IHK-Medieninformation

"Wer die Erneuerbaren entfesseln will, der muss auch die Netze entfesseln"

Unternehmer der IHK-Vollversammlung positionieren sich zur Energiepolitik (31.05.2022)
Die extrem gestiegenen Energiepreise und die offenen Fragen bei der Versorgungssicherheit haben sich zu zentralen Herausforderungen für die niederbayerische Wirtschaft entwickelt. Die Unternehmerinnen und Unternehmer in der Vollversammlung der IHK Niederbayern haben daher ihre vergangene Sitzung in Passau unter diesen Schwerpunkt gestellt. Markus Leczycki, selbst Mitglied der Vollversammlung und Leiter des Kommunalmanagements beim Netzbetreiber Bayernwerk, konnte dazu einen Insider-Bericht abgeben. Bezogen auf die aktuelle Lage der Gasversorgung gab er zunächst Entwarnung, es gebe keinerlei Engpässe. Allerdings: In Bayern werde momentan 90 Prozent des Bedarfs durch russisches Erdgas gedeckt, daraus ergebe sich eine hohe Abhängigkeit, die kurzfristig nicht gelöst werden könne. Daher auch seine klare Aussage: „Wir bereiten uns seitens der Energiewirtschaft auf eine Gasmangellage vor.“ Leczycki zufolge greift in einer solchen Situation der bekannte Stufenplan. Dieser sehe unter anderem vor, dass die vorhandene Gasmenge bundesweit verteilt und die Abhängigkeit Bayerns damit etwas ausgeglichen wird. Bei der praktischen Umsetzung des Stufenplans, bis hin zur Drosselung des Gasverbrauchs der größeren Industriebetriebe, seien aber noch viele Fragen offen. Die IHK-Organisation steht dazu im ständigen Austausch mit der verantwortlichen Bundesnetzagentur, um ein für die Wirtschaft so wenig belastendes Szenario wie möglich zu erreichen.
Noch wichtiger als diese derzeit drängenden Probleme waren den Unternehmern aber die Herausforderungen der Energiewende und die Zukunft der Energieversorgung insgesamt – das machte die Diskussion in der Vollversammlung deutlich. IHK-Präsident Thomas Leebmann forderte, den Blick zu weiten: „Die Energiethematik trifft nicht allein die energieintensive Industrie, denn unsere Wirtschaft ist eng verflochten und sehr vieles baut aufeinander auf. Des Weiteren dürfen wir mit Blick auf die Zukunft eben nicht nur Gas und Öl thematisieren. Sondern es stellen sich sehr grundlegende Fragen der Energiepolitik, der Versorgungssicherheit und vor allem auch der Preisentwicklung. Die Betrachtung eines einzelnen Energieträgers für sich greift dabei zu kurz“, sagte Leebmann. Die IHK habe sich daher einerseits schon sehr früh und deutlich gegen ein Embargo auf russisches Gas ausgesprochen. Andererseits gehöre nun die gesamte Energiepolitik dringend auf den Prüfstand, forderte der IHK-Präsident: „Es darf keine Denkverbote mehr geben: Alle Möglichkeiten der Energieproduktion sowie der damit verbundenen Netz- und Speicherinfrastruktur müssen in eine Gesamtbetrachtung eingeschlossen werden. So bringt etwa der Ausbau von Wind- und Solarenergie nichts, wenn nicht gleichzeitig Spitzen in der Stromproduktion sinnvoll abgefedert und umgekehrt Lücken effektiv geschlossen werden.“ Die Unternehmer diskutierten in diesem Zusammenhang Biogas und Wasserstoff ebenso wie Wasserkraftwerke oder Geothermie. Hier traf sich die Position der Wirtschaft mit den Ausführungen des Energieexperten Leczycki. „Es wird entscheidend sein zu diversifizieren“, betonte er – und zwar bezüglich der Vielfalt der Energieträger wie der internationalen Partner in der Energieversorgung. Dafür sei aber ein ganzheitlicher Ansatz notwendig, Leczycki sprach von einem „Masterplan“, den die Politik bisher vermissen lasse. Der notwendige schnelle Ausbau der Erneuerbaren Energien sei nur dann sinnvoll, wenn er mit dem Ausbau von Netzen und Speichern verbunden und synchronisiert wird – ein Ansatz, der von den Regierungen auf Bundes- wie Landesebene zu sehr vernachlässigt werde. Die Forderung der Unternehmer war daher eindeutig: Gerade in dem für die Wirtschaft so wichtigen Bereich der Energieversorgung sowie des Netzausbaus müssen bei Bürokratie, Planungs- und Genehmigungsverfahren endlich die Bremsen gelöst werden. Oder, wie es Leczycki formulierte: „Wer die Erneuerbaren Energien entfesseln will, der muss auch die Netze entfesseln.“
Ein weiterer Punkt in der Sitzung der Vollversammlung betraf ein Dauerthema der Wirtschaft: den Nachwuchs- und Fachkräftemangel. Der Fachkräftemangel sei allen anderen Herausforderungen zum Trotz unverändert eines der größten Entwicklungsrisiken für die Betriebe, das bestätigten alle Umfragen der IHK, erläuterte Hauptgeschäftsführer Alexander Schreiner: „Das Thema bewegt über alle Unternehmensgrößen hinweg, über alle Branchen und Regionen.“ Schreiner gab einen Überblick über aktuelle Projekte und Initiativen der IHK für Fachkräftesicherung und -gewinnung in der Region, von den Ausbildungs- und KarriereScouts der IHK, die vor allem für die Berufsorientierung stehen, über einen „Arbeitskreis Personal“ als neues Forum für Unternehmer und Personalverantwortliche bis hin zu den Fachkräfte- und Bildungsberatern der IHK, die direkt auf die niederbayerischen Betriebe zugehen. Weiterführende Informationen zum Beratungs- und Serviceangebot der IHK zur Fachkräftesicherung finden sich unter anderem auf der IHK-Website.