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Von 100 Grad Hitze auf minus 38 Grad Frost
Die Feinschmecker Hefekloß GmbH hat auf Initiative der IHK Ostbrandenburg ihren CO2-Fußabdruck ermittelt. Neue Technik, veränderte Steuerung und auch die Vier-Tage-Woche sparen Energie. An einer Stelle aber stößt das Unternehmen an Grenzen – und hofft auf Unterstützung aus der Wissenschaft.
Die Karriere des Hefekloßes begann als Lückenfüller. Zu DDR-Zeiten wurde im VEB Kombinat Oderfrucht in Frankfurt (Oder) Gemüse gefrostet. Nachdem im Herbst auch der letzte Grünkohl verarbeitet war, klaffte eine Winterlücke. Diese füllte der Betrieb ab den 1960er-Jahren mit der Produktion von Hefeklößen, die in der DDR zu einer beliebten Beilage aufstiegen.
Gemüse wird in Frankfurt (Oder) längst nicht mehr verarbeitet. Stattdessen sind die Teigwaren zum Hauptprodukt geworden: Heute stellt die Feinschmecker Hefekloß GmbH pro Jahr ca. 1.000 Tonnen Klöße her. Als Tiefkühlware werden sie in fast allen Supermarktketten in ganz Ostdeutschland angeboten.
Vom Lückenfüller zum Hauptprodukt: Seit den 1960er Jahren werden in Frankfurt (Oder) Hefeklöße hergestellt.
In einem Projekt der IHK Ostbrandenburg und des Dienstleisters The Future Living aus Erkner hat das Unternehmen nun ermittelt, wie viel CO2 bei Produktion und Vertrieb seiner Klöße frei wird. „Die IHK hat den Anstoß dazu gegeben. Von selbst hätten wir das wohl nicht gemacht“, sagt Geschäftsführerin Gudrun Adamietz, die gemeinsam mit Gerd-Harry Schulz das Unternehmen leitet.
Im vergangenen Sommer hatte das Unternehmen die CO2-Bilanzierung für 2024 mit einem Zertifikat abgeschlossen: Insgesamt wurden demnach 2024 rund 2.600 Tonnen Kohlendioxid durch die Geschäftsaktivitäten der Feinschmecker Hefekloß GmbH frei. Zwar ist dieser Wert zunächst abstrakt – vergleichbare Zahlen ähnlicher Hersteller sind dem Unternehmen nicht bekannt. Aber durch die Bilanzierung haben die Unternehmer Prozesse im Betrieb neu hinterfragt und teils verändert.
Den Gasverbrauch um bis zu 30 Prozent gedrückt
Ein großer Anteil des Kohlendioxids wird durch den Energieverbrauch bei der Hefekloß-Produktion freigesetzt. Erst werden die handtellerkleinen Teiglinge stufenweise bis zu 100 Grad Wärme ausgesetzt, damit sie schön aufgehen. Anschließend kommen sie in den Froster – bei minus 38 Grad. Dafür benötigt Feinschmecker Hefekloß im Jahr bis zu 1,2 Millionen Kilowattstunden (kWh) Erdgas und 400.000 kWh Strom, den der Betrieb teils in einem eigenen Blockheizkraftwerk erzeugt. Die Energiekrise 2022 zwang dazu, vor allem den Gasbezug deutlich zu senken. Durch eine effizientere Steuerung von Prozessen und technische Verbesserungen ist es dem Unternehmen gelungen, bis zu 30 Prozent weniger Gas im Jahr zu verbrauchen.
Die CO2-Bilanzierung hat jetzt weitere Sparmöglichkeiten aufgezeigt. Ein Beispiel: Dank eines neuen Kompressors und einer veränderten Steuerung verbrauchen die Kühlzellen im Lager des Betriebs jetzt weniger Strom. „Es sind solche kleinen Schritte, mit denen wir vorankommen“, sagt Schulz.
Dazu zählen auch die Rückgewinnung von Abwärme des Blockheizkraftwerks und der Kälteanlagen, die Umstellung auf LED-Beleuchtung – und sogar die Vier-Tage-Woche. Sie soll zwar vor allem die Arbeitsbedingungen attraktiver machen, drückt aber zugleich etwas den Energieverbrauch. Die 15 Beschäftigten arbeiten zeitversetzt in Zehn-Stunden-Schichten von 3.30 Uhr bis 17 Uhr. Energetisch ist das sinnvoll. Wenn die Anlagen länger laufen, kühlen sie weniger aus und es wird weniger Energie zum Vorheizen beim Produktionsstart am nächsten Tag benötigt.
Die Geschäftsführer von Feinschmecker Hefekloß, Gerd-Harry Schulz und Gudrun Adamietz, nehmen das Zertifikat von Charlotte Francke und Rebecca Jäger von The Future Living entgegen (v. l.).
Andere Klimaschutzoptionen lohnen sich für das Unternehmen dagegen nicht. Eine Solaranlage auf dem Dach zum Beispiel ist aus Sicht der Geschäftsführung noch zu teuer. Außerdem fehle eine verlässliche Energiepolitik in Deutschland. Zu vieles ist für Gerd-Harry Schulz derzeit ungewiss – welche Rolle Wasserstoff künftig spielt, wie die Elektrifizierung vorangetrieben werden soll. Angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Situation hält sich der Lebensmittelproduzent wie so viele Unternehmen beim Investieren zurück. Geld wird vor allem in Ersatzinvestitionen gesteckt, mit denen dann auch Energie gespart werden soll.
Was tun mit der Abwärme?
Bei manchen Produktionsschritten stößt das Unternehmen dabei allerdings an Grenzen. Ein Beispiel ist die Anlage zum Dämpfen der Klöße. Das ist eine 20 Meter lange, von Wasserdampf durchströmte Röhre. Die Teigstücke schweben durch die Röhre und gehen dabei zu fluffigen Klößen auf. Trotz Isolierung wird dabei immer noch viel Wärme frei. Sie als Abwärme zu nutzen, wäre nicht wirtschaftlich. Dafür fehlt der Bedarf im Betrieb, erläutert Gudrun Adamietz. Dieses Problem könnte ein interessantes Thema für eine wissenschaftliche Arbeit sein. Die beiden Geschäftsführer wollen gern mit Brandenburger Hochschulen zusammenarbeiten. So könnten Ansätze für wirtschaftlich sinnvolle Lösungen gefunden werden.
Die Kloßproduzenten haben aber nicht nur berechnet, welche Emissionen in der Produktion selbst entstehen. Auch der Transport und der Kohlendioxid-Ausstoß bei der Herstellung von Rohstoffen wie Mehl und Verpackungsmaterial wurden teils einbezogen – mit überraschenden Ergebnissen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Verpackung dabei so stark ins Gewicht fällt“, sagt Gudrun Adamietz. Die Klöße werden als Tiefkühlware in Pappkartons oder Kunststoffbeuteln ausgeliefert. Die beiden Unternehmer denken darüber nach, auf Papierverpackungen mit einer besseren Klimabilanz umzustellen. Allerdings müsste zuvor getestet werden, ob die 18 Monate Mindesthaltbarkeitszeit der Klöße damit gewährleistet werden können.
Verpackung: Die Klöße werden in Kunststoffbeuteln oder Pappe ausgeliefert. Das Unternehmen will auch hier umweltfreundlicher werden.
Außerdem müssen die Verpackungsmaschinen das neue Material verarbeiten können. „Das setzt man nicht in ein paar Monaten um, das dauert Jahre“, sagt Gerd-Harry Schulz. Konkrete Pläne gibt es noch nicht, aber die Geschäftsführer wollen am Thema Verpackung dranbleiben. Und an der CO2-Bilanz – sie soll fortgesetzt werden. Es sei gut zu wissen, wo das Unternehmen steht, meint Gerd-Harry Schulz. „Da kann man weiter daran arbeiten und das wollen wir tun.“ Mit dem CO2-Zertifikat wollen die Unternehmer gut vorbereitet sein auf künftige Forderungen des Handels.
FORUM/Ina Matthes
CO2-Zertifizierung - Wie läuft das ab? Grundlage für das Ermitteln von Treibhausgasbilanzen ist das Greenhouse Gas Protocol (GHG). Die Emissionen eines Unternehmens werden dabei in drei verschiedenen Kategorien – Scopes genannt – erfasst.
• Scope 1: Direkte Emissionen aus Quellen, die ein Betrieb selbst besitzt oder kontrolliert (z. B. Prozesswärme, Emissionen aus Fahrzeugen).
• Scope 2: Indirekte Emissionen, die durch den Bezug von Strom, Dampf, Wärme oder Kälte aus externen Quellen entstehen.
• Scope 3: Indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette durch Lieferanten von Rohstoffen, Kunden oder Transport. Das GHG-Protokoll schreibt vor, alle Scope-1- und Scope-2-Emissionen zu bilanzieren. Bei Scope-3-Emissionen ist das optional, wird aber empfohlen, weil sie häufig den größten Teil des CO2-Fußabdrucks eines Unternehmens ausmachen. FORUM/RED
• Scope 1: Direkte Emissionen aus Quellen, die ein Betrieb selbst besitzt oder kontrolliert (z. B. Prozesswärme, Emissionen aus Fahrzeugen).
• Scope 2: Indirekte Emissionen, die durch den Bezug von Strom, Dampf, Wärme oder Kälte aus externen Quellen entstehen.
• Scope 3: Indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette durch Lieferanten von Rohstoffen, Kunden oder Transport. Das GHG-Protokoll schreibt vor, alle Scope-1- und Scope-2-Emissionen zu bilanzieren. Bei Scope-3-Emissionen ist das optional, wird aber empfohlen, weil sie häufig den größten Teil des CO2-Fußabdrucks eines Unternehmens ausmachen. FORUM/RED
Kontakt
Jens Jankowsky
Referent Innovation/Energie
Geschäftsbereich Wirtschaftspolitik
