Energiekrise

Sondersituation Süddeutschland: Gefahr der Versorgungslücke steigt

Energiepreissteigerungen für kleine und mittlere Betriebe existenzgefährdend (01.09.2022)
Am 1. September ist der erste Teil der sogenannten Energieeinsparverordnung in Kraft getreten, die auch Vorgaben für die Wirtschaft macht. Der Grundsatz des Energiesparens ist besonders in der aktuellen Situation zweifellos richtig, so die Einschätzung der IHK Niederbayern – doch die großen und wichtigen Schritte werden mit der Verordnung nicht eingeleitet.

Wenig Speicherkapazität für Gas in Bayern

Daher steigt bei den niederbayerischen Unternehmen die Sorge vor Engpässen bei Gas und in der Folge auch Strom für den kommenden Winter, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Alexander Schreiner. Er fordert ein entschlosseneres Handeln der Politik auf Bundes- und Landesebene. „Ausgerechnet in den bedeutenden Industrieregionen im Süden, zu denen Niederbayern gehört, steigt die Gefahr einer Versorgungslücke. In Bayern gibt es vergleichsweise wenig Speicherkapazität für Gas, vor allem aber steht in Frage und ist nicht getestet, ob es Gasleitungen mit ausreichender Kapazität von Nord- nach Süddeutschland gibt. Das erschwert den Einsatz von Ersatzmöglichkeiten für russische Gaslieferungen wie etwa Flüssiggas oder Gaslieferungen aus Norwegen und den Niederlanden“, erläutert Schreiner.

Mangellage in der Stromversorgung wird wahrscheinlicher

Die Bundesnetzagentur spreche bereits von möglichen „regional begrenzten Ausfällen“ der Gasversorgung, berichtet der IHK-Hauptgeschäftsführer – seiner Einschätzung nach betrifft das Bayern ganz direkt: „Blickt man etwa auf einen Wintermonat wie den kommenden Januar, ergibt sich eine fatale Situation: Es wird zu wenig Gas ankommen, für die Heizversorgung wie für die Verstromung. Die bayerischen Kernkraftwerke sind dann vom Netz gegangen, Kohlekraftwerke sind in Bayern nicht im Einsatz, die Photovoltaik liefert weniger Ertrag, der Anteil von Wind- und Wasserkraft lässt sich kurzfristig nicht steigern. Nach der Gaskrise wird damit eine Mangellage auch in der Stromversorgung wahrscheinlicher. Die unausweichlichen Folgen selbst von kurzen Ausfällen der Energieversorgung sind aber Betriebsunterbrechungen, Produktionsstopps oder massive Einschränkungen, die einen wirtschaftlichen Betrieb in sehr vielen Unternehmen, von Handel über Dienstleistungen bis Tourismus, unmöglich machen.“ Er sieht den Bund, aber auch Bayern in der Pflicht, alles daran zu setzen, dass Süddeutschland bei der Energieversorgung nicht abgeschnitten wird. „Dazu können eine Priorisierung des Südens bei der Befüllung der Gasspeicher sowie eine massive Beschleunigung des Ausbaus der Netzkapazität bei Gas und Strom ebenso gehören, wie eine Stabilisierung der Stromproduktion, die alle Möglichkeiten fördert und ausschöpft. Mit Blick auf die nahe Zukunft ist daher für Niederbayern auch eine leistungsfähige Wasserstoffinfrastruktur wichtig“, bekräftigt Schreiner.

Preissteigerungen werden zum existenziellen Problem für die kleine und mittlere Betriebe

Neben der Frage der Versorgungssicherheit entwickeln sich die extremen Preissteigerungen für Energie – von Gas über Öl bis Strom – zu einem existenziellen Problem für die niederbayerische Wirtschaft. „Wir erleben derzeit nahezu jede Woche neue, bisher unerreichte Höchststände bei den Energiepreisen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Das ist zunächst ein enormes Problem für die energieintensive Industrie in Niederbayern, von der chemischen über die Glas-, Lebensmittel- oder Papierindustrie bis hin etwa zu den Ziegeleien. Laut der IHK-Umfrage ‚Energiewende-Barometer‘ haben bereits jetzt 16 Prozent aller Industriebetriebe in Deutschland ihre Produktion zurückgefahren, bei energieintensiven Unternehmen ist dieser Wert mit 32 Prozent sogar doppelt so hoch. Die von der Politik eingeleiteten Maßnahmen um solche Großverbraucher zu entlasten sind allerdings äußert bürokratisch ausgestaltet und damit wenig wirksam. Spätestens wenn Energie noch knapper wird und aktuelle Verträge auslaufen, kommt das extreme Preisniveau aber auch bei sehr vielen kleinen und mittleren Betrieben der unterschiedlichsten Branchen an – und diese fallen bei den angekündigten Unterstützungsmaßnahmen bisher unter den Tisch. Preissteigerungen in einer Größenordnung von 10.000 Euro pro Jahr und mehr können solche Betriebe schnell in den Ruin treiben. Niederbayerns Wirtschaft ist geprägt von mittelständischen, oft familiengeführten Unternehmen. Ein Kahlschlag in diesem Segment würde unseren Wirtschaftsstandort nachhaltig und in voller Breite schwächen. Auch die kleinen und mittleren Betriebe benötigen daher Unterstützung.“