontinuität. Als Punkt drei zählt der 41-Jährige den höheren Strombedarf in Haushalten auf, der auf den Betrieb von Wärmepumpen und Klimaanlagen sowie die zunehmende E-Mobilität zurückzuführen ist. Und dann ist da noch die Digitalisierung, die mit mehr Verwundbarkeit durch Cyberattacken einhergeht.
Jeder sei gut beraten, für sich die Risiken zu bewerten, privat wie geschäftlich. Was bleibt auf der Strecke, wenn der Strom ausfällt, und wie sehr schränkt das ein oder führt sogar zu Schäden? Welche Priorisierung gibt es für die Stromversorgung, was muss sein, was ist „nice to have“?
Jochen Drepper nennt als Beispiel einen mittelständischen Autohändler. Als unbedingt erforderlich sei die Sicherheit samt Überwachungstechnik einzuordnen. Es bedürfe der Aufrechterhaltung der Notbeleuchtung sowie der digitalen Sicherheit, um den Geschäftsbetrieb zumindest im Kern am Laufen zu halten. Dann käme das operative Tagesgeschäft, was Beleuchtung, Werkstattbetrieb, Klimatisierung umfasst. Funktionierende E-Ladesäulen hingegen seien eher eine Draufgabe, auch wenn sie natürlich für Kunden, denen zu Hause der Strom fehlt, helfen würden.
Wie rentiert sich ein Speicher?
Je nachdem, wie umfangreich ein solcher Betrieb abgesichert sein soll, bieten sich Ersatzstrom-Lösungen an. Dabei geht es um Speicher, die sich gut mit Photovoltaik kombinieren lassen, in ein bestehendes oder neu zu installierendes System integriert werden können. Hier gibt es laut Drepper „Standard-Pakete“ mit Kosten im niedrigen fünfstelligen Bereich, die sich binnen kurzer Zeit umsetzen lassen. Je größer aber der Strombedarf, umso komplexer die Betrachtung und deutlich höher die Kosten.
Für den Notfall Lösungen parat: Jochen Drepper leitet den technischen Vertrieb der von ihm 2011 mitgegründeten Gexx aeroSol GmbH. Der passende Speicher, gern gekoppelt mit Solar, liefert Reserven für den täglichen Bedarf und bei Stromausfällen im Netz.
„Ein Supermarkt oder ein Logistiker, bei dem die Klimatisierung verderblicher Waren eine Rolle spielt, sind eine ganz andere Hausnummer.“ Kommen für Durchschnittsverbraucher Speicher in Größe von Spinden in Frage, für die sich meist schnell ein Platz findet, ist beim Supermarkt oder Produktionsbetrieb eher von einem Container die Rede.
Aber lohnt die Anschaffung, wo doch Ausfälle trotz alledem eher selten sind? Hier verweist Drepper darauf, diese zusätzlichen Systeme nicht nur als Reserve, sondern im Alltag zu nutzen. Tageszeitlich veränderliche Tarife gestatten es, Strom zu kaufen, wenn er preiswert ist, und ihn als Puffer zu speichern.
PV-Anlage allein bietet keine Sicherheit
Und er lenkt das Augenmerk noch einmal auf Privathaushalte. Wer sich mit seiner PV-Anlage auf dem Dach in Sicherheit wiegt, habe diese nicht per se. „Es gibt knapp 5.000.000 Anlagen in Deutschland und 90 Prozent gehen bei Netzausfall aus, weil sie nicht ersatzstromfähig sind, keine Umschaltvorrichtung verbaut ist, die auf die Insellösung umlegt.“
Für den Notfall gerüstet: Ersatzstromsystem bei der RiFlex GmbH in Brieselang. Die beiden Speicherschränke (zusammen 124 kWh) nebst weiter Technik sorgen dafür, dass die Maschinen in der Schlauchproduktion bei Stromausfall zumindest für Stunden weiterlaufen.
Möglichkeiten, sich abzusichern, gibt es verschiedene. So könne vom Speicher direkt eine Steckdose abgezweigt werden, über die die wichtigsten Abnehmer versorgt werden. Komfortabler ist die „dreiphasige Ersatzstromfähigkeit mit solarer Nachlad- und Schwarzstartbarkeit“. Das bedeutet, dass auch mehrphasige Geräte (wie etwa der Herd) angeschlossen werden können, die Versorgung aus der PV-Anlage technisch sichergestellt ist und stets ein kleiner Teil Strom in der Batterie zurückbleibt, um die PV-Anlage nach einer Nachtphase neu hochzufahren. Drepper schätzt die Investition als gerechtfertigt ein. „Spätestens, wenn sich Rollo, Garagen- oder Gartentor nicht mehr bewegen, beginnt das Nachdenken.“
FORUM/Anke Beißer
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Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg
