Brandenburger Einschätzungen zum Auslandsgeschäft 2022

“Going International 2022 – Auswertung Brandenburg” fasst die Brandenburger Ergebnisse der jährlich vom DIHK in Kooperation mit den IHKs in Deutschland durchgeführte, bundesweite Außenwirtschaftsumfrage zusammen. Dabei spiegeln die Ergebnisse die Einschätzungen der regionalen Unternehmerschaft  vor dem militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine seit dem 24.2.2022 wider.

Wesentliche Ergebnisse im Überblick


1.    Gute Geschäftschancen im EU-Binnenmarkt und den USA
Die Brandenburger Unternehmen sehen bereits Anfang Februar 2022 eher verhalten auf das restliche Geschäftsjahr 2022 (Saldo von minus 10). Einzig dem EU-Binnenmarkt (Saldo von plus 9) und den USA (Saldo von plus 3) werden noch gute Geschäftschancen eingeräumt. Der türkische Markt wird perspektivisch am schlechtesten bewertet (Saldo von minus 44). Aufgrund zunehmender Handelshemmnisse  erwarten regionale Unternehmen bereits zu Jahresbeginn weitere Verschlechterungen der Geschäftschancen mit Russland (Saldo von minus 31).

2.    Polen bleibt Top-Handelspartner
Polen ist auch 2021 wieder der wichtigste Exportpartner Brandenburgs. Acht von zehn Firmen mit Auslandsgeschäft waren hier 2021 aktiv (vgl. Außenwirtschaftsumfrage der LAG Brandenburg 2021). Die Einschätzungen der aktuellen Geschäftslage auf dem polnischen Markt haben sich für das Frühjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 10 Punkte verbessert (vgl. AHK World Business Outlook Frühjahr 2021 und 2022). 

3.    Trotz „Brexit“: Vereinigtes Königreich weiterhin wichtiger Handelspartner
Der britische Markt bleibt auch 2022 einer der am schlechtesten bewerteten im Brandenburger Ranking. Nichtsdestotrotz war das Land 2021 der viertwichtigste Exportpartner Brandenburgs. Durch das Ende der Übergangsphase und den Start des neuen Abkommens mit der EU entsteht nun zunehmend Rechtssicherheit. Im Verlauf des Jahres erwarten die Firmen eine sichtbare Verbesserung der Geschäftslage um fast zehn Punkte. 

4.    Verbesserte Geschäftsperspektiven für neue Märkte
Brandenburger Firmen sehen zunehmend bessere Geschäftsperspektiven in neuen Zielmärkten außerhalb der Haupthandelspartner. Für Subsahara- und Nordafrika, den Nahen Osten und auch Süd- und Mittelamerika werden tendenziell weniger hinderliche Rahmenbedingungen erwartet. Sie wagen sich laut der Vorjahresumfrage aber auch zunehmend an neue Märkte heran und sind bereit, sich den mitunter hohen Herausforderungen dieser Märkte zu stellen.

5.    Normales Auslandsgeschäft auch Anfang 2022 nicht möglich
Pandemie-unabhängig attestieren vier von zehn Firmen für 2021 vermehrte Handelshemmnisse, etwa bei Sanktionen und Zertifizierungspflichten. Jedes zweite Unternehmen in Brandenburg sieht seine Auslandsgeschäfte auch 2022 durch Corona-bedingte Messe- und Veranstaltungsausfälle sowie Reiseeinschränkungen gestört. Ein normales Auslandsgeschäft auf dem Niveau vor Beginn der Pandemie ist auch weiterhin nicht möglich.
 
6.    Hoher Anpassungsdruck durch Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz
Um Menschenrechts- und Umweltstandards besser einzuhalten, nutzen ein Fünftel der Brandenburger Unternehmen bereits Zertifikats- und Audit-Prozesse. Trotzdem befürchten die Firmen mehr Bürokratie, Kosten und Wettbewerbsnachteile. Insbesondere bei der Überprüfung von Zulieferern und der Überprüfung ihrer Lieferketten sehen sie große Schwierigkeiten bei der Umsetzung und noch Unterstützungsbedarf.

Herausforderungen für die Brandenburger Außenwirtschaft

1.    Handelshemmnissen bewältigen, Kontakte zu verlässlichen Zielmärkten stärken
Lokale Zertifizierungsanforderungen, zusätzliche Produktprüfungen, vermehrte Sanktionen, aber auch pandemie-bedingte Einschränkungen etwa beim Messeangebot oder grenzüberschreitenden Dienstleistungen behindern die weitere Erholung der Außenwirtschaft. 
 
2.    Geschäftsbeziehungen und Lieferketten neu sortieren
Brandenburger Unternehmen müssen mit bestehenden pandemiebedingten Lieferengpässen, Rohstoffmangel, sich verändernden Vorgaben beim Marktzugang und notwendigen Anpassungen an Menschenrechts- und Umweltstandards umgehen. Viele Firmen versuchen ihre Risiken entlang der Wertschöpfungskette durch die Ausweitung ihrer Bezugs- beziehungsweise Zielmärkte zu minimieren. 
 
3.    Anpassungsprozesse hin zu erweiterten unternehmerischen Sorgfaltspflichten angehen
Die Ausweitung der unternehmerischen Sorgfaltspflichten auf weitere Menschenrechts- und Umweltstandards macht für Brandenburger Firmen die Überprüfung ihrer Geschäftspartner und Wertschöpfungsketten notwendig, verlangt teilweise neue vertragliche Vereinbarungen und vor allem Prozesse, die ein effizientes Beobachten der Einhaltung der Standards erlauben. 
 
4.    Langfristige Strategien formulieren und an neue Anforderungen anpassen
Die weltweite Pandemie, Lieferengpässe und zunehmende Handelshemmnisse erhöhen die Notwendigkeit resilienter Lieferketten, neue Zielmärkte werden ins Visier genommen, Menschenrechts- und Umweltstandards spielen in unternehmerische Entscheidungen zunehmend eine Rolle – vor diesem Hintergrund benötigen Brandenburger Unternehmen langfristige Strategien für ihr Außenwirtschaftsgeschäft. 
 

Methodik und Stichprobe “Going International”

“Going International 2022 – Auswertung Brandenburg” fasst die Brandenburger Ergebnisse der jährlich vom DIHK in Kooperation mit den 79 IHKs in Deutschland durchgeführte, bundesweite Außenwirtschaftsumfrage zusammen. Alle drei Kammern des Landes Brandenburg, das heißt die IHK Potsdam, die IHK Cottbus sowie die IHK Ostbrandenburg, haben sich an der Umfrage beteiligt. 142 Unternehmen aus ganz Brandenburg haben an der Umfrage teilgenommen. Ihre Antworten bilden die Datenbasis für die vorliegende Auswertung.
Die Umfrage ist vom 31. Januar bis 11. Februar 2022 durchgeführt worden. Damit spiegelt die Umfrage die Einschätzungen der regionalen Unternehmerschaft vor dem militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine seit dem 24.2.2022 wider.
Der überwiegende Teil (94 Prozent) der antwortenden Firmen aus Brandenburg hat weniger als 250 Mitarbeiter. Beinahe vier von zehn der teilnehmenden Unternehmen stammen aus der Industrie, etwas weniger als ein Drittel aus dem Dienstleistungsbereich und 13 Prozent aus dem Handel.

Aktualität der Ergebnisse

Die Ergebnisse von “Going International 2022 – Auswertung Brandenburg” spiegeln die Einschätzungen der regionalen Unternehmerschaft  vor dem militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine seit dem 24.2.2022 wider. 
Die aktuellen Entwicklungen in der Außenwirtschaft – allen voran der Krieg in der Ukraine –  verstärken die Tendenzen, die die Ergebnisse der Going International – Umfrage für Brandenburger Unternehmen aufzeigen. Das belegt die Brandenburger Auswertung der DIHK-Blitzumfrage zum Krieg in der Ukraine aus dem März diesen Jahres: 
  • Beinahe jedes siebte Brandenburger Unternehmen (67 Prozent) ist u.a. wegen steigender Preise, Transportproblemen, zunehmender Rechtsunsicherheit und Handelshemnissen indirekt betroffen
  • 16 Prozent der Firmen ist direkt betroffen
  • jedes sechste Unternehmen rechnet/ ist bereits mit Störungen der Lieferketten und Logistik konfrontiert
  • 26 Prozent der Firmen erwarten/ rechnen mit dem Verlust von Geschäftspartnern bzw. dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen
Zusätzlich kommen nun sich weiter erhöhende Kosten für Energie, Rohstoffe und Vorleistungen hinzu: Laut Blitzumfrage erwarten/ haben bereits neun von zehn Brandenburger Unternehmen höhere Energiekosten, jedes siebte Unternehmen erwartet/ hat bereits mit höheren Kosten für Rohstoffe und Vorleistungen zu kämpfen.
Die Brandenburger Industrie rechnet (Stand Mai 2022)  mit signifikanten Rückgängen im Export (IHK-Konjunkturbericht Jahresbeginn 2022: Saldo von plus 1,5, IHK-Konjunkturbericht Frühjahr 2022: Saldo von minus 28). Diese Einschätzungen decken sich mit den Tendenzen auf Bundesebene: 29 Prozent der deutschen Industrieunternehmen erwarten sinkende Exporte, nur jedes fünfte Unternehmen rechnet mit steigenden Ausfuhren (vgl. DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2022).