Volkswirtschaft und Konjunktur

Konjunktur­bericht Nord­schwarz­wald

Stabile Lage, aber kein Aufschwung: Wirtschaft im Nord­schwarz­wald bleibt vorsichtig

Die regionale Wirtschaft im Nordschwarzwald hat sich gegenüber dem Vorjahr spürbar stabilisiert. Ein tragfähiger Aufschwung bleibt jedoch aus. Zentrale Frühindikatoren wie Auftragseingänge und Geschäftserwartungen haben sich zuletzt wieder eingetrübt. Das ist das zentrale Ergebnis der aktuellen Frühsommer-Konjunkturumfrage 2026 der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald.
„Die Talsohle des Vorjahres haben wir hinter uns gelassen. Aber aus Stabilisierung ist noch kein Aufschwung geworden“, betont IHK-Präsidentin Claudia Gläser. „Auftragseingänge und Erwartungen zeigen, dass die Unternehmen weiterhin sehr vorsichtig bleiben. Jetzt kommt es darauf an, aus dieser Stabilisierung wieder echte Wachstumsperspektiven zu machen.“
Rund 260 Unternehmen wurden zwischen dem 13. April und dem 30. April 2026 befragt. Die aktuelle Konjunkturumfrage ist die zweite dieses Jahres. Die erste wurde Anfang des Jahres erhoben, die dritte findet in der Regel nach den Sommerferien als Herbstumfrage statt. Mit einer Rücklaufquote von knapp 40 Prozent können die Ergebnisse der Befragung als valide und belastbar bewertet werden.
Die IHK-Konjunkturumfragen sind Teil einer bundesweiten Erhebung: Zeitgleich führen alle 79 Industrie- und Handelskammern in Deutschland vergleichbare Befragungen durch. Damit stützt sich das Verfahren auf zehntausende direkte Rückmeldungen aus den Unternehmen – eine einzigartige Datengrundlage, die sich klar von modellbasierten Berechnungen wirtschaftswissenschaftlicher Institute unterscheidet.

Geschäftslage stabilisiert sich im Nordschwarzwald – Erwartungen kippen wieder ins Minus

Die Wirtschaft im Nordschwarzwald hat sich vom schwachen Vorjahr gelöst, findet aber noch keinen tragfähigen Aufschwung. In der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Nordschwarzwald bleibt die Geschäftslage im Saldo leicht positiv, während Auftragseingänge und Geschäftserwartungen wieder ins Minus drehen. Besonders im produzierenden Bereich bleibt die Entwicklung zurückhaltend. Investiert wird zwar wieder etwas häufiger, aber vor allem in Ersatz und Digitalisierung – nicht in Expansion. Daneben rücken in vielen Unternehmen auch Innovationen wieder stärker in den Fokus.
Die überregionalen Konjunkturdaten senden derzeit ein gemischtes Signal. Das Statistische Bundesamt meldet für das erste Quartal 2026 ein BIP-Plus von 0,3 Prozent und für März steigende Industrieaufträge. Gleichzeitig lag die Inflationsrate im April voraussichtlich bei 2,9 Prozent, die Energiepreise sogar 10,1 Prozent über Vorjahr. Parallel dazu fiel im April der Geschäftsklimaindex des ifo Institut auf 84,4 Punkte auf den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Diese widersprüchliche Gemengelage spiegelt sich auch in der regionalen Wirtschaft des Nordschwarzwalds wider.

Geschäftslage

Der Saldo der aktuellen Geschäftslage liegt im Frühjahr 2026 bei +3,0 und damit nahezu auf dem Niveau des Jahresbeginns mit +3,6. Gegenüber dem Frühjahr 2025 mit -5,3 zeigt sich eine spürbare Verbesserung. Von einer breiten Erholung kann dennoch noch nicht gesprochen werden. Dafür bleibt die wirtschaftliche Dynamik insgesamt zu verhalten, insbesondere in der Industrie.
Dort liegt der Saldo der Geschäftslage aktuell bei -7,7. Damit bleibt die Lage zwar herausfordernd, zugleich zeigen sich aber erste Stabilisierungstendenzen: Der Wert hat sich gegenüber dem Jahresbeginn (-10,5) verbessert, und auch der Anteil der Unternehmen mit guter Geschäftslage ist leicht gestiegen.

Auftragseingang

Dass die Aufschwungskräfte fehlen, zeigen die Frühindikatoren. Der Auftragseingang fällt auf -8,2 zurück, nachdem er zum Jahresbeginn kurz positiv war.
In der Industrie bleibt die Auftragsentwicklung verhalten. Der Saldo liegt aktuell bei -10,7 Punkten und damit unter dem Wert vom Jahresbeginn, als noch ein ausgeglichener Saldo von 0,0 Punkten erreicht wurde. Auch gegenüber dem Frühjahr 2025 mit -4,9 Punkten hat sich die Bewertung eingetrübt. Zwar berichtet gut ein Viertel der Unternehmen von steigenden Auftragseingängen, zugleich melden jedoch mehr Betriebe rückläufige Bestellungen. Die Nachfrageentwicklung bleibt damit ein zentraler Unsicherheitsfaktor für die weitere Erholung der Industrie.
„Der Blick auf die Frühindikatoren zeigt deutlich, warum wir noch nicht von einem belastbaren Aufschwung sprechen können“, erläutert IHK-Hauptgeschäftsführerin Tanja Traub. „Der Auftragseingang fällt wieder ins Minus, und auch die Geschäftserwartungen haben sich eingetrübt. Die Unternehmen blicken trotz stabilerer Lage mit Vorsicht auf die kommenden Monate.“

Umsatz- und Ertragslage

Der Umsatzsaldo liegt im Frühjahr 2026 mit +5,9 Punkten weiterhin im positiven Bereich. Damit bleibt die Umsatzentwicklung nahezu auf dem Niveau des Jahresbeginns 2026, als der Saldo bei +6,8 Punkten lag. Gegenüber dem Frühjahr 2025 mit -20,7 Punkten zeigt sich jedoch eine deutliche Verbesserung. Auch im Vergleich zum Herbst 2025 mit -5,2 Punkten hat sich die Umsatzlage spürbar aufgehellt.
Die Ertragslage bleibt dagegen weiterhin angespannt. Der Ertragssaldo liegt aktuell bei -9,9 Punkten. Damit hat er sich zwar gegenüber dem Jahresbeginn 2026 mit -16,9 Punkten verbessert und liegt auch deutlich über dem Frühjahr 2025 mit -29,8 Punkten. Dennoch bleibt der Wert im negativen Bereich. Die Unternehmen erzielen also wieder häufiger steigende Umsätze, können diese aber noch nicht vollständig in bessere Erträge übersetzen.
„Die Umsatzentwicklung hat sich stabilisiert, doch die Erträge halten damit noch nicht Schritt“, so Traub. „Mehr Geschäft bedeutet für viele Unternehmen derzeit nicht automatisch mehr Ergebnis. Kosten, Preise und Margen bleiben zentrale Herausforderungen.“

Beschäftigungsabsichten

Auch der Beschäftigungssaldo bleibt mit -21,5 klar negativ. Das passt zur regionalen Arbeitsmarktstatistik: Im April 2026 lag die Arbeitslosigkeit im Nordschwarzwald mit 16.750 so hoch wie zuletzt im Vergleichsmonat April 2010; zugleich ging die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften zurück.

Größte Risiken

Die Risikoeinschätzung der Unternehmen im Nordschwarzwald bleibt angespannt, hat sich im Frühjahr 2026 jedoch sichtbar verschoben. Die Inlandsnachfrage zählt mit rund 68 weiterhin zu den größten Risiken, liegt aber deutlich unter dem Wert zum Jahresbeginn (83,2).
Besonders auffällig ist der starke Anstieg der wahrgenommenen Risiken durch steigende Energiepreise: Mit ebenfalls rund 68 hat sich ihre Bedeutung gegenüber dem Jahresbeginn (38,8) deutlich erhöht. Auch geopolitische Spannungen bleiben mit rund 59 ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor. Für die industriell geprägte Region Nordschwarzwald ist das ein wichtiges Signal, da Energie-, Rohstoff- und Beschaffungskosten unmittelbar auf Wettbewerbsfähigkeit, Margen und Investitionsentscheidungen wirken. Die Arbeitskosten bleiben mit rund 55 ebenfalls ein relevanter Belastungsfaktor.
Insgesamt zeigt sich: Die größten Risiken ergeben sich derzeit aus der Kombination von verhaltener Nachfrage, hohem Kostendruck und außenwirtschaftlicher Unsicherheit.

Investitionsabsichten

Die Investitionsabsichten der Unternehmen hellen sich im Frühjahr 2026 leicht auf, bleiben aber insgesamt verhalten. Der Saldo verbessert sich von -13,3 zum Jahresbeginn auf aktuell -6,7. Gegenüber dem Frühjahr 2025 (-22,1) ist das eine spürbare Verbesserung, dennoch liegt der Wert weiterhin im negativen Bereich.
Die Investitionsmotive zeigen, dass viele Unternehmen vor allem absichernd investieren: Der Ersatzbedarf steht mit 65,8 klar im Vordergrund, gefolgt von Digitalisierung mit 45,2. Dagegen bleiben Kapazitätserweiterung, Innovation und Expansion mit 16,4 deutlich zurück. Das spricht für eine vorsichtige Investitionshaltung.
„Die Unternehmen investieren vor allem, um leistungsfähig zu bleiben – noch nicht, um kräftig zu wachsen“, sagt Traub. „Das zeigt, wie zurückhaltend die Erwartungen derzeit noch sind.“

Geschäftserwartungen

Die Geschäftserwartungen der Unternehmen im Nordschwarzwald haben sich im Frühjahr 2026 wieder eingetrübt. Der Gesamtsaldo fällt von +7,0 zum Jahresbeginn auf -6,6.
Damit ist die vorsichtige Zuversicht vom Jahresbeginn einer zurückhaltenderen Einschätzung gewichen. Besonders die Entwicklung in der Industrie belastet den Gesamtwert: Dort sinkt der Erwartungssaldo deutlich von +16,0 auf -14,2. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Unternehmen zwar eine stabilere Ausgangslage sehen als im Vorjahr, für die kommenden Monate aber noch keine durchgreifende Belebung erwarten. Die Unsicherheit über Nachfrage, Kostenentwicklung und (außen-)wirtschaftliche Rahmenbedingungen bleibt hoch.

Lage in ausgewählten Wirtschaftszweigen

Das Branchenbild bleibt uneinheitlich.

Dienstleistungen

Die Dienstleistungen sind mit einem Geschäftslagesaldo von +22,1 weiterhin der wichtigste Stabilisator der regionalen Wirtschaft. Allerdings verliert auch dieser Bereich gegenüber dem Jahresbeginn an Dynamik; die Erwartungen liegen mit -1,1 bereits leicht im negativen Bereich.

Handel

Der Handel sendet derzeit das konstruktivste Branchensignal. Die aktuelle Lage verbessert sich aus einer schwachen Ausgangsbasis heraus auf 0,0, nach -11,8 zum Jahresbeginn und -22,2 im Frühjahr 2025. Zugleich drehen die Erwartungen mit +6,3 ins Plus. Das deutet darauf hin, dass sich im Handel vorsichtig wieder mehr Zuversicht bildet.

Produzierendes Gewerbe

Der produzierende Bereich bleibt dagegen der neuralgische Punkt. Die aktuelle Lage liegt mit -7,7 weiterhin im negativen Bereich. Für eine produktionsstarke Region wie den Nordschwarzwald ist das besonders relevant, weil von der Industrie normalerweise wichtige Impulse für Zulieferer, Dienstleister und Investitionen ausgehen. Bleibt dieser Impuls aus, fehlt der Region ein zentraler Treiber für einen breiteren Aufschwung.

Hotel- und Gastgewerbe

Das Hotel- und Gastgewerbe weist mit +9,1 zwar weiterhin positive Geschäftslagewerte auf, liegt aber deutlich unter dem sehr starken Jahresbeginn mit +46,7. Bei den Erwartungen bleibt der Saldo mit -8,3 zwar negativ, hat sich gegenüber dem Jahresbeginn mit -26,7 jedoch spürbar verbessert. Das bedeutet: Die Branche bewertet ihre aktuelle Lage weiterhin vergleichsweise positiv, blickt aber noch vorsichtig auf die kommenden Monate. Zugleich fällt der Ausblick weniger pessimistisch aus als zu Jahresbeginn. Von einer echten Aufbruchsstimmung kann daher noch nicht gesprochen werden, wohl aber von einer gewissen Stabilisierung der Erwartungen.

Wirtschaftspolitische Einordnung

Angesichts der anhaltenden Unsicherheit erwartet die regionale Wirtschaft von der neuen Landesregierung in Baden-Württemberg nun konkrete wirtschaftspolitische Impulse. Beschleunigte Genehmigungen, weniger Bürokratie, verlässliche Energiepolitik und bessere Investitionsbedingungen sind aus Sicht der Unternehmen dringlicher denn je.
Gleichzeitig entstehen neue Chancen: Das seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewandte Interimsabkommen der Europäische Union mit dem Mercosur eröffnet gerade für Maschinenbau, Fahrzeugtechnik und industrielle Güter zusätzliche Marktchancen. Dazu muss der Standort jedoch wettbewerbsfähig bleiben, um die Chancen nutzen zu können. Hier ist die Politik gefordert: „Die Ergebnisse sind ein klarer Auftrag an die Politik“, betont IHK-Präsidentin Gläser. „Die Unternehmen brauchen schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und verlässliche Rahmenbedingungen. Nur dann kann der Nordschwarzwald seine Chancen nutzen und aus Stabilisierung wieder Wachstum machen.“