Prüfung nach 20 Jahren als Industriemechaniker
Stefan Radies aus Wesel kam 2006 zur Firma Meier Prozesstechnik in Rhede. Er arbeitet dort als Industriemechaniker und leitet Baustellen auf der ganzen Welt. Was ihm bislang fehlte, war der Berufsabschluss. Mit 51 Jahren meldete sich Stefan Radies für eine offizielle Prüfung an. Er nahm im Dezember am beruflichen Feststellungsverfahren der Niederrheinischen IHK teil – als erster Industriemechaniker in ganz Deutschland. Stefan Radies überzeugte die Prüfer und hat nun ein Zeugnis.
Herr Radies, wie hat sich Ihr Berufsleben entwickelt?
Lustigerweise habe ich nach der Schule eine Lehre zum Industriemechaniker begonnen. Doch damals kam ich mit dem Meister überhaupt nicht klar. Also habe ich abgebrochen. Mein Berufswunsch als Jugendlicher war eigentlich Maurer. Mein Vater war wenig begeistert. Der hat nämlich selber als Maurer gearbeitet und kannte die ganzen Nachteile. Am Ende habe ich doch eine Lehre in dem Beruf begonnen. Kurz vor dem Ende der Ausbildung ist die Firma pleite gegangen. Ich stand also wieder ohne Abschluss da. Dann fiel die Entscheidung, mich mit meinem Vater in der Baubranche selbstständig zu machen. Danach habe ich verschiedene Jobs gehabt – auch als Schlosser. 2006 bin ich über Umwege schließlich bei Meier Prozesstechnik in Rhede gelandet.
Der Betrieb hat Sie ohne Abschluss angestellt?
Das war schon kurios. Ich hatte über eine Zeitarbeitsfirma schon zwei Monate für das Unternehmen gearbeitet – und mich wohl ganz gut verkauft. Die Verantwortlichen wollten mich deshalb direkt anstellen. Ich habe also meine Bewerbung abgeben. Und im Lebenslauf stand drin: Lehre abgebrochen. Der Meister hat sich die Unterlagen angesehen: „Warum schreibst du so einen Quatsch da rein?“ Ich habe ihm gesagt: „Das ist die Wahrheit.“ Das ganze Know-how hatte ich mir selber angeeignet. Der Meister hat erstmal geschluckt und dann doch ein gutes Wort beim Geschäftsführer für mich eingelegt. Somit hatte ich den Job. Und jetzt bin ich fast 20 Jahre im Unternehmen.
Was für Aufgaben haben Sie übernommen?
Ich baue aus kleinen Einzelteilen große Anlagen zusammen – wie ein Industriemechaniker. Ich war auf Baustellen in der ganzen Welt unterwegs. Die Firma arbeitet unter anderem für Kunden in Indien, Kanada und den USA. Dort war ich als Leiter im Einsatz, habe mit Kollegen die Anlagen in Betrieb genommen und gewartet. Dadurch konnte ich mein Englisch auch wieder aufbessern.
Warum wollten Sie trotz Ihrer Erfolge an dem Feststellungsverfahren teilnehmen?
Ich wollte mir selber was beweisen. Trotz der langen Berufserfahrung und der vielen Auslandsaufenthalte war ich immer der Ungelernte. Das hat mich gestört. So ein Zeugnis macht sich in den Unterlagen immer gut. Ich habe dann ein bisschen gegoogelt und dann gesehen, dass dieses Feststellungverfahren genau zu mir passt. Dann kam es zu einem Vorgespräch mit Clarissa Blaß von der Niederrheinischen IHK. Die hat mir noch mal die Voraussetzungen erklärt. Genügend Berufserfahrung hatte ich ja, das nötige Alter sowieso. Mein Arbeitgeber war auch sehr aufgeschlossen. Und dann haben wir einem Termin bei uns im Betrieb festgemacht.
Wie war die Prüfung für Sie?
Ich sollte Heizplatten in einem Vakuumtrockner einbauen. Dabei habe ich direkt einen Fehler gefunden und behoben. Das zugelieferte Rohr war defekt. Einer der Prüfer meinte schon im Scherz, ob ich den Fehler absichtlich eingebaut hätte, um die Kommission zu beeindrucken. Das habe ich verneint. Der Prüfer sagte noch, wenn das Absicht gewesen wäre, wäre ich nicht nur ein guter Industriemechaniker, sondern auch ein guter Schauspieler. Ich hatte nach einer Stunde schon das Gefühl, dass ich das Ding ziehen werde. Das lag auch an dem guten Draht zu den externen Prüfern. Am Ende folgte das Fachgespräch, bei dem ich unter anderem eine Zeichnung erklären musste. Alles hat gepasst. Und jetzt habe ich ein Zeugnis, das meine Fähigkeiten als Industriemechaniker in vollem Umfang bescheinigt. Das ist vergleichbar mit einem Gesellenbrief.
Was sind jetzt Ihre beruflichen Pläne?
Es war mal die Rede davon, mich zu einer Art Supervisor für die Baustellen zu machen. Da ich jetzt das Zeugnis habe, ist das im Unternehmen auch leichter zu vermitteln. Und dann schaue ich mal, welche Türen sich noch für mich öffnen. Schulterklopfer für meine Arbeit habe ich immer schon bekommen. Jetzt steht es Schwarz auf Weiß, dass ich was kann.
Foto: Niederrheinische IHK
Kontakt
Niederrheinische Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel-Kleve zu Duisburg
