FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 6996286
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 Thomas und Maria Görsdorf
Nachfolge finden - mit der IHK.

Die erste Frau nach 163 Jahren

Nach Gottlieb, August, Ernst, Wilhelm und Thomas kommt jetzt Maria. Maria Görsdorf. In der sechsten Generation übernimmt erstmals eine Frau das Zepter im „Gasthaus Görsdorf“ in Lindenberg bei Beeskow. Eine klassische Wirtin wird sie nicht sein. Maria Görsdorf tritt mit neuem Konzept an.
Seit 1863 existiert der Gasthof. An den Wänden hängen historische Fotos der Familie – Menschen, die dieses Haus durch gute und schwere Zeiten getragen haben. „Nur zwei Mal“, sagt Thomas Görsdorf, „musste der Gasthof schließen – zum Kriegsende und während Corona.“ Bis Ende Dezember 2025 war er der Chef. Vor 33 Jahren hatte Thomas Görsdorf das Haus von seinem Vater Wilhelm übernommen. Zu DDR-Zeiten wurde im rund 120 Personen fassenden Saal mit Bühne regelmäßig getanzt, später füllten Verkaufsveranstaltungen den Saal. Die Einheimischen blieben aus, erinnert sich Thomas Görsdorf. „Das à-la-carte-Angebot haben wir deswegen immer mehr reduziert.“
Daran hat sich bis heute wenig geändert. Das Haus steht weiterhin offen für Veranstaltungen aller Art, und seit 20 Jahren werden zusätzlich Übernachtungen angeboten: in neun rustikal eingerichteten Zimmern mit Frühstück.

Entscheidend war ein Traum

Mit 58 Jahren übergibt Thomas Görsdorf nun an seine 34-jährige Tochter. Seit dem 1. Januar 2026 führt Maria das Gasthaus. Ihr Vater unterstützt sie weiterhin im Betrieb.
Für beide war es ein großer Schritt. Maria Görsdorf hat eine sichere Position im Bankwesen aufgegeben – ein Beruf, in dem sie viel Erfahrung in Führung, Projekten und wirtschaftlichem Denken gesammelt hat. Gleichzeitig spürte sie, dass es Zeit für etwas Neues wurde, für einen Weg, der stärker ihren eigenen Werten entspricht.
Entscheidend war ein Traum: „Ich sah mich hinter der Theke, ich sah mich hier arbeiten.“ Als sie davon erzählte, sagte ihre Freundin: „Das bist doch DU.“ Dieser Satz wirkte nach – und brachte Klarheit.

Ort für Begegnungen

Maria lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter auf dem Lindenberger Grundstück, genauso wie ihr Bruder, ihre Großmutter Editha und natürlich ihr Vater. Sie kennt das Leben mit der Gaststätte seit ihrer Kindheit, hat immer mitgeholfen und weiß genau, was dieser Familienbetrieb bedeutet. „Ich bin stolz auf unsere Familientradition und ich möchte mit neuer Energie meine Werte umsetzen“, sagt die junge Frau. Ein sichtbares erstes Zeichen dafür ist die Erweiterung des Namens: „Sonnenhof – Gasthaus Görsdorf“.

Firmenevents und Yoga im Garten

Maria Görsdorf hat viele Ideen, wie sich der Gasthof weiterentwickeln kann. Sie denkt an gesundheitlich orientierte Team-Workshops oder Firmenevents, geführte Wanderungen, Kooperationen mit regionalen Partnern wie dem Wettermuseum oder der Alpakafarm.
„Yoga in unserem Garten – das sehe ich“, sagt sie. Netzwerken liegt ihr, ob mit Vereinen, anderen Institutionen in der Region oder dem Tourismusverband Seenland Oder-Spree. Schon jetzt treffen sich die Line Dancer bei Görsdorfs. Denkbar wären auch Jugendtanz für 12- bis 16-Jährige oder ein Tanztee für Ältere. „Die Menschen auf dem Land brauchen Orte der Begegnung“, sagt sie. „Ich übernehme den Gasthof nicht vorrangig, um Geld zu verdienen, sondern weil ich etwas Sinnvolles schaffen möchte. Ich folge meinem Herzen.“
Als Maria Görsdorf im Dezember eine große Weihnachtsfeier moderierte, war ihr Vater beeindruckt: „Sie kann gut mit Menschen umgehen. Man hat sofort das Gefühl, bei ihr gut aufgehoben zu sein.“

Kooperation statt Konkurrenz

Wie ihr Vater wird auch sie keine klassische Gastronomie anbieten – dafür fehlen im Dorf die regelmäßigen Tagesgäste. In Lindenberg gibt es zudem die Gaststätte Luther, die Essen anbietet. Konkurrenzdenken liegt ihr fern: Für Maria Görsdorf steht im Vordergrund, dass sich beide Häuser mit ihren unterschiedlichen Angeboten gut ergänzen und das Dorf gemeinsam bereichern. Der „Sonnenhof“ konzentriert sich dabei auf Übernachtungen und Veranstaltungen, während die Gaststätte Luther den kulinarischen Teil übernimmt. Zusammenarbeit statt Gegeneinander – das ist ihr wichtig.
Reguläre Öffnungszeiten gibt es derzeit nicht – der Gasthof öffnet zu gebuchten Veranstaltungen. Zimmer können über booking.com oder telefonisch reserviert werden. Die Gäste sind meist Monteure oder Touristen, die ein bis zwei Nächte bleiben. Maria und ihr Vater blicken optimistisch in die Zukunft und planen Investitionen mit Bedacht. Auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit wurde Maria Görsdorf von der IHK Ostbrandenburg intensiv unterstützt. Der Stammtisch junger Gründer gab ihr wertvolle Kontakte, ein dreitägiges Seminar in Fürstenwalde bot einen kompakten Überblick über Steuern, Gründung und Unternehmensnachfolge.

Kritisch sieht sie jedoch das Schulsystem, das junge Menschen kaum auf eine berufliche Selbstständigkeit vorbereitet. Auch der Behördenweg war oft mühsam: „Alle sind freundlich, aber oft weiß keiner so richtig Bescheid. Es müsste jungen Menschen leichter gemacht werden, den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen.“
FORUM/Ruth Buder
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Elisabeth Nepke
Projektmitarbeiterin Nachfolge
Regionalcenter Oderland