IHK-Medieninformation

Der Optimismus in Niederbayerns Wirtschaft ist dahin

Zurück im Krisenmodus: IHK-Umfrage belegt Einbruch der Geschäftserwartungen (12.05.2022)
Regelmäßig fragt die IHK die niederbayerischen Betriebe aus Industrie, Handel, Dienstleistungen und Tourismus nach ihrer aktuellen Lage sowie den Geschäftsaussichten für die Zukunft. In der aktuellen Umfrage ist der IHK-Konjunkturklimaindikator, für den die Umfragewerte miteinander verrechnet werden, unter seinen langjährigen Durchschnitt gerutscht: Er liegt bei 113 Zählern, neun Punkte unter dem Wert zum Jahreswechsel. „Der Abwärtstrend aus der Vorumfrage setzt sich damit fort. Weiterhin belasten Auswirkungen der Pandemie die Unternehmen, vor allem schlagen sich aber die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs nieder. Die Risikobewertungen bei Energie und Rohstoffen liegen auf einem Allzeithoch, Nachfragerückgänge im In- und Ausland drücken auf die Werte. Die niederbayerische Wirtschaft ist zurück im Krisenmodus“, verdeutlicht IHK-Hauptgeschäftsführer Alexander Schreiner die Umfrageergebnisse.

Extreme Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie werden zu existenzieller Bedrohung

Dabei ist die aktuelle Geschäftslage der Umfrage zufolge noch vergleichsweise robust, erläutert Schreiner. Zwar liegen hier die Werte weiterhin deutlich unter Vor-Corona-Niveau, aber 92 Prozent der befragten Betriebe berichten von guten oder zumindest befriedigend laufenden Geschäften. „Was die Umfragewerte nach unten zieht, sind die Aussichten auf die kommenden Monate. In der Vorumfrage hatte das absehbare Ende der einschneidenden Corona-Maßnahmen die Geschäftserwartungen noch steigen lassen, doch dieser Optimismus ist nun dahin“, sagt Schreiner.
Die Gründe dafür sind vielfältig, vieles lässt sich jedoch auf die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs zurückführen. Die extremen Preissteigerungen bei Rohstoffen und vor allem bei der Energie werden mehr und mehr zu einer existenziellen Bedrohung, das belegt die Umfrage sehr eindrücklich: „Drei Viertel der Betriebe bewerten diese Preissteigerungen als gravierendes Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung, das ist ein nie zuvor gesehenes Allzeithoch“, verdeutlicht Schreiner.
Über alle Branchen hinweg werden bei den Unternehmen daher Preisanpassungen notwendig, wobei bei weitem nicht alle die massiv gestiegenen Kosten komplett an ihre Kunden weitergeben können oder wollen: Lediglich ein Drittel gibt in der Umfrage eine vollständige Weitergabe an. Auch die bereits seit Monaten bestehenden Lieferschwierigkeiten hat der Ukraine-Krieg weiter verschärft. Nur noch jeder Zehnte rechnet hier im laufenden Jahr mit einer Verbesserung, zu Jahresbeginn lag dieser Wert noch bei 40 Prozent. Darüber hinaus ist Corona in der Wirtschaft noch nicht überwunden, weder auf internationaler Ebene, etwa mit Blick auf die Null-Covid-Strategie in China, noch im eigenen Wirtschaftsraum. Hierzulande wirkt sich insbesondere der Ausfall von Beschäftigten aufgrund von Quarantäne- und Isolationsvorschriften aus. „Davon lässt sich nicht abkoppeln, dass die Unternehmen weiterhin den Fachkräftemangel als einen der größten Risikofaktoren einschätzen. Die insgesamt eingebrochenen Erwartungen spiegeln sich zudem in den Investitionsabsichten und Personalplänen der Betriebe wider, die nach unten korrigiert wurden“, bekräftigt Schreiner.

Nur im Tourismus herrscht Aufbruchstimmung

Während sich diese Negativ-Themen übergreifend in der gesamten niederbayerischen Wirtschaft zeigen, fällt das Bild je nach Branche durchaus unterschiedlich aus. So kann sich der Tourismus als einziger Wirtschaftsbereich deutlich absetzen und meldet nach einer langen Phase mit verhaltenen bis schlechten Einschätzungen nun Erwartungswerte auf Rekordniveau. Die Branche hofft auf Nachholeffekte nach dem Fall der Corona-Einschränkungen, die Aussicht auf die bevorstehende Hauptreisezeit gibt zusätzlichen Schub. In den regionalen Handelsbetrieben brechen die Erwartungen hingegen regelrecht ein, was sich mit der gestiegenen Unsicherheit der Verbraucher, der anziehenden Inflation und der daraus folgenden schwachen Inlands-Nachfrage erklären lässt. Aus dem Auslandsgeschäft kommen keine stärkenden Impulse, im Gegenteil: Ein Absturz der Exporterwartungen trifft vor allem die exportorientierte niederbayerische Industrie. Das nie dagewesene Niveau der Energiepreise sowie die unbeantworteten Fragen bezüglich der zukünftigen Sicherheit der Energieversorgung treffen nicht nur die energieintensiven Industriebetriebe, sondern die Wirtschaft insgesamt.

Was die Unternehmen jetzt brauchen

„Angesichts der Dimension und Breite der Herausforderungen, vor die sich die Betriebe gestellt sehen, brauchen sie die Freiheit und die Rahmenbedingungen, um diesen aus eigener Kraft begegnen zu können“, betont Thomas Leebmann, der Präsident der IHK Niederbayern. Er formuliert klare Forderungen an die Politik: „Bei den Energiepreisen benötigt besonders die energieintensive Industrie eine deutliche Entlastung, sonst stehen Produktionsstandorte, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Niederbayern deutlich in Frage. Ein Gasembargo gegen Russland lehnt die Wirtschaft daher mit breiter Mehrheit ab. Energiewende und Energiepolitik müssen so gestaltet werden, dass Versorgungssicherheit und ein bezahlbares Preisniveau erreicht werden. Bei der Fachkräftesicherung erwarten sich die Betriebe mehr Unterstützung von der Politik. Und bei Bürokratie, Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen endlich spürbar die Bremsen gelöst werden, gerade auch mit Blick auf die Erneuerbaren Energien sowie den dafür erforderlichen Ausbau von Netzen und Speichermöglichkeiten.“
In den Konjunkturbericht der IHK Niederbayern fließen dreimal im Jahr die Einschätzungen von 460 regionalen Betrieben zu Wirtschaftslage und -erwartungen ein. Die befragten Unternehmen stellen eine repräsentative Auswahl aus den über 90.000 Mitgliedsbetrieben der IHK Niederbayern dar und kommen aus allen Wirtschaftszweigen und Unternehmensgrößen.
Der detaillierte Konjunkturbericht samt einer Auswertung nach einzelnen Branchen ist interaktiv aufbereitet auf der IHK-Website verfügbar: www.ihk-niederbayern.de/konjunktur