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Nr. 7069312
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„Weniger Bürokratie bedeutet mehr Freiraum“

Maike Tallen ist Fachanwältin für Insolvenz- und Sanierungsrecht. Zudem ist sie Notarin und Insolvenzverwalterin. Die von ihr mitgegründete Tallen Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB in Meppen ist auf Restrukturierung, Sanierung, Insolvenzverwaltung und Unternehmensnachfolge spezialisiert. Ehrenamtlich engagiert sich Maike Tallen unter anderem im Regionalausschuss Emsland unserer IHK.
_ Frau Tallen, die Wirtschaftslage ist sehr angespannt. Haben Sie als Insolvenz- und Sanierungsexpertin in diesen Tagen mehr zu tun als sonst?
Die wirtschaftliche Situation spüre ich in meiner täglichen Arbeit sehr stark. Wir befinden uns in der längsten Phase ohne Wirtschaftswachstum in der Geschichte der Bundesrepublik. Stellen Sie sich vor: Jeden Tag gehen in Deutschland etwa 60 Unternehmen in die Insolvenz. Das sind nicht nur Zahlen auf dem Papier, sondern Schicksale – Familienunternehmen, die seit drei Generationen bestehen, Arbeitsplätze in unseren Dörfern und Städten, die verschwinden. Ich erlebe das hautnah. Der Inhaber, der mir mit Tränen in den Augen erzählt, dass er die Werkstatt seines Vaters schließen muss. Die Angestellte, die nach 25 Jahren ihren Arbeitsplatz verliert. Das ist die Realität hinter den Statistiken. Die Nachfrage nach präventiver Sanierungsberatung wächst ebenfalls, da Unternehmen versuchen, frühzeitig auf die wirtschaftlichen Herausforderungen zu reagieren.
_ In einer IHK-Umfrage zur Bürokratiebelastung beklagen zahlreiche Unternehmen eine Zunahme der Bürokratie in den vergangenen fünf Jahren. Viele sehen in der Bürokratie ein großes Hemmnis für ihre wirtschaftliche Tätigkeit. Nehmen Sie in Ihren Beratungen dies auch wahr?
Ja, das entspricht voll und ganz meinen Erfahrungen. Ein Bauunternehmer, der eigentlich auf der Baustelle stehen sollte, sitzt stattdessen am Schreibtisch und füllt Formulare aus. In dieser Zeit hätte er ein kleines Wohnhaus renovieren können. Stattdessen sortiert er Belege und schreibt Berichte. Das frustriert nicht nur, es macht wütend.
_ Gibt es besonders relevante Bürokratiehemmnisse im Mittelstand, die Ihnen aus Ihrer Arbeit mit Unternehmen häufig geschildert werden?
Besonders belastend ist die Flut an Nachweis- und Dokumentationspflichten. Ein Handwerksbetrieb mit 15 Mitarbeitern verbringt rund 15 Stunden pro Woche allein damit, Belege zu sortieren und Berichte zu schreiben. In dieser Zeit könnte der Meister Kunden besuchen, ein Angebot schreiben oder seine Mitarbeiter schulen. Stattdessen sortiert er Papier. Das ist Zeit, die dem Geschäft fehlt. Und die auf der Rechnung nie auftaucht. Der Datenschutz ist ein weiteres Bürokratiehemmnis. Das Problem ist nicht die DSGVO selbst, sondern wie sie ausgelegt wird. Aufsichtsbehörden fordern oft das Maximum, statt auf die Realität zu schauen: Ein Bäcker, der drei Bestellungen am Tag entgegennimmt, braucht keine 50-seitige Datenschutzrichtlinie. Er braucht eine Lösung, die funktioniert – und nicht noch mehr Papier.
_ Haben Sie weitere Beispiele?
Planungs- und Genehmigungsverfahren sind oftmals nicht nur ein Bürokratiehemmnis sondern führen zu existenziellen Problemen. Ein Unternehmen möchte eine neue Produktionshalle bauen – und wartet 18 Monate auf die Baugenehmigung. Der Unternehmer hat den Auftrag schon in der Tasche, die Finanzierung steht bereit. Dann beginnt das Warten. Monat für Monat steigen die Materialkosten um 15 %. Der Kunde wird ungeduldig, droht abzuspringen. Die Bank fragt nach der Zwischenfinanzierung. Was im Gesetz ‚Planungsverfahren‘ heißt, wird zur Zitterpartie. Am Ende steht vielleicht die Genehmigung – aber der Auftrag ist weg, die Kosten explodieren, das Unternehmen steht mit leeren Händen da. Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass wir im Emsland mit Dr. Michael Kiehl und Martina Kruse vom Landkreis Emsland an entscheidenden Stellen Personen haben, die sich aktiv für Prozessbeschleunigungen und eine stärkere Wirtschaft einsetzen.
_ Wie ist das bei Anträgen?
Gerade der Umfang von Antragsunterlagen ist ein ständiger Quell der Frustration. Ein Unternehmen beantragt eine Förderung, um dann vier Wochen auf die Antwort zu warten. Dann kommt die Post: ‚Formular 3b fehlt die Unterschrift auf Seite 4‘ oder ‚Anlage 7 ist nicht unterschrieben‘. Jetzt beginnt das Spiel von vorne: Formular drucken, unterschreiben, zur Post bringen, wieder warten. Auch der Digitalisierungsrückstand in der Verwaltung ist frustrierend. Unternehmen arbeiten längst digital. Aber bei der Behörde endet die Digitalisierung häufig: Ein Unternehmen meldet sich online an – und bekommt dann die Nachricht: ‚Bitte unterschreiben Sie das Formular und senden Sie es uns per Post zu‘. Das ist wie ein Rückfall in die Papierzeit. Das Unternehmen muss alles ausdrucken, unterschreiben, einpacken, zur Post bringen. Die Behörde scannt es wieder ein. Doppelarbeit für beide Seiten – und das im Jahr 2026.
_ Ministerpräsident Olaf Lies hat auf unserem IHK-Neujahrsempfang angekündigt, dass eine Vielzahl von Berichts- und Statistikpflichten durch die Landesregierung ausgesetzt werden soll. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Diesen Schritt begrüße ich ausdrücklich – aber mit einem wichtigen Vorbehalt: Ankündigungen sind gut, Umsetzung besser. Ich erlebe in meiner Praxis täglich, wie sehr Unternehmer darauf warten, dass aus Worten Taten werden.
_ Welche Maßnahmen sind aus Ihrer beruflichen Praxis hilfreich, um Unternehmen von bürokratischen Hemmnissen zu entlasten?
Die Entlastung der Unternehmen braucht aus meiner Sicht drei Hebel:
1. Praxisprüfung statt Schreibtischpolitik: Bevor ein Gesetz verabschiedet wird, muss es in der Praxis getestet werden – wie ein Auto vor der Serienproduktion. Wenn ein Ingenieur ein neues Auto am Computer entwirft, sieht es perfekt aus. Alle Berechnungen stimmen. Aber erst wenn das Auto auf der Teststrecke fährt, merkt man: Der Rückspiegel ist zu klein, der Tankdeckel klemmt, der Motor ist zu laut. Genauso ist es bei Gesetzen: Im Ministerium sieht alles logisch aus. Aber erst in der Praxis zeigt sich, was wirklich funktioniert. Deshalb brauchen wir verpflichtende Praxis-Checks für jedes neue Gesetz.
2. Digitalisierung statt Papierkram: Genehmigungsverfahren müssen zügig und transparent ablaufen. Aber Digitalisierung ist mehr als nur PDF-Formulare im Internet. Sie bedeutet durchgängig digitale Prozesse.
3. Weniger Bürokratie, mehr Freiraum: Hier braucht es Mut zum Streichen – und zwar radikal. Die ‚One-in-one-out‘-Regelung klingt gut, aber sie reicht nicht. Wenn eine neue Regel kommt und eine alte wegfällt, bleibt die Last gleich. Wir brauchen weniger, nicht nur anders.
_ Warum ist das alles so wichtig?
Weniger Bürokratie bedeutet mehr Freiraum für das, was Unternehmen wirklich können: Produkte entwickeln, Kunden gewinnen, Arbeitsplätze schaffen. Als Restrukturierungsexpertin wünsche ich mir, dass die Unternehmen aus unserer Region diese Entlastung bald spüren – nicht als Versprechen, sondern als Realität. Denn Bürokratieabbau ist kein Selbstzweck. Er ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft.

Robert Alferink
Recht und Steuern
Projektleiter